Corona-Pandemie und Rassismus Die amerikanische Infektion

Die Pandemie frisst sich durch die USA. Dabei wird deutlich: Schwarze erkranken und sterben überproportional häufig daran. Die komplexen Ursachen laufen auf Amerikas Ursünde hinaus - Rassismus.
Von Marc Pitzke, New York
Angst vor dem Virus: Afroamerikanerin in Los Angeles

Angst vor dem Virus: Afroamerikanerin in Los Angeles

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ROBYN BECK/ AFP

Gouverneur Andrew Cuomo hatte eine Warnung an alle New Yorker: Das Coronavirus macht vor niemandem halt. "Jeder ist diesem Virus ausgesetzt", sagte er . "Es ist der große Gleichmacher. Mir ist egal, wie klug, wie reich, wie mächtig du zu sein glaubst. Mir ist egal, wie alt, wie jung."

Das war am Dienstag vergangener Woche. Inzwischen aber hat sich herausgestellt, dass das Coronavirus, zumindest in den USA, keineswegs gleich macht - ganz im Gegenteil.

Das beginnt in New York City, dem Epizentrum der Pandemie : Hier ist die Covid-Sterberate für Schwarze und Latinos mehr als doppelt so hoch  (20 und 23 Prozent) wie für Weiße (10 Prozent). "Es gibt eindeutige Ungleichheiten, wie diese Krankheit die Menschen in unserer Stadt betrifft", sagte Bürgermeister Bill de Blasio am Mittwoch. "Wir brauchen neue Strategien."

Dieses Phänomen offenbart sich nicht nur in New York. Auch anderswo scheinen Schwarze und andere Minderheiten mehr als die restlichen Bevölkerungsgruppen an dem Virus zu erkranken - und in höheren Raten daran zu sterben.

Je weiter sich das Virus von den US-Küsten ins Landesinnere frisst, in einer "zweiten Welle", wie manche schon sagen, desto deutlicher wird, dass es vor allem diejenigen befällt, die auch sonst immer als Erste und am schwersten leiden: Afroamerikaner und Latinos.

Überproportional betroffen: Schwarze und Latinos am Brooklyn Hospital Center in New York

Überproportional betroffen: Schwarze und Latinos am Brooklyn Hospital Center in New York

Foto: ANGELA WEISS/ AFP
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Die Gründe dafür sind so komplex wie der US-Rassismus selbst. Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit, chronische Krankheiten, Desinformation: Alle Facetten der Diskriminierung spiegeln sich auch in dieser Krise wider:

  • Geografische Ungleichheit: "Überwiegend schwarze und braune Viertel sind medizinisch meist unterversorgt", so die Bürgerrechtsorganisation NAACP. Zugleich sind Schwarze seltener krankenversichert. Republikanische Südstaaten, wo der Schwarzenanteil höher ist, haben außerdem erst spät Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Virus ergriffen. "Die Corona-Pandemie droht unsere Gemeinden zu verwüsten", schreibt die Aktivistin  Ash-Lee Woodard Henderson. "Das könnte für zu viele unserer Leute die Todesstrafe bedeuten."

  • Gesellschaftliche Ungleichheit: Schwarze und Latinos können es sich viel seltener als Weiße leisten, im Homeoffice zu arbeiten. Einer Studie des Economic Policy Institutes  zufolge gilt das vor allem für einfache Jobs, für Boten, Taxifahrer, Bauarbeiter, Putzdienste, Busfahrer. "Soziale Distanz ist ein Privileg", schreibt Kolumnist Blow.

  • Medizinische Ungleichheit: Nach NAACP-Erkenntnissen  werden Schwarze auch bei der Zuteilung von Coronatests und der Behandlung benachteiligt. "Das besorgt mich am meisten", sagt NAACP-Präsident Derrick Johnson. Dies entspricht früheren Erkenntnissen , wonach Amerikas Gesundheitswesen in weiten Teilen noch segregiert ist.

  • Gesundheitliche Ungleichheit: Afroamerikaner leiden in höherem Maße als Weiße an chronischen und anderen Krankheiten: Diabetes, hoher Blutdruck, Fettsucht, Asthma, Nierenerkrankung. Diese können den Covid-19-Verlauf erschweren und zum schnelleren Tod führen. "Leider können wir daran im Moment nichts ändern", sagte Anthony Fauci, Amerikas Chef-Immunologe und die vertrauenswürdigste Stimme in der US-Coronakrise.

  • Historische Ungleichheit: Die rassistische US-Geschichte macht Afroamerikaner bis heute misstrauisch gegenüber offizieller Medizin, weshalb sie die jetzigen Ratschläge der Ärzte und Immunologen oft ignorieren. Ein Hauptgrund ist die Tuskegee-Syphilis-Studie, bei der von 1932 bis 1972 in Alabama rund 600 schwarze Männer ohne ihr Wissen nicht gegen Syphilis behandelt wurden, um die Folgen zu testen.

  • Informationsungleichheit: Manche Schwarze halten sich offenbar für immun gegen das Virus - ein alter Aberglaube. Die Zeitung "Philadelphia Inquirer" sah sich veranlasst, das von der schwarzen Kolumnistin Jenice Armstrong dementieren zu lassen : "Glaubt den Mythos nicht." Es gebe viele "lächerliche Verschwörungstheorien, dass Schwarze es nicht kriegen könnten", schrieb der britische Schauspieler Idris Elba, als er an Covid-19 erkrankte: "Schwarze, bitte, bitte versteht, dass ihr das Coronavirus bekommen könnt."

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Immer mehr Politiker und Mediziner fordern jetzt, die Corona-Daten für Schwarze und Latinos landesweit zu sammeln und auszuwerten. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat erklärt, das werde noch "eine Weile" dauern.

Fünf Demokraten drängten  US-Gesundheitsminister Alex Azar nun schriftlich, diese "wichtigen Informationen nicht länger zu verzögern". Die Abgeordnete Ayanna Pressley warnte vor "schwerwiegenden Konsequenzen", wenn dies verschleppt werde.

Podcast Cover
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"Die Folge", sagte Stephen Thomas, Chef des Centers for Health Equity der University of Maryland, dem Magazin "Politico" , "wäre eine Explosion von Covid-19 in den Minderheitengemeinden."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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