Bildungskrise in Lateinamerika »Shoppingmalls sind offen, die Schulen zu«

In Lateinamerika tötet die Coronapandemie nicht nur die meisten Menschen, sie nimmt Kindern und Jugendlichen auch ihre Zukunft. Millionen gehen noch immer nicht wieder zur Schule, viele werden wohl nie wiederkommen.
Von Nicola Abé, São Paulo
Schülerinnen und Schüler in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires demonstrieren gegen Schulschließungen

Schülerinnen und Schüler in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires demonstrieren gegen Schulschließungen

Foto: Victor R.Caivano / AP
Globale Gesellschaft

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Seit Beginn der Pandemie waren die Schulen in Honduras keinen einzigen Tag geöffnet. In Panama durften Schüler für rund 20 Tage in ihre Klassenzimmer. In ganz Venezuela sind insgesamt zwölf Schulen offen. Ähnlich sieht es in Mexiko, Peru, Paraguay oder Ecuador aus.

Noch immer sind laut Unicef 100 Millionen Schüler in Lateinamerika von Schulschließungen betroffen. »Für viele bedeutet das, dass sie wohl nicht ein, sondern zwei Schuljahre verpassen«, sagt die brasilianische Bildungsexpertin und ehemalige Direktorin der Weltbank für Erziehung, Cláudia Costin.

»Lateinamerika ist nicht nur der Hotspot der Pandemie, sondern auch der Kontinent mit den größten Bildungsverlusten«, sagt auch Ruth Custode von Unicef. Während Schüler in anderen Regionen der Welt bis Februar im Durchschnitt auf 70 Tage Präsenzunterricht verzichten hätten müssen, seien es auf dem Kontinent inzwischen mehr als 150. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben nicht nur ein höheres Armutsrisiko und geringere Aufstiegschancen. »Man kann das ökonomisch betrachten oder aus einer menschenrechtlichen Perspektive«, sagt die Bildungsexpertin Costin, »de facto hat diese Generation ihr Recht auf Bildung verloren.«

Lateinamerika gilt ohnehin als Kontinent der Ungleichheit. »In Ländern wie Brasilien war die Ungleichheit schon vor der Pandemie extrem, durch diese Situation wird sie explodieren«, so Costin. Besorgt sei sie auch deshalb, weil eine derartige Lage eine Schablone für Gewalt oder politischen Populismus sei. »Die jetzigen Probleme im Bildungssystem werden uns um Jahrzehnte zurückwerfen und die sozialen Unterschiede nochmals extrem wachsen lassen«, befürchtet auch Iván Matovich von dem argentinischen Thinktank Cippec in Buenos Aires, »das wird unser großes, langfristiges Problem.« Grundsätzlich seien die ärmsten Kinder am stärksten von Schulschließungen betroffen und profitierten am wenigsten von den Maßnahmen, welche ihre Regierungen nun ergriffen hätten.

Privatlehrer für die Schüler der Privatschulen

Während etwa Eltern der oberen Mittelschicht gemeinsam Privatlehrer für ihre Kinder organisierten oder ihnen zumindest im Homeoffice bei den Schularbeiten helfen, haben ärmere Haushalte keine dieser Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass viele Kinder von wohlhabenden Eltern Privatschulen besuchen, ein Trend, der sich in zahlreichen lateinamerikanischen Ländern den vergangenen Jahren verstärkt hat. Diese Privatschulen sind technisch besser ausgerüstet und konnten schneller auf digitale Angebote umstellen.

Fiebermessen vor der Schule: Ein Mädchen in Buenos Aires

Fiebermessen vor der Schule: Ein Mädchen in Buenos Aires

Foto: Victor R. Caivano / AP

»Und jetzt sind es auch die Privatschulen, die schneller wieder öffnen«, sagt Custode von Unicef, »sie haben einen finanziellen Anreiz.« Zudem hätten sie auch mehr Ressourcen, um die von vielen Regierungen eingeführten Hygieneprotokolle zu erfüllen. »An vielen öffentlichen Schulen in ländlichen Regionen, etwa in Guatemala, gibt es dagegen nicht einmal Waschbecken«, so die Unicef-Expertin, »dass Regierungen das nach mehr als einem Jahr noch als Entschuldigung nutzen, um nicht zu öffnen, ist inakzeptabel.« Schließlich hätte man sich auch mit temporären sanitären Anlagen behelfen können. An öffentlichen Schulen gebe es außerdem unter Lehrern starken Widerstand gegen Schulöffnungen. »Obwohl sie in den meisten Ländern bei Impfungen priorisiert werden, wollen viele nicht zurück zum Präsenzunterricht.«

Viele Staaten setzen inzwischen auf Unterricht per Radio, Fernsehen oder auf digitale Plattformen. Doch gerade für die ärmsten und am meisten vulnerablen Schüler, etwa Indigene oder Migranten, sind diese Angebote oft nicht zugänglich.

Digital ist nicht immer besser

Auch in Argentinien wurden im letzten Jahr zahlreiche digitale Plattformen für Schüler eingerichtet. »Sie werden aber nur mäßig genutzt«, sagt der Experte Matovich aus Buenos Aires. Nur rund 55 Prozent der Haushalte im Land hätten überhaupt einen Computer zur Verfügung. Gerade mal in einem Fünftel der Fälle gäbe es ein eigenes Gerät für das Kind. Nun plane die Regierung in diesem Jahr, mehr als 600.000 Tablets an Schüler auszugeben. »Aber dann haben immer noch 20 Prozent aller argentinischen Schüler keinen Internetanschluss«, sagt Matovich.

Dass Zugang zu digitalen Endgeräten nicht zwangsläufig zum Erfolg führt, zeigt das Beispiel El Salvador: Das Land verteilte während der Pandemie Tablet-Computer an Schüler. Der Versuch, auf diese Weise die Bildung einer Generation zu retten, krankt jedoch bisher unter anderem an der mangelnden Netzanbindung. »Digitales Lernen benötigt eine komplexe Infrastruktur«, sagt Matovich. Dazu gehöre auch die Schulung von Lehrern. Das Land Uruguay, schillernde Ausnahme der Region, profitiere davon, dass es bereits vor der Pandemie seine Hausaufgaben gemacht hätte. »Eine schnelle Umstellung in der Krise funktioniert eher nicht.«

Luciano, 12, und Guadalupe, 9 aus Montevideo, Uruguay, lernen mit ihren Tablet-Computern

Luciano, 12, und Guadalupe, 9 aus Montevideo, Uruguay, lernen mit ihren Tablet-Computern

Foto: Tali Kimelman / DER SPIEGEL

Einen seltenen Lichtblick bietet ausgerechnet die als chaotisch geltende brasilianische Strandmetropole Rio de Janeiro: Für Renan Ferreirinha war von Anfang an klar, dass es keine Alternative zum Präsenzunterricht an öffentlichen Schulen gibt. Am 21. Januar 2021 begann der 27-Jährige seinen Job als Bildungssekretär der Stadtregierung von Rio de Janeiro. »Da hatten wir in Brasilien schon ein Jahr hinter uns, das weitgehend so aussah: Shoppingmalls, Restaurants und Bars sind offen, die Schulen zu.« Ferreirinha setzte unter dem neu gewählten sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt neue Prioritäten: »Wir machten klar: die Schulen öffnen hier als Erstes und schließen zuletzt.«

»Wir machten klar: die Schulen öffnen hier als Erstes und schließen zuletzt.«

Renan Ferreirinha, Bildungssekretär der Stadt Rio de Janeiro

Er holte sich Rat bei Experten in Singapur, Finnland und New York und erarbeitete in enger Abstimmung mit dem Gesundheitssekretär der Stadt ein Hygieneprotokoll. »Da geht es um Masken und Mindestabstände, um Belüftung und Desinfektionsmittel.« Dafür wurden Investitionen getätigt. Im Februar öffneten die ersten Schulen. Sechs Monate später sind nur noch 30 von mehr als 1500 Schulen in der Stadt geschlossen.

Eine Lehrerin in Montevideo, Uruguay, begrüßt ihre Schüler am ersten Schultag nach den Sommerferien

Eine Lehrerin in Montevideo, Uruguay, begrüßt ihre Schüler am ersten Schultag nach den Sommerferien

Foto: Matilde Campodonico / AP

»Anfangs wurden wir stark kritisiert. Auch die Eltern waren skeptisch«, erzählt Ferreirinha, »inzwischen vertrauen sie uns.« 78 Prozent der Familien in Rio de Janeiro würden nun wieder Präsenzunterricht befürworten. Diese Zahl steige stetig, er lasse das jeden Monat erheben.

Ferreirinha spricht mit seltener Leidenschaft über Bildungsthemen. Er selbst kommt aus einer ärmlichen kleinen Gemeinde am Rande von Rio. Er ist Sohn einer Lehrerin— und studierte in Harvard, was ihm durch ein Stipendium ermöglicht wurde. »Bildung hat mein Leben verändert«, sagt er, »das will ich zurückgeben.« Er sei sich bewusst, dass seine Entscheidungen das Leben von Kindern direkt beeinflussen. »Wir sprechen hier über Kinder aus Familien, die kein Handy haben und kein Internet. Für diese Kinder ist die Schule der Ort, an dem sie lernen, mit anderen klarzukommen, der Ort, an dem sie essen, die beste Mahlzeit des Tages, oft auch die einzige.«

Eine Schülerin demonstriert in Montevideo in Uruguay für Präsenzunterricht

Eine Schülerin demonstriert in Montevideo in Uruguay für Präsenzunterricht

Foto: Matilde Campodonico / AP

Distanzlernen sei eine wichtige Ergänzung, könne aber niemals den Unterricht in der Schule ersetzen. »Erstens ist das Lernen vor Ort viel effektiver«, sagt Ferreirinha, »zweitens geht es um soziale Interaktion, gerade auch für die Jüngeren.« Sie machten die Erfahrung, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. »Bei uns lernen sie im Moment sogar, wie man sich in einer Pandemie schützt und Hygieneregeln einhält.« Ferreirinha will ein Beispiel für Brasilien setzen, aber er gesteht auch ein: Die meisten anderen Gemeinden sind noch lange nicht so weit.

Mit der Schule geht ein Schutzraum verloren

In fast allen Hauptstädten des Landes bleiben Schulen weiter geschlossen. Rund 2,7 Millionen Schüler haben derzeit kein Mittagessen mehr. Rund 43 Prozent der brasilianischen Jugendlichen geben inzwischen an, dass sie überlegen, die Schule ganz aufzugeben. Die Shoppingmalls, Restaurants und Bars sind unterdessen vielerorts wieder geöffnet. »Es gibt wenig Druck auf die Politik«, sagt die brasilianische Bildungsexpertin Costin, »dementsprechend wird das Thema auch nicht priorisiert.« Kritisiert würden wahlweise die mehr als 500.000 Covid-19-Toten im Land oder die wirtschaftlichen Auswirkungen von Lockdowns, aber nicht, »was wir unseren Kindern antun, dass wir ihre Zukunft ruinieren.«

Der Kontinent befindet sich derzeit mitten in der dritten Welle der Pandemie; eine rasche Besserung der Lage ist nicht zu erwarten. Experten befürchten eine verlorene Generation. Allein in Mexiko haben im letzten Jahr 1,8 Millionen Schüler die Schule abgebrochen – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Auswirkungen der anhaltenden Bildungspause, so Costede von Unicef, sei noch gar nicht richtig abzuschätzen. Klar sei jetzt schon: Die Schule ist auch ein Schutzraum, der wegfällt. Während der Pandemie gebe es deutlich mehr Gewalt gegen Kinder und sexuellen Missbrauch. Die Kinderarbeit sei stark angestiegen, ebenso die Zahl der Zwangshochzeiten und Teenager-Schwangerschaften. Millionen Kinder und Jugendliche, vor allem Mädchen, würden der Schule wohl für immer fernbleiben.

»Die Wirklichkeit ist hart«, sagt Bildungssekretär Ferreirinha aus Rio de Janeiro, »und Chancengleichheit ist weit, weit weg.« Eine öffentliche Schule sei für ihn daher der wichtigste Ort der Welt, der Inbegriff sozialer Rechte. »Wir dürfen nie vergessen: Für viele Kinder ist die Schule alles, was sie haben.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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