Das Virus in Äthiopien "Viele halten sich nicht an die Corona-Regeln, das macht mich wütend"

Fast 100.000 Menschen haben sich in Äthiopien offiziell mit dem Coronavirus infiziert. Hier berichtet eine Schwangere von ihrer Odyssee durch das Gesundheitssystem – und ihrer größten Angst.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Bezawit Delelegn Shibeshi mit Mann Yonatan aus Addis Abeba: Das Foto haben die beiden als WhatsApp-Profilbild eingestellt

Bezawit Delelegn Shibeshi mit Mann Yonatan aus Addis Abeba: Das Foto haben die beiden als WhatsApp-Profilbild eingestellt

Foto: Privat
Globale Gesellschaft

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Bezawit Delelegn Shibeshi ist hochschwanger, im Dezember soll ihr erstes Kind auf die Welt kommen, ein Mädchen. Shibeshi, 28 Jahre, lebt mit ihrem Mann Yonatan in Addis Abeba, Äthiopien. Sie arbeitet bei einer Fluggesellschaft, sie sagt, die Schwangerschaft sei bisher ohne große Schwierigkeiten verlaufen. Aber dann erwischte sie vor ein paar Wochen diese Erkältung. Shibeshi dachte, es sei nur eine kleine Grippe. Sie ließ sich auf das Coronavirus testen. Der Test fiel positiv aus.

Fast 100.000 Corona-Infizierte gab es laut der Gesundheitsministerin Lia Tadesse  in Äthiopien bis zum vergangenen Montag, offiziell leiden aktuell 290 Patienten an schweren Verläufen der Krankheit. In Äthiopien leben insgesamt mehr als 100 Millionen Menschen. Viele zweifeln, ob die moderaten offiziellen Zahlen mit der Covid-Realität im Land übereinstimmen.

Im Fall von Bezawit Shibeshi begann eine Odyssee durch das äthiopische Gesundheitssystem, das, wie das Ehepaar sagt, überfordert sei in dieser Pandemie. Es begann auch eine Angst, gegen die sich Shibeshi nicht recht wehren kann, die immer wieder in ihr aufsteigt: Die Angst, dass das Virus dem Kind in ihrem Bauch geschadet haben könnte.

Addis Abeba im September: Auf dem Gemüsemarkt Atkilt Tera drängen sich die Leute. Auf öffentlichen Plätzen gilt eine Maskenpflicht, doch viele halten sich nicht daran

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Foto:

Michael Tewelde / Xinhua / imago images

Eine Angst, sagt Shibeshi, die sie nicht loslässt, allen Beruhigungsversuchen der Ärztinnen zum Trotz (lesen Sie hier , welches Risiko eine Infektion mit dem Coronavirus für Schwangere birgt). Hier ist Shibeshis Bericht:

"Es ging an einem Samstag mit einem Kratzen im Hals los. Ungefähr zwei Monate ist das jetzt her. Am Montag darauf bin ich dann noch zur Arbeit gegangen, aber ich hatte solche Kopfschmerzen und fühlte mich schlapp, kraftlos. Am Dienstag blieb ich zu Hause.

Da merkte ich, dass ich nichts mehr riechen konnte und keinen Geschmack mehr hatte. Ich dachte: eine kleine Grippe. Habe mir eine Suppe mit Getreide gekocht, um wieder zu Kräften zu kommen. Habe viel geschlafen. Drei Tage ging es mir sehr schlecht. Ich dachte nicht an Covid-19, ich dachte, es sei eine normale Grippe.

Am Freitag darauf hatte ich einen Routine-Check-up für Schwangere in der Geburtsklinik. Da ging es mir eigentlich schon wieder recht gut. Ich erzählte den Ärzten aber von meinen Symptomen, und sie überzeugten mich, einen Covid-19-Test zu machen.

Eigentlich soll man in Äthiopien das Testergebnis nach 24 bis 48 Stunden erhalten. Wer in dieser Zeit nichts hört, kann davon ausgehen, dass das Testergebnis negativ ist. Die Behörden sind überlastet, nur Menschen mit einem positiven Ergebnis werden benachrichtigt.

Ich wartete das Wochenende ab. Weil ich nichts vom Gesundheitszentrum hörte, ging ich am Montag wieder zur Arbeit. Das war ein folgenschwerer Fehler. Denn eine ganze Woche später erhielt ich dann doch eine Nachricht von den Behörden: Mein Testergebnis sei positiv ausgefallen. Da hatte ich aber schon eine Woche wieder in meinem Büro mit mehreren Kollegen zusammengearbeitet – in einem relativ kleinen Raum!

"Was, wenn das Virus meinem Kind Schaden zugefügt hat?"

Bezawit Delelegn Shibeshi erwartet im Dezember ihr erstes Kind

Ich glaube, in den Testzentren herrscht das pure Chaos. Auch über die staatlichen Krankenhäuser habe ich das gehört. Das Personal kommt gar nicht mehr hinterher, auch damit, Schwerkranke richtig zu versorgen. Es gibt eine Hotline, um sich zu informieren. Da hängt man aber lange in der Warteschleife.

Es fehlen Beatmungsgeräte, Schutzkleidung in den Kliniken, die Krankenschwestern können sich teils nicht schützen. Es ist sehr schwer, an einen Test zu kommen. Die Kapazitäten sind ausgeschöpft, sogar hier in Addis Abeba, in der Hauptstadt. Schon vor der Pandemie waren die Krankenhäuser nicht ausgestattet, um Patientinnen und Patienten adäquat zu versorgen.

Menschen auf dem Land haben überhaupt keine Chance auf eine Behandlung, sollten sie infiziert sein. Ich habe keinen direkten Kontakt zu Leuten auf dem Land, aber ich höre, dass Corona dort kein großes Thema ist. Nicht etwa, weil die Leute seltener erkranken. Sondern weil vielen Menschen ganz einfach nichts anderes übrig bleibt, als weiterzumachen, gerade, wenn sie arm sind. Sie müssen das Virus ausblenden. Auf medizinische Hilfe können sie eher nicht hoffen.

Es gibt auch Ärzte, die sagen: 'Es ist wie eine kleine Grippe, macht euch keine Sorgen.' Sie glauben, so Druck von den Krankenhäusern zu nehmen.

Nun hatte ich also doch Corona! Ich fühlte mich so schlecht. Warum bist du nicht länger zu Hause geblieben, Bezawit?, solche Schuldgefühle gingen mir durch den Kopf.

Im März desinfizierten Arbeiter die Straßenzüge in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba

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Foto:

Tiksa Negeri / REUTERS

Ich hatte die Kollegen in Gefahr gebracht. Die ganze Abteilung musste danach in Quarantäne und sich testen lassen. Kein Test fiel positiv aus, zum Glück!

"Viele halten sich nicht an die Corona-Regeln, das macht mich wütend."

Bezawit Delelegn Shibeshi

Aber dann kam ein anderer Gedanke in mir hoch, der mich nachts quälte, der sich in mich hineinbohrte: Was, wenn das Virus meinem Kind Schaden zugefügt hat? Ich bin zu meiner Frauenärztin in die Klinik, voller Panik. Sie versuchte, mich zu beruhigen. Sie sagte, dass das Baby gut geschützt sei, solange es in meinem Bauch sei. Dass das Coronavirus ihm nichts anhaben könne. Sie machte einen Ultraschall, um mir mein Ungeborenes zu zeigen. Ich konnte meine Augen an dem Tag gar nicht von dem Bild auf dem Monitor wenden.

'Sind Sie sicher, dass das Virus dem Baby in meinem Bauch nicht geschadet hat?', fragte ich sie immer wieder. Ich habe seitdem mehrere Ultraschallaufnahmen machen lassen, und die Angst hat sich inzwischen etwas gelegt. Als Mutter und Vater gibt man so viel Acht, dass man in der Schwangerschaft alles richtig macht. Dass ausgerechnet ich mich infiziert hatte, ließ mich ohnmächtig zurück.

Wie die Äthiopier sich in der Pandemie verhalten, macht mich wütend. Eigentlich gibt es überall eine Maskenpflicht, auch auf den großen öffentlichen Plätzen. Die Regierung appelliert an die Vernunft der Bürger, hat einen monatelangen Notstand ausgerufen. Aber viele halten sich nicht an die Regeln. Ich finde das unverantwortlich. Allen sollte klar sein, dass wir Menschenleben aufs Spiel setzen. Und dass die Wirtschaft noch mehr ins Schlingern gerät, wenn die Infektionszahlen weiter steigen. Die Fluggesellschaft, für die ich arbeite, hat allen Mitarbeitern hier das Gehalt gekürzt und Zusatzvergütungen gestrichen, damit die Arbeitsplätze erhalten werden können.

"In Äthiopien haben viele Leute kein besonders großes Vertrauen in die Ärzte."

Bezawit Delelegn Shibeshi

Aber in Äthiopien haben viele Leute kein besonders großes Vertrauen in die Ärzte, oder sagen wir es anders: Krankheiten werden zu Hause behandelt, die Familie pflegt einen gesund. Die Menschen gehen nicht so selbstverständlich zur Vorsorge und all das.

Über das Coronavirus denken viele: 'Ich bete zu Gott, damit ich es nicht kriege.' Gerade die Alten denken so. Diejenigen, die das Virus am härtesten trifft."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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