Corona in Australien "Der Lockdown fühlt sich seltsam an, und es wird noch seltsamer"

Der australische Bundesstaat Victoria erlebt eine bedrohliche Wiederkehr des Coronavirus. Die Regeln in der Großstadt Melbourne wurden deshalb nun verschärft. Ein Anruf bei James Trauer, einem Epidemiologen vor Ort.
Lockdown in Melbourne: Sechs Wochen auf Stufe vier

Lockdown in Melbourne: Sechs Wochen auf Stufe vier

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Darrian Traynor/ Getty Images

Kaum ein Land hatte die erste Phase der Pandemie so gut bewältigt wie Australien. Grenzschließungen und Kontaktsperren drückten die Zahl der täglichen Neuansteckungen zwischenzeitlich in den einstelligen Bereich. Nun ist das Virus zurück und die Lage ernster denn je. Das Land verzeichnete jüngst Rekordwerte bei Neuinfektionen und Toten, fast alle davon im südlichen Bundesstaat Victoria.

In der dort gelegenen Metropole Melbourne gilt seit der zweiten Juliwoche ein Lockdown. Dieser wurde am Sonntag verschärft. Bis zum 13. September dürfen Menschen ihre Wohnung nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Dazu zählen unter anderem der Einkauf von Nahrung und anderen essenziellen Gütern, Arbeit - sofern diese nicht von zu Hause aus erledigt werden kann - und der tägliche Sport. Anders als beim Lockdown der Stufe drei, wie ihn die Stadt in den vergangenen Wochen erlebte, gehört zu den nun geltenden Beschränkungen der Stufe vier auch eine nächtliche Ausgangssperre.

James Trauer, Epidemiologe an der Monash-Universität in Melbourne, hat mit dem SPIEGEL über die Lage in der Stadt und im Land gesprochen.

SPIEGEL: Herr Trauer, wie sieht ihr Alltag im Lockdown aus?

James Trauer: Die jüngsten Beschränkungen wurden ja erst kürzlich verhängt. Wir sind noch dabei, uns darauf einzustellen. Meine Frau und ich sind beide Mediziner. Sie wird weiter im Krankenhaus arbeiten, und ich werde weiter an Covid-19 forschen.

James Trauer: "Es ist diesmal anders als beim ersten Anstieg"

James Trauer: "Es ist diesmal anders als beim ersten Anstieg"

Foto: Michelle McFarlane

SPIEGEL: Welche Beschränkungen sind für Sie am folgenreichsten?

Trauer: Das Wichtigste für uns sind die Themen Schule und Kinderbetreuung. Wir haben eine Tochter im ersten Schuljahr und eine weitere Tochter, die bald zwei wird. Unter den Stufe-drei-Beschränkungen waren die Kitas geöffnet und die Grundschulen - von Ausnahmen für manche Schüler abgesehen - geschlossen. Mit Einführung der Stufe vier werden auch viele Kitas schließen oder die Zahl der Kinder reduzieren. Da wir aber beide Ärzte sind, hoffen wir, dass sich eine Betreuung für unsere Kinder einrichten lässt.

SPIEGEL: Wie würden Sie die Atmosphäre in der Stadt beschreiben?

Trauer: Weil die Menschen sich in Isolation begeben, ist das etwas schwer zu beurteilen. Wir fingen vor etwa einer Woche an, draußen Masken zu tragen. Das hat die Atmosphäre schon verändert. Der Lockdown fühlt sich natürlich seltsam an, und es wird noch seltsamer werden. Nun gilt eine Ausgangssperre zwischen 20 Uhr abends und 5 Uhr morgens. Die zunehmende Isolation der Menschen wird noch Probleme nach sich ziehen, nicht zuletzt im Bereich der psychischen Gesundheit.

Die zunehmende Isolation der Menschen wird noch weitere Probleme nach sich ziehen.

SPIEGEL: Melbourne ist der zweitwichtigste Wirtschaftsraum in Australien. Das Land hat Jahrzehnte des Wachstums erlebt. Spürt man nun Existenzängste?

Trauer: Es werden nun Probleme offengelegt, die es vorher schon gab: etwa im Gastgewerbe und in der Altenpflege. Es gab große soziale Unterschiede. Vielen Menschen ging es schon vorher nicht gut. Deren Lage dürfte sich nun trotz staatlicher Unterstützung verschärfen. Im Gesundheitssektor, in dem wir arbeiten, geht es auch nicht stressfrei zu, aber immerhin haben wir unsere Jobs noch.

SPIEGEL: Was macht die Situation mit der kollektiven Psyche?

Trauer: Es ist diesmal anders als beim ersten Anstieg. Damals fühlte es sich so an, als zöge das ganze Land an einem Strang. Diesmal sind hauptsächlich Melbourne und der Rest des Bundesstaats Victoria betroffen, wo nun die Stufe drei gilt. Im Rest des Landes gehen die Beschränkungen nicht annähernd so weit.

Melbourne: Maskenpflicht, Ausgangssperren, geschlossene Schulen und Kitas

Melbourne: Maskenpflicht, Ausgangssperren, geschlossene Schulen und Kitas

Foto: WILLIAM WEST/ AFP

SPIEGEL: Was haben Sie aus den letzten Wochen gelernt?

Trauer: Die Fallzahlen gingen hoch, auch nachdem Beschränkungen der Stufe drei verhängt wurden. Sie waren offenbar nicht ausreichend. Ich vermute, dass das mit dem Winter hier zu tun hat. Die kalten Monate scheinen es schwerer zu machen, das Virus unter Kontrolle zu bringen. Die WHO sagte jüngst zwar, dass das wohl keine große Rolle spiele. Ich kann mir aber nicht anders erklären, dass es uns nun im Winter so viel schwerer fällt, die Lage unter Kontrolle zu bringen, als in den wärmeren Monaten.

SPIEGEL: Was sind nun die wichtigsten Schritte?

Trauer: Wir müssen die ältere Bevölkerung schützen. Wir müssen einen Weg finden, ältere Menschen zu schützen, ohne zu engen Kontakt zu ihnen zu haben und sie Risiken auszusetzen.

SPIEGEL: In Deutschland protestierten jüngst Tausende gegen die Corona-Beschränkungen. Wie reagieren die Menschen in Melbourne auf die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus - etwa auf die Maskenpflicht?

Trauer: Die Menschen halten sich sehr dran, womöglich auch weil Masken so sichtbar sind. Die Entwicklung ist sehr interessant: Bevor die Regierung die Einführung der Pflicht angekündigt hatte, trugen geschätzt weniger als fünf Prozent Masken. Mit der Ankündigung nahm die Zahl ganz deutlich zu und seitdem die Pflicht gilt, halten sich praktisch alle dran, jedenfalls dort, wo ich lebe.

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