Coronawelle in Europa Großbritannien rechnet mit bis zu 100.000 Neuinfektionen pro Tag

Die Covid-Zahlen steigen in mehreren Ländern dramatisch an. Polen meldet gar eine »Explosion« der Infektionen. In England wächst der Druck auf die Krankenhäuser, doch die Regierung bleibt bei ihrem Lockerungskurs – noch.
Fußgängerweg in London (Symbolbild): Trotz drastisch steigender Zahlen will Großbritannien die Coronamaßnahmen vorerst nicht verschärfen

Fußgängerweg in London (Symbolbild): Trotz drastisch steigender Zahlen will Großbritannien die Coronamaßnahmen vorerst nicht verschärfen

Foto: Alberto Pezzali / AP

Krankenhäuser am Rand der Überlastung, eine hohe Zahl an Neuinfektionen und Todesfällen: In mehreren Ländern spitzt sich die Coronalage derzeit dramatisch zu. So fordern nun Ärzte unter anderem in Großbritannien neue Maßnahmen, um die ansteigende Coronawelle zu stoppen. Auch der britische Gesundheitsminister Sajid Javid warnte in einer Pressekonferenz, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen sogar bis auf 100.000 steigen könnten. Trotzdem hält er es »zum jetzigen Zeitpunkt« für noch zu früh, um eine Rückkehr der im Juli abgeschafften Coronaregeln im größten Landesteil England zu rechtfertigen, so der Minister weiter.

Zuletzt wurden im Vereinigten Königreich bis zu knapp 50.000 tägliche Neuinfektionen registriert. Die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen liegt bei fast 1000. Bei den Todesfällen wurde am Dienstag mit 223 gemeldeten Fällen ein Stand wie zuletzt im März erreicht.

Zum sogenannten Plan B der britischen Regierung gehören Maßnahmen wie verpflichtendes Maskentragen oder Nachweispflicht von Impfungen bei Großveranstaltungen. Trotz Forderungen aus Medizin und Wissenschaft sei das entscheidende Kriterium eines unaushaltbaren Drucks auf den Nationalen Gesundheitsdienst NHS noch nicht erreicht, sagte Javid. Stattdessen sollten nun die Bemühungen verstärkt werden, so viele Menschen wie möglich zu impfen. Besonders bei Jugendlichen und älteren Menschen, die eine Auffrischungsimpfung erhalten sollen, stockt das britische Impfprogramm derzeit.

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»Durchbricht alle Prognosen«

Auch in anderen Ländern verschärft sich die Situation derzeit drastisch: Polens Gesundheitsminister Adam Niedzielski hat vor einer »eigentümlichen Explosion« der Coronapandemie in seinem Land gewarnt. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden habe sich am Mittwoch im Vergleich zur Woche davor um hundert Prozent gesteigert. Am Dienstag habe der Wert bei 85 Prozent im Vergleich zur Vorwoche gelegen, sagte Niedzielski in Warschau.

Demnach verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen von Woche zu Woche. »Wenn diese Situation anhält, durchbricht sie alle Prognosen, die uns bislang vorliegen«, so Niedzielski. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Mittwoch gab es 5559 Neuinfektionen binnen 24 Stunden, im gleichen Zeitraum starben 75 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus. Polen hat rund 38 Millionen Einwohner.

In Polen können Menschen ab 18 Jahren demnächst eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus erhalten, wenn die vollständige Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt. Dies werde in ein paar Wochen möglich sein, schrieb Ministerpräsident Mateusz Morawiecki auf Facebook. Bereits seit Ende September steht die Impfauffrischung in Polen für alle vollständig Geimpften über 50 Jahre zur Verfügung.

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Lettland geht erneut in den Lockdown

Lettland hat ebenfalls mit rapide steigenden Corona-Infektionszahlen zu kämpfen und fährt deshalb das öffentliche Leben für vier Wochen stark zurück. Das Kabinett verhängte am Mittwoch umfassende Beschränkungen und eine nächtliche Ausgangssperre zum 15. November. Damit sollen die Infektionsketten unterbrochen und die »furchtbare Überlastung« des Gesundheitswesens reduziert werden, sagte Ministerpräsident Krisjanis Karins nach der Regierungssitzung.

Vom 21. Oktober an dürfen nur Geschäfte für den täglichen Bedarf offen bleiben. Auch Freizeit-, Kultur-, Unterhaltungs- und Sportstätten bleiben zu, gastronomische Betriebe dürfen nur noch außer Haus verkaufen. Veranstaltungen und Versammlungen sind untersagt. Zudem dürfen die Bürger ihre Wohnung von 20 Uhr bis 5 Uhr nur mit triftigem Grund verlassen. Für die meisten Arbeitnehmer gilt eine Homeoffice-Pflicht, der Schulbetrieb wird auf Fernunterricht umgestellt.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Riga wurden in den letzten 14 Tagen 1400,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner registriert – ein Höchststand seit Beginn der Pandemie. Landesweit seien in mehreren Krankenhäusern die Intensivbetten zur Behandlung schwer kranker Coronapatienten bereits vollständig belegt, sagte Gesundheitsminister Daniels Pavluts. In Lettland ist nur etwas mehr als die Hälfte der 1,9 Millionen Einwohner vollständig gegen Corona geimpft.

»Testen ist keine Lösung«

Auch Tschechien reagiert auf steigende Infektionszahlen mit einer Verschärfung der Coronaregeln. Von kommender Woche an muss an allen Arbeitsplätzen in Innenräumen eine FFP2-Maske getragen werden, wie Gesundheitsminister Adam Vojtech nach einer Kabinettssitzung bekannt gab. Ausgenommen sind Angestellte, die allein im Büro sitzen. Über die Wiedereinführung der Maskenpflicht in Klassenzimmern wurde sich die scheidende Regierung indes nicht einig.

Die Gültigkeitsdauer von Antigen- und PCR-Tests wird auf einen beziehungsweise drei Tage verkürzt, um mehr Anreize fürs Impfen zu schaffen. »Das Testen ist keine Lösung«, sagte Vojtech. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Tests bei Erwachsenen künftig nur noch auf ärztliche Empfehlung.

Innerhalb von sieben Tagen steckten sich in Tschechien 117 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Coronavirus an. Innerhalb von 24 Stunden wurden 3246 Neuinfektionen registriert – so viele an einem Tag wie zuletzt Mitte April.

Arbeitsfreie Woche in Russland

Ähnlich kritisch ist die Situation in Russland: In den vergangenen Wochen wurden immer neue Höchstwerte bei den Coronazahlen verzeichnet. Am Mittwoch wies die Statistik 1028 Coronatote binnen 24 Stunden aus – so viele wie noch nie zuvor. Im selben Zeitraum wurden mehr als 34.000 Neuinfektionen gezählt.

Präsident Wladimir Putin hat deshalb ab Ende Oktober eine arbeitsfreie Woche in seinem Land angeordnet. Vom 30. Oktober bis zum 7. November sollen Arbeitnehmer in ganz Russland demnach zu Hause bleiben, ihren Lohn aber weitergezahlt bekommen. Regionen, in denen die Lage besonders schlimm ist, können den Zeitraum demnach auch erweitern.

ime/dpa/Reuters
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