Kampf gegen Covid-19 Grönland ist Corona-frei

Das Virus hat auch die Arktisinsel nicht verschont: Elf Infizierte hatte das 57.000 Einwohner zählende Grönland vor einem Monat. Doch nun sind alle wieder gesund. Und es gibt keinen neuen Fall. Wie ist das möglich?
Grönland gehört politisch zu Dänemark: Entschiedenes Handeln, rigorose Abschottung und eine Portion Fortune

Grönland gehört politisch zu Dänemark: Entschiedenes Handeln, rigorose Abschottung und eine Portion Fortune

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JONATHAN NACKSTRAND/ AFP

In Grönlands Hauptstadt Nuuk sollen an diesem Mittwoch alle Schulen wieder öffnen. Während den Rest der Welt die Pandemie beherrscht. Aber wie es aussieht, ist das Virus nicht mehr hier: weder in Nuuk noch sonst wo auf der größten Insel der Erde, die politisch zu Dänemark gehört. Grönland ist offenbar wieder Corona-frei.

Infizierte: 11. Genesen: 11. Verstorben: 0, Aktive Fälle: 0 - so lautet Grönlands Corona-Bilanz.

"Wir haben seit mehr als zwei Wochen keinen neuen Fall entdeckt. Alle Infizierten sind wieder gesund. Alle neuen Tests waren negativ", sagt Henrik L. Hansen im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Es sieht aus, als haben wir die Ausbreitung gestoppt."

Wenn es so bleibt, dann ist dem 62-jährigen Chef der grönländischen Gesundheitsbehörde und seinen drei Mitarbeitern etwas Einmaliges gelungen. Sie haben die Seuche unter Kontrolle bekommen, ehe sie sich explosionsartig ausbreiten konnte. Mit entschiedenem Handeln, rigoroser Abschottung und einer Portion Fortune.

Noch vor einem Monat mussten die 57.000 Grönländer eine Masseninfektion befürchten. Am 13. März wurde erstmals eine Person auf der Insel Corona-positiv getestet, bald entdeckten Mediziner vier weitere Virusträger.

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Alle Infizierten lebten in Nuuk, alle waren kurz zuvor aus Europa eingeflogen, mindestens zwei von ihnen hatten sich in Österreich und Italien aufgehalten, erzählt Hansen am Telefon. "Fünf Fälle wären genug gewesen, um hier eine Epidemie auszulösen." Diese hätte Grönlands Gesundheitssystem schnell überfordert.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Genau vier Intensivbetten mit Beatmungsgeräten gibt es zurzeit auf der ganzen Insel, die rund sechsmal so groß ist wie Deutschland. Hansen zufolge ließen sich maximal acht weitere Plätze schaffen. Und: Außerhalb des zentralen Königin-Ingrid-Krankenhauses von Nuuk steht kein einziges Intensivbett bereit.

Rund zwei Drittel der Grönländer leben nicht in der Hauptstadt, sondern bis zu 1600 Kilometer entfernt: in Dörfchen, Weilern, isolierten Siedlungen. Überlandstraßen gibt es nicht. Und bei Schnee- oder Eisstürmen können keine Hubschrauber fliegen, keine Boote fahren.

Hansen hatte sich schon seit Ende Januar auf die Ankunft des Virus vorbereitet. Jetzt sah er seine Chance: Die Zahl der Fälle war noch gering. So gering, dass man die Ansteckungswege womöglich noch nachverfolgen und das Virus eindämmen konnte.

Und so suchten er, seine Mitarbeiter und Polizisten so schnell wie möglich die Familienmitglieder, Freunde und andere Kontaktpersonen der Infizierten auf, testeten sie, fanden sechs weitere Infizierte und schickten sie in Quarantäne. Schwere Verläufe gab es keine.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Gesundheitsschützer hatten Glück. Offenbar hatte niemand das Virus aus Nuuk herausgetragen. Und die autonome Regierung von Premier Kim Kielsen schottete am 20. März rigoros ab: die Hauptstadt vom Rest der Insel, Grönland von der übrigen Welt.

Der kommerzielle Inlands- und Auslandsflugverkehr wurde komplett gestoppt, ein strenger Lockdown verhängt. Fahrten mit dem Schneemobil oder Hundeschlitten von einer Region zur nächsten wurden nur in Ausnahmefällen erlaubt. Obendrauf ordnete die Regierung für Nuuk ein Alkoholverbot an: vor allem zum Schutz von Kindern, wie Kielsen erklärte. Statistiken zufolge wird in Grönland fast jedes dritte Kind Opfer von sexueller Gewalt - unabhängig von Corona.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Versorgt wird die Arktisinsel über die Schiffe der Royal Arctic Line - und über Flugzeuge von Air Greenland, die vor allem nach Kopenhagen pendeln. Anfangs hatten die Maschinen auch Corona-Tests an Bord. Mittlerweile haben die Grönländer eine eigene Einrichtung. Die Mediziner dort testen fleißig. Mehr als 1100 Menschen haben sie gecheckt, rund zwei Prozent der Bevölkerung. Das Resultat ist seit 18 Tagen immer dasselbe: "ingen nye smittede" - keine neuen Infizierten.

Das Alkoholverbot ist mittlerweile wieder aufgehoben, der Lockdown gelockert, Inlandsreisen nach und aus Nuuk heraus sind seit Mittwoch wieder erlaubt. Die Hauptstadt ist nicht mehr isoliert.

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Aber das heißt nicht, dass jetzt alles gut wäre. So droht den Krankenhäusern Personalnot, erzählt Hansen: "Normalerweise kommen Pflegekräfte aus Dänemark, um hier für kurze Zeit zu arbeiten. Aber im Moment sagen viele ab, vielleicht haben sie Angst, nicht wieder herauszukommen."

Auch in Grönland leidet die Wirtschaft. Gerade im Tourismussektor, einer Wachstumsbranche der vergangenen Jahre, sind viele Unternehmen und Jobs bedroht. Früher oder später, das weiß auch Henrik L. Hansen, wird Grönland seine Abschottung beenden müssen. Und dann geht der Kampf gegen das Virus von Neuem los.

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