Griechenland, Libanon, Bangladesch, Kenia Die Angst in den Flüchtlingslagern

In Flüchtlingslagern leben auf engstem Raum zu viele Menschen zusammen. Helfer versuchen mit strikten Regeln, einen Ausbruch von Covid-19 zu verhindern. Ärzte warnen: ein unmögliches Unterfangen.
Camp Moria auf Lesbos: Angst vor dem Virus

Camp Moria auf Lesbos: Angst vor dem Virus

Foto: Angelos Tzortzinis/ dpa
Globale Gesellschaft

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Das Flüchtlingscamp Moria erstreckt sich wie eine wild gewachsene Stadt über die Olivenhaine. 20.000 Menschen leben hier; es ist das größte Lager für Migranten und Flüchtlinge in Griechenland - und in Europa. Die Menschen übernachten in wackeligen Zelten oder unter aufgespannten Planen.

Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal: Überall liegt Müll, der Gestank ist schwer auszuhalten. Familien leben auf wenigen Quadratmetern: Die Unterkünfte stehen so dicht, dass manchmal schon ein Funke genügt, um einen Brand auszulösen. Gestern starb ein Kind, als ein Teil des Lagers in Flammen aufging.

Tausende Menschen teilen in Moria sich ein Waschbecken. Bewohner erzählen, sie müssten manchmal stundenlang anstehen, um etwas zu Essen zu bekommen.

In vielen europäischen Städten meiden die Menschen in diesen Tagen soziale Kontakte, horten Desinfektionsmittel und waschen sich im Halbstundentakt die Hände. Doch Menschen auf der Flucht haben diese Möglichkeit nicht. Die beengten Verhältnisse in den Lagern sind der perfekte Nährboden für Krankheiten.

"Unmöglich" einen Ausbruch zu verhindern

Es sei "unmöglich" einen Ausbruch in einem griechischen Flüchtlingslager einzufangen, warnt die Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Auch in anderen Flüchtlingslagern steigt die Angst vor dem Virus. In Griechenlands Nachbarland Türkei lebt zwar nur ein Bruchteil der insgesamt rund 4 Millionen Flüchtlinge in Camps, die meisten schlagen sich auf eigene Faust in den Städten durch. Doch an der türkisch-griechischen Grenze spitzt sich die Lage zu. Hier harren Tausende Migranten im Freien aus, seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor gut zwei Wochen ankündigte, die Grenze nach Europa zu öffnen.

Im Süden von Bangladesch, in der Nähe der Stadt Cox's Bazar, liegt eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Im Spätsommer 2017 fanden hier Hunderttausende Rohingya - so heißt die muslimische Minderheit Myanmars – vor Vertreibung in ihrer Heimat Zuflucht. Rund 850.000 Menschen drängen sich aktuell hier, das sind mehr Menschen als Frankfurt am Main Einwohner hat – auf kaum mehr als einem Zehntel der Fläche. 

Flüchtlinge in Idlib: Die Menschen sind sich selbst überlassen

Flüchtlinge in Idlib: Die Menschen sind sich selbst überlassen

Foto: AAREF WATAD/ AFP

Noch gibt es nur drei bestätigte Fälle des Coronavirus in Bangladesch und alle davon im Norden, also weit weg von den Lagern. Aber kaum ein Experte will sich darauf verlassen, dass es dabei bleibt. Bangladesch ist eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt – und eines, dessen Gesundheitssystem schon jetzt überfordert ist.

Helfer versuchen deshalb zu verhindern, dass das Virus überhaupt ins Lager kommt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Flughafen nahe Cox's Bazar Infrarot-Thermometer verteilen lassen, ankommende Reisende sollen auf Fieber getestet werden. Krankenhäuser in der Umgebung wurden mit zusätzlicher Schutzkleidung ausgestattet. In den Lagern selbst warnen Schilder vor Covid-19 und weisen die Bewohner auf richtiges Händewaschen hin.

Besuche werden auf ein Minimum reduziert

In anderen Flüchtlingslagern wurden ähnliche Standards eingeführt. In Kenia, wo rund 500.000 Menschen aus Somalia und Südsudan leben, verschickt das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) Handy-Nachrichten mit der Bitte, Symptome möglichst schnell zu melden. An den Eingängen zu den Lagern Kukuma und Dadaab wurden die Kontrollen verstärkt: Wer hinein will, wird nun befragt, wo er oder sie in den vergangenen Wochen war.

"Auch unsere Mitarbeiter machen nur Besuche, die wirklich notwendig sind", sagt Eujin Byun, Sprecherin des UNHCR in Kenia. Dass ein Ausländer das Virus ins Camp bringt, will man unbedingt verhindern. Wer auf Heimaturlaub ist, wurde deshalb gebeten, vorerst nicht nach Kenia zurückzukommen.

Weil Kukuma und Dadaab seit den Neunzigerjahren bestehen, ist die Infrastruktur dort besser als an anderen Orten: Viele Menschen leben nicht mehr in Zelten, sondern in Zimmern aus Ziegel; es gibt Krankenhäuser und eine Wasserversorgung. Das UNHCR hat seine Vorräte an Seife aufgestockt und plant, sie zu bald verteilen. "Trotzdem sehen wir das Risiko", sagt Byun. In Kenia gibt es bislang einen bestätigten Fall von Covid-19.

Wovon sollen Flüchtlinge einen Arzt bezahlen?

Noch größer ist die Gefahr in jenen Gegenden, in den Flüchtlinge nicht offiziell in das System integriert sind – und deshalb keinen Anspruch auf medizinische Hilfe haben. Im Libanon leben Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen, die aus Syrien geflohen sind. Es gibt informelle Zeltstädte, aber keine offiziellen, staatlichen Flüchtlingslager. Wer krank ist, muss seine Behandlung oft selbst bezahlen: Das Gesundheitssystem ist zu großen Teilen privatisiert. Nur wovon? Bereits jetzt wohnen die Syrer in prekären Verhältnissen: Mehr als 70 Prozent gelten als arm und leben von weniger als vier Dollar am Tag.   

Flüchtlinge in Bangladesch: Anfällig für Krankheiten

Flüchtlinge in Bangladesch: Anfällig für Krankheiten

Foto: Soe Zeya Tun/ Reuters

"Durch die Unterernährung sind die Menschen ohnehin anfällig für Krankheiten", sagt Jason Straziuso vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. "Covid-19 ist deshalb ganz oben auf unserem Radar."

Nicht nur die Krankheit selbst macht den Helfern Sorgen: Schon jetzt werden Flüchtlinge in vielen Ländern wie ungebetene Gäste behandelt, die man gerne schnell loswerden würde. Ein Ausbruch könnte die Feindseligkeit gegen die ohnehin geschundenen Menschen verstärken. "Panik und Diskriminierung haben noch nie eine Krise gelöst", warnt deshalb Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi . Er bittet um "Empathie für jene, die am Verletzlichsten sind".

"Im Krieg ist Covid-19 nicht deine größte Sorge"

Wahrscheinlich am allerverletzlichsten sind im Moment jene Menschen, die rund um die Region Idlib in Syrien leben. Dort gebe es kaum medizinische Versorgung – wird das Virus dort eingeschleppt, wären die Menschen im Grunde sich selbst überlassen. "Ich will die Gefahr nicht herunterspielen", sagt Staziuso vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. "Aber wenn du im Krieg bist, ist Covid-19 nicht deine größte Sorge."

In Lesbos fordert Ärzte ohne Grenzen unterdessen eine Evakuierung des Lagers Moria, "bevor es zu spät ist". Die griechische Regierung hat andere Pläne. Die Menschen dürfen das Camp nur noch stündlich zwischen 7 und 19 Uhr in dafür speziell vorgesehenen Polizeibussen verlassen. Bald wird die griechische Regierung mit der Umzäunung des Lagers beginnen. Falls Covid-19 ausbrechen sollte, will man das Camp zwei Wochen lang abriegeln.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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