Corona-Ausbruch in Ischgl Die Brutstätte

Touristen aus aller Welt haben sich im Paznauntal mit dem Coronavirus infiziert. Obwohl es längst Indizien gab, blieben in Tirol Lifte und Bars bis zum Wochenende geöffnet. Ging hier Profit vor Gesundheit?
Von Walter Mayr, Wien
Geschlossenes Après-Ski-Lokal Kitzloch in Ischgl: "Gier und Versagen"

Geschlossenes Après-Ski-Lokal Kitzloch in Ischgl: "Gier und Versagen"

Foto: JAKOB GRUBER/ AFP

Zumindest eines ist inzwischen sicher: Eros Ramazzotti kann sich den Weg ins Tiroler Paznauntal sparen. Der italienische Popstar war als Attraktion gebucht fürs "Top of the Mountain Closing", den Abschluss der Skisaison am 2. Mai 2020 - auf der Idalp, 2320 Meter hoch über dem Meeresspiegel, fast tausend Meter über dem Wintersportort Ischgl, dem "Ballermann der Alpen".

Das Spektakel ist gestrichen worden, die Saison im Tiroler Touristenort aufgrund der Corona-Pandemie am Freitag vorzeitig beendet - sieben Wochen früher als geplant. Andererseits: deutlich später als es für Hunderte Gäste aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Deutschland gut gewesen wäre. Sie haben sich, so wie es aussieht, in Ischgl mit dem Virus angesteckt und die Krankheit mittlerweile in ihre Heimatländer getragen.

"Prinzipiell ist das eine Katastrophe für Ischgl", klagt telefonisch aus dem nun hermetisch abgeriegelten Ort Werner Kurz, seit zehn Jahren Bürgermeister von Ischgl. "Aber von den wirtschaftlichen Folgen reden wir jetzt nicht, wir werden auch das überstehen, so wie wir in der Vergangenheit Hochwasser und Lawinen überstanden haben."

Touristen aus Skandinavien und Deutschland angesteckt

An die tausend Männer und Frauen aus dem Tourismusgewerbe, dazu gut zwei Dutzend österreichische Touristen säßen momentan wegen der tirolweit verhängten Ausgangssperre fest im Wintersportort. Wie viele Österreicher in Ischgl aktuell infiziert seien, wisse er nicht, sagt Kurz.

Das 1600-Einwohner-Dorf Ischgl ist stolz auf gut eine Million Übernachtungen pro Jahr und sorgt mit mehreren Millionen Kubikmetern Kunstschnee dafür, dass Besucher aus dem europäischen Norden hier von November bis Mai auf Skiern stehen können. Ab dem Nachmittag dürfen die Gäste für gutes Geld in Etablissements wie dem Kuhstall, der Schatzi-Bar oder der Champagnerhütte Party machen.

Zum Verhängnis in Zeiten der Pandemie wurde den Feierfreudigen nun offenkundig der Aufenthalt in der Après-Ski-Bar "Kitzloch" am Ischgler Galfeisweg unweit der Talstation: Ein dort beschäftigter Barkeeper soll mit dem Coronavirus infiziert gewesen und verantwortlich dafür sein, dass sich unzählige Touristen, vor allem aus Skandinavien und Deutschland, angesteckt haben.

Mehr als jeder zweite erkrankte Norweger und jeder dritte Däne gibt an, sich in Österreich infiziert zu haben. Auch in Norddeutschland häufen sich die Meldungen positiv getesteter Ischgl-Urlauber. Im württembergischen Ostalb-Kreis hält unterdessen noch die Suche nach jenen Tagesurlaubern an, die Ende Februar und Anfang März in Bussen zum Skifahren nach Ischgl verfrachtet worden waren.

Für die gesamte Branche zwischen Arlberg und Neusiedler See sind Nachrichten wie diese existenzgefährdend. "Gier und Versagen in Tirol", titelt die Wiener Tageszeitung "Der Standard " und verweist darauf, dass Sessellifte und Gondeln "zu fröhlicher Zithermusik" noch am Sonntag Menschen bergwärts schaukelten - auch in Teilen des wegen der Pandemie gesperrten Paznauntals.

Trotz Warnungen wird weiter gewedelt und gebechert

Liftbetreiber und Hoteliers hätten die letzten fetten Einnahmen einfach noch mitnehmen wollen, zulasten der Gesundheit von Bürgern und Gästen. Der Tiroler Regierungschef Günther Platter und die örtlich Verantwortlichen bestreiten solche Anschuldigung vehement. Der Ischgler Bürgermeister Kurz sagt: "Wir haben alle Verordnungen rechtzeitig umgesetzt."

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War das so? Wie kann es dann sein, dass isländische Behörden aufgrund von erkrankten Rückkehrern bereits am 5. März das Skigebiet Ischgl zur Risikozone erklären, während dort, am Fuß der Silvretta, noch mehr als eine Woche lang weiter gewedelt, gebechert und geflirtet werden durfte? Wie ist es möglich, dass in Norwegen bereits ab dem 7. März verdächtige Rückkehrer aus dem Paznauntal positiv getestet wurden, während die Tiroler Landessanitätsdirektion noch einen Tag später verkündete, es sei "aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich", dass Gäste der Kitzloch-Bar sich infiziert haben könnten? Bis zur Schließung des Lokals vergingen zwei weitere Tage.

Die Folgen der offenkundigen Schluderei im Paznauntal sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise zu erahnen. Ein Anästhesist aus dem Uniklinikum Salzburg, der in Ischgl auf Urlaub war, scheint sich dort infiziert zu haben - mehr als hundert seiner Kontaktpersonen, darunter Ärzte, Pfleger und Besatzungsmitglieder eines Rettungshubschraubers, fallen deshalb nun für den aktiven Einsatz im Kampf gegen das Coronavirus aus. Die Lebensgefährtin des Arztes wiederum, gleichfalls vom Virus befallen, arbeitet als Pflegekraft auf der Station für Frühgeborene und hatte mit Säuglingen Kontakt.

Während im oberösterreichischen Gmunden das Nachtlokal "Blauer Affe" am Sonntag noch zum "Weltuntergangsbier" oder alternativ zu Corona plus Tequila für nur sechs Euro lud, nehmen die schlechten Nachrichten aus den Tiroler Skihochburgen kein Ende: Auch ein Barkeeper im Ötztaler Touristen-Hotspot Sölden soll nun positiv auf das Coronavirus getestet worden sein. 80 Angestellte des betroffenen Hotels sind dem Vernehmen nach in Quarantäne.

Fast ist es, als habe sich das Coronavirus als Brutstätten der Verbreitung Gegenden ausgesucht, an denen der Widersinn der modernen, globalisierten Freizeitindustrie am besten zu besichtigen ist: Im Ischgler "Kitzloch" und in anderen Tiroler Après-Ski-Tränken stehen die Gäste aus aller Welt abends so dicht an dicht, dass das Bedienungspersonal nur mithilfe schriller Töne aus Trillerpfeifen einen Weg zu bahnen versteht. Wenig verwunderlich, dass unter diesen Umständen ein einziger Barmitarbeiter mindestens 24 Menschen ansteckte.

Was erstaunt, ist vielmehr die Tatsache, dass das feuchtfröhliche Treiben in Ischgl bis zum Freitag ungehindert weiterlaufen konnte. Gut möglich, dass die Hintergründe vor Gericht geklärt werden müssen.

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