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Brief an die Nation Premier Johnson stimmt Briten auf schwere Zeiten ein

"Es ist wichtig für mich, offen und ehrlich mit Ihnen zu reden": Mit einem Brief, der an alle Haushalte verteilt werden soll, bereitet Premier Johnson die Briten auf weitere Härten im Kampf gegen die Pandemie vor.
Britischer Premier Johnson in einer Videoschalte mit Coronavirus-Experten

Britischer Premier Johnson in einer Videoschalte mit Coronavirus-Experten

Foto: ANDREW PARSONS/DOWNING STREET HANDOUT/EPA-EFE/Shutterstock
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit einem emotionalen Brief stimmt der an Covid-19 erkrankte britische Premierminister Boris Johnson seine Landsleute auf schwere Zeiten ein und schließt auch noch schärfere Maßnahmen im Kampf gegen die Lungenkrankheit nicht mehr aus. "Es ist wichtig für mich, offen und ehrlich mit Ihnen zu reden - wir wissen, dass die Lage sich verschlechtert, bevor sie besser wird", heißt es in dem Schreiben, das Downing Street am Samstag in London veröffentlichte und das in der kommenden Woche an 30 Millionen Haushalte geschickt werden soll.

Die Regierung treffe die richtigen Vorbereitungen, schreibt Johnson, und je stärker diese Regeln befolgt würden, desto weniger Leben würden verloren und desto eher könne man in ein normales Leben zurückkehren. Der Premier schloss aber auch eine weitere Verschärfung der Maßnahmen nicht aus: "Wir werden nicht zögern weiterzugehen, wenn uns der wissenschaftliche und medizinische Ratschlag sagt, dass wir das tun müssen."

Die Zahl der Toten durch die Lungenkrankheit Covid-19 stieg am Sonntag in Großbritannien auf mehr als 1020, die Zahl der bestätigten Infektionen lag bei rund 17.300. Neben Johnson haben sich auch Gesundheitsminister Matt Hancock und Thronfolger Prinz Charles mit Sars-CoV-2 infiziert. Am Montag hatte der Premierminister nach langem Zögern eine Ausgangssperre verhängt. Noch Anfang März hatte er geprahlt, er habe Menschen in einem Krankenhaus, darunter Covid-19-Patienten, die Hände geschüttelt. Das werde er auch weiterhin tun, sagte er damals.

In dem Brief rechtfertigt Johnson die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus. Er verstehe die Schwierigkeiten, die diese "Störung" verursacht habe. "Aber die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, sind absolut notwendig, aus einem sehr einfachen Grund. Wenn zu viele Menschen auf einmal ernsthaft krank werden, kann der NHS (Nationale Gesundheitsdienst) nicht damit fertigwerden. Das wird Leben kosten." Deswegen müsse die Ausbreitung der Krankheit verlangsamt werden, "um so viele Leben zu retten wie möglich". Es gebe nur die einfache Anweisung - "Sie müssen zu Hause bleiben."

Kritik an laxen Schutzmaßnahmen

Nach Bekanntwerden der Covid-19-Erkrankung des Premiers und seines Gesundheitsministers hatte es am Samstag teils harsche Kritik am Umgang der britischen Regierung mit dem Coronavirus-Ausbruch gegeben. John Ashton, ein ehemaliger Regionaldirektor des NHS, warf der Regierung Trägheit vor. Das gelte sowohl für die Maßnahmen im Land als auch für deren persönliches Verhalten, beide seien "zu langsam" gewesen.

Moniert wurde auch, dass Johnson ein schlechtes Vorbild in der Krise abgegeben habe: Noch am Mittwoch hatte sich Johnson im beengten Parlament den Fragen von Abgeordneten gestellt. "Ich war überrascht, dass die Fragestunde abgehalten wurde - es war eindeutig unnötig", sagte Ashton dem "Guardian" . Die "Financial Times" zitierte ein Kabinettsmitglied mit dem Vorwurf, einige Minister seien "sehr zögerlich" gewesen, die eigenen Ratschläge zur sozialen Distanz in die Praxis umzusetzen. Ein anderes Regierungsmitglied beschwerte sich der Zeitung zufolge, der Nationale Sicherheitsrat Cobra habe noch bis vor wenigen Tagen "zusammengepfercht" in einem abhörsicheren Sitzungsraum getagt.

  • Welche politischen Folgen die Erkrankung Johnsons haben könnte, erklärt unser London-Korrespondent Jörg Schindler hier: Einsam in Downing Street

oka/dpa