Coronakrise in den USA Gutes Amerika, grässliches Amerika

Die Coronakrise offenbart die Stärken und Schwächen der USA. Viele Bürger zeigen Gemeinsinn, andere behandeln das Virus wie eine verrückte Idee linker Spinner. Dazwischen irrlichtert Präsident Trump.
Eine Analyse von Roland Nelles, Washington
"Masken zu verschenken" im kalifornischen Venice Beach

"Masken zu verschenken" im kalifornischen Venice Beach

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APU GOMES/ AFP

In der Not, so sagt man, zeigt sich der wahre Charakter von Menschen. Bei Ländern ist es ähnlich. Im Fall der USA sind mit dem Ausbruch der Coronakrise die guten und schlechten Seiten des Landes in ihrer Extremform zu besichtigen.

Die Krise findet auf vielen Ebenen statt, das Versagen ebenso. Das ist keine Frage der Parteizugehörigkeit. Wer macht einen guten Job? Wer nicht? Welche Schwächen gibt es? Welche Stärken?

Der Präsident

Donald Trump irrlichtert zwischen den Extremen. Es wäre falsch zu sagen, dass er nur Unheil anrichtet. Als jemand, der mehrere Scheidungen und Pleiten überstanden hat, ist er im Krisenmanagement durchaus erfahren.

Donald Trump setzt beim Kampf gegen das Virus auf die Hilfe renommierter Experten wie Anthony Fauci, einem führenden Epidemielogen.

Donald Trump setzt beim Kampf gegen das Virus auf die Hilfe renommierter Experten wie Anthony Fauci, einem führenden Epidemielogen.

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Sicherlich hat Trump die Krise lange schöngeredet. Aber als er dann merkte, es wird ernst, auch für sein eigenes politisches Überleben, hat er umgeschaltet. Er ist klug genug, die besten Experten um sich zu versammeln, etwa den angesehenen Wissenschaftler Anthony Fauci.

Er schließt die Grenzen, er schickt das Militär in besonders betroffene Regionen zur Soforthilfe, er zwingt die Industrie dazu, Beatmungsgeräte herzustellen. Das alles kommt vielleicht spät, ist aber richtig. So ist auch zu erklären, dass Trumps Beliebtheitswerte etwas angestiegen sind.

Zugleich offenbart Trump in dieser Krise sein Führungsversagen:

  • Er hat erkennbar Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden.

  • Es ist zu merken, dass es ihm an der nötigen Empathie fehlt, sich vorzustellen, wie es ärmeren Menschen in den besonders betroffenen Regionen in diesen Momenten geht.

  • Die Kriegsrhetorik, mit der er verspricht, "das unsichtbare Virus zu besiegen", wirkt hohl.

Trump gibt keinen Halt, sondern stiftet Verwirrung. Mal kündigt er an, die Krise sei bald überstanden, er will die Wirtschaft wieder in Gang bringen, dann wieder warnt er vor vielen Tausend Toten.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Auch auf seine harschen Attacken auf die Medien oder gegen politische Gegner und Kritiker mag Trump in dieser Zeit nicht verzichten. Er predigt "Einigkeit der Nation" und schießt trotzdem weiter wahllos gegen all jene, die es wagen, seine Entscheidungen infrage zu stellen. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, nennt er "ein krankes Hündchen" . Stiftet ein Präsident so Gemeinsinn in der Krise? Wohl kaum.

Die Relativierer und Ignoranten

Auf der politischen Rechten, in der Anhängerschaft von Donald Trump, geht es zum Teil noch wilder zu. Das Versagen und die Ignoranz in der Krise sind hier unübertroffen.

Bei Fox News wird Kritik an der Krisenpolitik des Präsidenten von einigen Moderatoren wie eine Art von Hochverrat behandelt. Viele Trump-Unterstützer halten die Warnungen vor dem Coronavirus für Übertreibungen linker Aktivisten - ähnlich wie den Klimawandel.

Der ultrarechte Chef der christlichen Liberty University, Jerry Falwell, kündigte an, er werde seinen Campus bald wieder für bis zu 5000 Studenten öffnen . In einem Interview deutet er an, das Virus könnte von Nordkorea gezielt gestreut worden sein.

"Gott sei Dank haben wir den besten Präsidenten, um mit dieser Krise umzugehen", sagte Falwell in einem Interview. "Die Medien sollten sich dafür schämen, dass sie versuchen, diese Krise aufzubauschen, um die amerikanische Wirtschaft zu zerstören. Sie wollen die Wirtschaft zerstören, nur um Trump zu schaden."

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Viele Trump-Leute würden lieber heute als morgen die Wirtschaft wieder in Gang setzen - auch wenn es Menschenleben kosten würde. Der unerschütterliche Glaube an die eigene Überlegenheit und die heilende Kraft des amerikanischen Turbokapitalismus ist ungebrochen.

Immer wieder wird die Lage verharmlost und relativiert. Besonders gern wird dabei der Vergleich zwischen dem Coronavirus und Autounfällen angeführt: "Wir schließen unsere Wirtschaft doch auch nicht, nur weil Zehntausende von Menschen auf den Autobahnen sterben", sagt der konservative Senator und Trump-Fan Ron Johnson. "Es ist ein Risiko, das wir in Kauf nehmen."

Hinzu kommt: Jahrelang haben sie bei der politischen Rechten alle Pläne für eine bessere Gesundheitsversorgung oder mehr soziale Sicherung madig gemacht, nun gerät das ohnehin schwache System an die Belastungsgrenzen. An ihren Attacken auf die Sozialsysteme wollen viele trotzdem nichts ändern. Mitten in der Krise haben Vertreter mehrerer republikanischer Bundesstaaten ihre Absicht bekräftigt, die Gesundheitsreform "Obamacare" vor dem Obersten Gerichtshof zu Fall bringen zu wollen.

Aber auch Demokraten zeigen sich nicht nur von ihrer besten Seite. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, hat die Krise in seiner Stadt lange nicht wirklich ernsthaft bekämpft. Noch Mitte März riet er New Yorkern, ihr Leben "normal zu leben", da wütete das Virus bereits in Teilen der Stadt. Als er im Sender CNN von einem Moderator auf diesen möglichen Fehler angesprochen wurde, erklärte er lapidar, man solle doch jetzt nicht so viel zurückschauen.

Die Macher und Helfer

Amerikas Segen in dieser Krise ist, dass es auch das andere Amerika gibt. Das abwägende, das mitmenschliche, das kluge Amerika. Jenes Amerika, das versucht, die Krise pragmatisch zu lösen.

Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner, der von der Linken oft belächelt wird, wirbelt im Hintergrund, um seiner Heimatstadt New York aus der Patsche zu helfen. Er setzt seine Macht und seine Kontakte vorbildlich ein, um ganze Flugzeugladungen mit medizinischer Ausrüstung aus China in die Metropole zu schaffen. Auch Vizepräsident Mike Pence wird von vielen Gouverneuren der Bundesstaaten gelobt, weil er sich ehrlich bemühe, ihnen zu helfen, sagen sie. Pence hat so an Statur gewonnen.

Vize-Präsident Mike Pence wird von vielen Gouverneuren für seinen Einsatz in der Krise gelobt. Er hat an Statur gewonnen.

Vize-Präsident Mike Pence wird von vielen Gouverneuren für seinen Einsatz in der Krise gelobt. Er hat an Statur gewonnen.

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Vor allem aber der demokratische Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, findet in der Krise stets die richtigen Worte. Er macht seinen Mitmenschen Mut, ohne die Realität schönzureden. Als er unlängst New Yorker dazu aufrief, sich freiwillig für Hilfsdienste zu melden, boten innerhalb von wenigen Stunden Zehntausende Menschen ihre Unterstützung an. Schon gibt es die ersten Amerikaner, die sich Cuomo anstelle von Joe Biden als demokratischen Präsidentschaftskandidaten wünschen.

Es zeigt sich: Der amerikanische Gemeinsinn, der Glaube an die Kraft der "Community", wirkt in dieser Krise Wunder. Seitdem die ersten Siedler an den Küsten des Kontinents landeten, haben Amerikaner gelernt, in schweren Zeiten auf die Hilfe ihrer Nachbarn und Freunde zu vertrauen. Das funktioniert auch jetzt wieder. Junge stellen alten Menschen in der Quarantäne Essen vor die Tür, man zeigt sich in der Not solidarisch, wohlhabende Amerikaner spenden viel Geld und in New York werden innerhalb von wenigen Tagen mit vereinten Kräften gigantische provisorische Krankenhäuser eingerichtet.

Zugleich hilft die Innovationskraft und wirtschaftliche Macht des Landes:

  • Die besten Forschungseinrichtungen der Welt wie die Klinik der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore  oder die National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, arbeiten und forschen an Lösungen für die Krise.

  • Auch das Schulsystem erweist sich als widerstandsfähig: Etliche Schulen arbeiten schon lange auf Onlineplattformen, die nun den Fernunterricht vereinfachen. Viele Lehrer sind extrem engagiert und kümmern sich vorbildlich um ihre Schüler.

  • Die Unterhaltungsindustrie und ihre bekanntesten Schauspieler wie Robert de Niro helfen mit Videoclips bei der Aufklärung über das Virus.

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Im Kongress haben Republikaner und Demokraten gemeinsam innerhalb kürzester Zeit ein zwei Billionen Dollar schweres Hilfspaket für die Wirtschaft und für das zu erwartende Heer der Arbeitslosen auf die Beine gestellt.

So ist Amerika, das Land der Extreme, in der Krise noch extremer als sonst: Extrem menschlich, extrem klug, extrem effizient auf der einen Seite. Und extrem chaotisch, extrem ignorant auf der anderen Seite. Eben einfach einmalig, so wie Amerika.

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