Trump in der Coronakrise Der Virusleugner

Hunderte Infizierte, leere Unis, Börsenpanik: Die Coronakrise trifft nun auch die USA mit großer Wucht. Nur der Präsident spielt die Lage weiter herunter - mit Lügen, Ignoranz und Wunschdenken.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
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Alex Brandon/ AP

Die Coronakrise hat New York City erreicht. In der größten US-Metropole wurden bisher 19 Patienten mit dem Virus diagnostiziert, darunter der Chef der Flughafenbehörde. Rund 2200 Einwohner begaben sich freiwillig in Heimquarantäne. Auch im restlichen Bundesstaat New York wurde der Notstand verhängt: Hier verdreifachte sich die Zahl der Infizierten übers Wochenende fast auf 142.

Was die New Yorker bisher nur aus der Ferne beobachtet haben, trifft nun plötzlich auch sie: Schutzmasken und Sicherheitsdurchsagen in der U-Bahn, Schlangen im Supermarkt, ausverkaufte Desinfektionsmittel. Universitäten sind geschlossen. Broadway-Produzenten melden halb leere Theater - vor allem bei Musicals, die bei Touristen beliebt sind.

Bürgermeister Bill de Blasio warnte am Montag: Die Krise könnte noch bis September andauern - notfalls ließen sich dann auch Quarantänemaßnahmen für die 8,5-Millionen-Stadt nicht mehr ausschließen. "Das ist eine Möglichkeit."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Unterdessen stieg die Gesamtzahl der bekannten Coronavirus-Fälle in den USA  bis zum Dienstagmorgen auf 729 in 36 Bundesstaaten und die Zahl der Todesopfer auf mindestens 26. Die Wall Street, im Ölpreis- und Virusschock gefangen, erlebte den schlimmsten Horrortag seit der Finanzkrise. "Amerika wird zur Geisel des Coronavirus", titelte das Online-Magazin "Politico".

Nur US-Präsident Donald Trump spielt die Situation herunter. "Ich habe nicht die geringste Sorge", sagte er noch am Sonntag.

Als die Krise eskalierte, entspannte Trump in seinem Privatklub Mar-a-Lago in Florida, golfte, bewirtete seinen brasilianischen Amtskollegen Jair Bolsonaro und schüttelte bei einem Wahlkampf-Event viele Hände. "So viel Fake News!", twitterte er am Montagmorgen vor seiner Rückkehr nach Washington.

Schlimmster Crash seit der Finanzkrise: Trader an der New York Stock Exchange

Schlimmster Crash seit der Finanzkrise: Trader an der New York Stock Exchange

Foto: Richard Drew/ AP

Trumps Ton hatte sich geändert, als er nachmittags in der US-Hauptstadt eintraf. Der dramatische Börsensturz hatte ihn aufgeschreckt. Am Abend erschien er kurz vor den Reportern im Weißen Haus und versprach Steuernachlässe und Finanzspritzen. "Wir haben es sehr gut im Griff", behauptete er.

Dabei hat die Coronakrise auch Washington längst eingeholt. So stellte sich heraus, dass mindestens ein Besucher der konservativen Konferenz CPAC, die Ende Februar die Republikaner-Elite angezogen hatte, mit dem Virus infiziert war. Unter den rund 20.000 Teilnehmern: Trump selbst, Vizepräsident Mike Pence, Kabinettsmitglieder, Kongressabgeordnete und Trumps designierter neuer Stabschef Mark Meadows.

Meadows, der mit dem Infizierten physischen Kontakt hatte, begab sich in Heimquarantäne. Senator Ted Cruz und mehrere Abgeordnete schlossen sich seinem Beispiel an, darunter auch Matt Gaetz, der sich vorige Woche noch über die Virus-Berichte amüsiert hatte, als er mit Gasmaske im Kongress erschien.

Trump und Brasiliens Präsident Bolsonaro in Florida

Trump und Brasiliens Präsident Bolsonaro in Florida

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Alex Brandon/ AP

Gaetz war zudem mit Trump in Mar-a-Lago gewesen, erfuhr aber erst auf dem Rückflug von seiner prekären Lage. Er verbrachte den Rest der Reise allein in einer separaten Quarantäne-Kabine des Präsidentenjets "Air Force One".

Trotzdem kursierten weiter widersprüchliche Meldungen. Der Abgeordnete Louis Gohmert, dem die US-Seuchenschutzbehörde CDC ebenfalls Heimquarantäne angeraten hatte, wurde am Montagabend gesichtet, wie er Dutzende Besucher durchs Kapitol führte. "Wir arbeiten ganz normal", sagte auch Trumps Sprecherin Stephanie Grisham. Trump, 73, habe sich nicht auf das Virus testen lassen und sei weiter "bei exzellenter Gesundheit".

Das Pentagon begann hingegen, auf Videokonferenzen umzustellen. Auch der Kongress sei "zunehmend nervös", meldete NBC News. Vor allem die älteren Abgeordneten und Senatoren forderten Schutzmaßnahmen im Kapitolgebäude. Die CDC riet allen Senioren vor Reisen, Menschenmengen und Großveranstaltungen ab.

Die Epidemie zog auch den Präsidentschaftswahlkampf in Mitleidenschaft: Der größte US-Gewerkschaftsbund AFL-CIO sagte eine Townhall-Veranstaltung mit den demokratischen Kandidaten Joe Biden, 77, und Bernie Sanders, 78, in Florida ab. Sanders trat dafür bei einer Coronavirus-Podiumsdiskussion in Michigan auf, wo an diesem Dienstag die nächsten Vorwahlen stattfinden - die ersten, seitdem die Krise auch in den USA größere Ausmaße annimmt.

Trump beharrt darauf, weiter "gewaltige" Wahlkampf-Kundgebungen abzuhalten. Noch dürften sich nur wenige seiner Anhänger an der Epidemie stören. In einer Umfrage  erklärten nur halb so viele Republikaner wie Demokraten, dass das Virus eine Gefahr darstelle. 54 Prozent der Republikaner gaben an, ihr Verhalten nicht geändert zu haben. Eine Trump-Anhängerin sagte zu CNN, sie glaube nicht an die Existenz des Coronavirus - das sei eine "Lüge" der Demokraten.

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Diese Krise legt nicht nur die Schwachstellen der US-Gesellschaft offen, etwa das lückenhafte Gesundheitssystem, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die Polarisierung unter Trump und deren Kennzeichen: Lügen, Propaganda, Paranoia, Misstrauen, Ignoranz, Inkompetenz, Wunschdenken, Politisierung von Fakten. Trump trägt zur Verunsicherung bei, indem er den Experten zuletzt dauernd widersprach, denn er "glaubt, dass ihm das politisch hilft", wie NBC News einen Trump-Berater zitierte. "Er ist einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge wie sein Team."

So behauptete Trump,

  • dass die Verbreitung des Virus "unter Kontrolle" sei,

  • dass die Zahlen schon wieder "sehr substanziell sinken",

  • dass die Krise spätestens im April vorbei sein werde, "wenn es etwas wärmer wird",

  • dass Infizierte weiter zur Arbeit gehen könnten,

  • dass sein Vorgänger Barack Obama für die verschleppte Auslieferung von Testkits verantwortlich sei,

  • dass jeder, "der einen Test braucht", ihn auch bekommen könne.

Alle diese Aussagen sind nachweislich falsch. Selbst der Fox-News-Kommentator Tucker Carlson, ein Trump-Vasall, schlug am Montag Alarm. "Politiker, die Sie vielleicht gewählt haben, haben Wochen damit verbracht, zu bagatellisieren, was eindeutig ein sehr ernstes Problem ist", warnte er seine Zuschauer - ein klarer Seitenhieb gegen Trump.

Endlich an Land: Das Kreuzfahrtschiff "Grand Princess" im Hafen von Oakland

Endlich an Land: Das Kreuzfahrtschiff "Grand Princess" im Hafen von Oakland

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Die lange Desinformation führte mit dazu, dass die USA anderen Ländern nun hinterherhinken - gerade was die Tests angeht, ohne die das Ausmaß der Krise nicht zu erfassen ist. Probleme bei der Herstellung sorgen weiter für Engpässe: Bis Montag wurden nach Recherchen des Magazins "Atlantic" erst 4384 Amerikaner auf das Virus getestet . Auch von den rund 3500 Passagieren und Besatzungsmitgliedern des Kreuzfahrtschiffs "Grand Princess", das am Montag nach fünftägiger Irrfahrt im kalifornischen Oakland anlegte, wurden bisher nur 46 auf das Virus getestet. 21 waren positiv.

Experten erwarten deshalb bald einen starken Anstieg der US-Infiziertenzahlen. Die Verbreitung des Virus ist kaum aufzuhalten. Ein infizierter Patient in Kentucky arbeitete in einem Walmart, in dem Tausende einkauften. Ein infizierter Pastor in Washington gab mehr als 500 Kirchgängern die Kommunion.

Diesen Gegner kann Trump schwer aus der Welt mobben. "Das Coronavirus entpuppt sich als ein Feind, den er nicht wegtwittern kann", schreibt die "New York Times". Trumps Berater fürchten laut "Washington Post" inzwischen, dass das Virus den Rest des Jahres "aufzehren" und Trumps Wiederwahl gefährden könnte.

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