Coronavirus Und als Nächstes Afrika?

Experten warnen, dass nach Asien, Europa, Süd- und Nordamerika nun Afrika besonders hart von der Pandemie getroffen werden könnte. Denn Lockdowns können in armen Ländern immer weniger aufrechterhalten werden.
Von Fritz Schaap, Kapstadt
Beerdigung eines Corona-Toten in Kapstadt: Behörden rechnen in den kommenden Wochen mit Tausenden Opfern

Beerdigung eines Corona-Toten in Kapstadt: Behörden rechnen in den kommenden Wochen mit Tausenden Opfern

Foto: RODGER BOSCH/ AFP

Das Holz der Kreuze, die in den sandigen Erhebungen stecken, ist frisch gebeizt. Die Blumen auf den Gräbern sind noch nicht verblüht. Dr. Zahid Badroodien steht auf dem Maitland-Friedhof, einem der ältesten Kaptstadts, vor 15 frischen Gräbern und hat Angst vor der Zukunft. Im Boden vor ihm liegen die Leichen von Menschen, die eine Corona-Infektion nicht überlebt haben. Er zeigt auf ein weites Feld hinter den Gräbern, begrenzt erst durch die fernen Bahnschienen. "2000 Gräber werden wir hier in den kommenden Wochen ausheben können", sagt der Mann, der in der Stadtverwaltung nun für das Management der Toten zuständig ist. 

Die Verantwortlichen erwarten den ersten Peak der Corona-Pandemie hier in Kapstadt im Juli. Der ehemalige Arzt rechnet damit, dass in naher Zukunft 7000 bis 10.000 mehr Tote als sonst auf den Friedhöfen der Stadt begraben werden müssen. "Wir hoffen, dass wir keine Massengräber brauchen werden", sagt Badroodien. "Aber wir bereiten uns darauf vor, sie ausheben zu müssen."

Mehr als 40 Prozent aller offiziellen südafrikanischen Corona-Fälle sind in Kapstadt registriert worden: 38.545 waren es am Samstag in der Hafenstadt, 87.715 waren es landesweit. Das ist in ganz Afrika die größte absolute Zahl bekannter Fälle. Was aber auch daran liegt, dass Südafrika weit mehr testet als andere Länder des Kontinents. 

Badroodien steht im Schatten einiger Eukalyptusbäume und erklärt, warum die Zahlen aus der Western-Cape-Provinz, in der Kapstadt liegt, trotzdem nicht mehr repräsentativ sind. Schon seit Beginn des Monats werde fast niemand mehr getestet, der jünger sei als 55 Jahre, wenn er nicht ernsthafte gesundheitliche Probleme habe. Die Labors kommen mit dem Auswerten nicht mehr hinterher. Und auch der Nachschub ist nicht immer gesichert. 

Neues Epizentrum

Kapstadts Hotspots, sagte im Mai bereits Salim Abdool Karim, der Vorsitzende des Corona-Beratergremiums der Regierung, seien nur Vorläufer dessen, was bald das ganze Land und auch den Kontinent erwarte.

Lange breitete die Pandemie sich nur langsam in Afrika aus. Es dauerte 98 Tage, bis die ersten 100.000 Fälle erreicht waren. Nun aber steigen die Infektionszahlen schnell an. Vergangene Woche meldete die WHO, die Fallzahlen hätten sich in nur 18 Tagen von 100.000 auf 200.000 verdoppelt. Noch immer sind die Testkapazitäten in vielen Ländern gering. Es ist schwer, so die tatsächliche Ausbreitung des Virus auf dem Kontinent zu bestimmen. Laut einer Modellrechnung, die die WHO im Mai veröffentlichte, könnten sich im ersten Jahr 29 bis 44 Millionen Menschen in Afrika infizieren. 

Viele afrikanische Länder konnten die Verbreitung durch frühe Lockdowns und Grenzschließungen hinauszögern. Aber die gekaufte Zeit hat in vielen Ländern nicht gereicht, um sich auf die vorhergesagte Explosion der Fallzahlen vorzubereiten. 

Epidemiologen der Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) warnen vor einem katastrophalen Mangel an Personal im Gesundheitssektor und starken Engpässen bei der Versorgung mit medizinischen Gütern. In einem Artikel , der letzte Woche in der Fachzeitschrift "Nature" erschien, warnen die Experten zudem davor, dass Afrika als nächster Kontinent besonders hart von der Pandemie getroffen werden könnte.  

Lockerung des Lockdowns

Länder wie Südafrika stehen vor einem Dilemma: Präsident Cyril Ramaphosa warnte Ende Mai, es werde noch viel schlimmer werden, bevor es besser werde. Denn im Gegensatz zu Europa reduziert Südafrika die Lockdown-Beschränkungen, während die Fallzahlen weiter ansteigen. Zu groß ist der wirtschaftliche Druck. Wie in vielen anderen Ländern Afrikas. 

Bereits Mitte April klangen die Hilferufe aus den Townships alarmierend.  "Herr Präsident, wir befinden uns mitten in einer Nahrungsmittelkrise. Hier draußen herrscht Krieg", warnte Joanie Fredericks, eine Gemeindechefin im Township Mitchells Plain vor den Toren Kapstadts. Die verzweifelte Bitte richtete sie in einem Video an den südafrikanischen Präsidenten. "Menschen sind in Lebensmittelläden eingebrochen. Sie haben Menschen angegriffen. Der einfache Grund dafür ist, dass sie hungrig sind", sagte sie in einer Küche, in der Mahlzeiten gekocht und zur Verteilung an die Armen verpackt wurden.

"Schlimme Wochen stehen uns bevor"

Wolfgang Preiser, Mitglied des Beratergremiums der südafrikanischen Regierung

Lockdowns sind Maßnahmen, die nur dort funktionieren, wo es sich die Menschen leisten können, zu Hause zu bleiben. Dort, wo der Staat es sich leisten kann, die wirtschaftlichen Folgen zumindest teilweise aufzufangen. Lockdowns funktionieren nicht in Ländern, wo Armut herrscht. Wo keine Arbeit zu haben bedeutet, dass kein Essen gekauft werden kann. 

Auch deswegen wird in Südafrika, das von allen afrikanischen Ländern noch am besten vorbereitet ist, nun versucht, große Teile der Wirtschaft wieder hochzufahren.

In einem Worst-Case-Szenario der Regierung wird von bis zu einer Million Infizierten bis Ende August ausgegangen. Bis November könnte es 48.000 Tote geben. Wie viele Intensivbetten es gibt, wird von Regierungsseite nicht kommentiert. Der private Gesundheitsanbieter Netcare schätzt ihre Zahl auf etwa 6000 - viel zu wenig. Ende Mai verkündete der Regierung der Western-Cape-Provinz, dass es selbst im Best-Case-Szenario zu wenig Intensivbetten geben wird.

Wolfgang Preiser, Mitglied des Beratergremiums der südafrikanischen Regierung, bereiten aber besonders die ärmeren Provinzen große Sorgen. In Kapstadt habe man die Zeit, die durch den Lockdown gewonnen worden sei, ansonsten verhältnismäßig gut genutzt. In anderen Gegenden des Landes sei dies nicht der Fall. "Schlimme Wochen stehen uns bevor", so der Virologe in Kapstadt. 

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