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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Marc Pitzke

Die Lage: USA 2020 Wenn die Wahl zum Risiko wird

Marc Pitzke
Von Marc Pitzke, US-Korrespondent
Von Marc Pitzke, US-Korrespondent

Liebe Leserinnen, liebe Leser, heute beschäftigen wir uns mit einer Vorwahl im Schatten der Coronakrise, den tapferen New Yorkern - und dem besten Discjockey für die Quarantäne.

Da war doch noch was. Der Vorwahlkampf der US-Demokraten. Erinnern Sie sich? Erst drei Wochen ist es her, als Joe Biden auch die Abstimmungen in Florida, Arizona und Illinois gewann und sich damit die Präsidentschaftskandidatur weitgehend sicherte. Da hatte das Coronavirus die USA zwar schon erreicht, doch das öffentliche Leben versiegte in den meisten Staaten erst später - und damit auch das Interesse, wenn nicht der Bedarf an weiteren Vorwahlen.

Trotzdem: The show must go on. Bidens Rivale Bernie Sanders beharrt darauf, im Rennen zu bleiben. Obwohl Biden kaum noch einzuholen ist. Obwohl ihm selbst sein eigener Wahlkampfchef zum Ausstieg rät. Weshalb am Dienstag in Wisconsin, einem wichtigen Swing State bei jeder US-Präsidentschaftswahl, eine weitere Vorwahlrunde mit beiden stattfand.

Ein konkretes Ergebnis gab es in der Nacht noch nicht zu vermelden, die Auszählung verzögerte sich wegen der Coronakrise. Doch Biden dürfte auch Wisconsin gewonnen haben, er lag in den Umfragen weit vor Sanders.

Was sich in Wisconsin aber schon jetzt zeigt: Wie Wahlen in Zeiten von Corona aussehen können - und das war zumindest in diesem Fall ein Skandal.

Corona-Wählen in Wisconsin: Warteschlange in Milwaukee

Corona-Wählen in Wisconsin: Warteschlange in Milwaukee

Foto: SCOTT OLSON/ AFP

Denn die Republikaner hatten vorab alles daran gesetzt, das Wählen in Corona-Zeiten zu erschweren, statt zu erleichtern - zugunsten der eigenen Basis und zulasten der Demokraten. Sie blockierten den Versuch des demokratischen Gouverneurs Tony Evers, die Vorwahlen wegen des Virusrisikos auf Juni zu verschieben. Zugleich verhinderte die konservative Mehrheit des Supreme Court in Washington, dass die Briefwahlfrist in Wisconsin verlängert wurde. Wer wählen wollte, musste persönlich antreten, womöglich auf Kosten der eigenen Gesundheit.

Es war eine buchstäblich unmögliche Wahl: Wählen und das Risiko eingehen - oder zu Hause und gesund bleiben? Viele Wähler und Wahlhelfer blieben den Wahllokalen fern. In Milwaukee, der größten Stadt Wisconsins, konnten aus Personalmangel nur fünf von 180 Wahllokalen geöffnet werden. Die Schlangen waren entsprechend lang, die Leute standen oft dicht gedrängt, manche ohne Mundschutz.

Wahlen als Virusherd: Die Konsequenzen dürften erst später wirklich klar werden. Eine geringere Wahlbeteiligung spielt grundsätzlich den Republikanern in die Hände, da zuerst oft Minderheiten zu Hause bleiben.

Wisconsin war ein Vorgeschmack auf das, was den ganzen USA blüht. Schon sperrt sich Präsident Donald Trump gegen eine Lockerung der Wahlbeteiligung für die Präsidentschaftswahl im November, etwa durch Briefwahl: "Wenn man dem zustimmen würde, würde nie wieder ein Republikaner in diesem Land gewählt." Es war ein Eingeständnis, dass die Republikaner nur gewinnen, wenn die Wahlbeteiligung künstlich niedrig gehalten wird - mit Tricks, wie sie die US-Konservativen perfekt beherrschen.

Menschenleer: Die 34th Street in Manhattan, im Hintergrund das Empire State Building

Menschenleer: Die 34th Street in Manhattan, im Hintergrund das Empire State Building

Foto: KENA BETANCUR/ AFP

New York, New York

In meiner Wahlheimat New York City sind solche Sorgen gerade nebensächlich. Hier kämpfen Zehntausende um ihr Leben , versorgt in ausgelasteten, überlasteten Krankenhäusern von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die in Zwölf-Stunden-Schichten schuften .

Zusätzliche Krankenbetten werden in Zelten im Central Park und im Kongresszentrum aufgebaut, hinzu kommt das Lazarettschiff "USNS Comfort", das seit letzter Woche vor Manhattan ankert. Im monumentalen Kirchenschiff  von Saint John the Divine , der größten gotischen Kathedrale der Welt, werden ebenfalls gerade Betten aufgestellt. Zugleich erwägt die Stadt Massengräber für Corona-Tote, zumindest bis die Krise überstanden ist.

In der 8,5-Millionen-Metropole und im Bundesstaat ringsum scheint sich die Corona-Kurve jedoch inzwischen leicht abzuflachen. Gouverneur Andrew Cuomo, der It-Boy dieser Krise, spricht von einem "Plateau", warnt aber vor vorzeitigen Schlüssen - zumal hier am Montag so viele Menschen starben wie noch nie zuvor. Auch Bürgermeister Bill de Blasio bleibt skeptisch: "Der Mai könnte schlimmer sein als der April."

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Fragen Sie Dr. Trump (nicht)

Experten erwarten, dass sich das Corona-Epizentrum ins US-Landesinnere und nach Süden verschiebt, Richtung Washington. Während Joe Biden in sein Kellerstudio in Delaware verbannt ist, zelebriert sich Trump im Weißen Haus täglich selbst bei seinen Corona-Pressekonferenzen, die kaum nützliche Informationen bieten, stattdessen aber, wie mein Kollege Ronald Nelles beschreibt, viele Lügen, Propaganda, Selbstbeweihräucherung und Quacksalberei. Wie der Drogendealer der Nation pusht Trump da das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als Wundermittel gegen Covid-19. Einen Grund dafür will die "New York Times" entdeckt haben : Trump halte einen "kleinen persönlichen Finanzanteil" an Sanofi. Der französische Pharmakonzern produziert Hydroxychloroquin unter dem Markennamen Plaquenil.

Geschasste Pressesprecherin von Donald Trump: Stephanie Grisham hielt keine einzige Pressekonferenz

Geschasste Pressesprecherin von Donald Trump: Stephanie Grisham hielt keine einzige Pressekonferenz

Foto: Alex Brandon/ AP

Während die Zahl der Corona-Toten in den USA 12.000 überschritt, fand Trump auch die Zeit für Personalmaßnahmen. Sprecherin Stephanie Grisham etwa musste gehen. Sie hält nun den fragwürdigen Rekord, als erste Pressesprecherin des Weißen Hauses keine einzige Pressekonferenz abgehalten zu haben. Ihre Nachfolgerin Kayleigh McEnany ist unter anderem bekannt dafür, die Corona-Bedrohung noch Mitte März heruntergespielt zu haben.

Was wichtig wird

Keiner mag mehr vorhersagen, was in einer Corona-Woche passieren kann. Ostern ist auch in den USA abgesagt, zumindest alle Feierlichkeiten mit Menschenansammlungen - obwohl Trump das Land ja an diesem Wochenende schon "wiedereröffnen" wollte, samt "vollgepackter Kirchen".

Abgesagt - sprich: vertagt oder als reine Briefwahlen aufgesetzt - sind auch die Vorwahltermine für 15 Bundesstaaten und Puerto Rico, darunter in den Swing States Ohio und Pennsylvania. Das nächste Datum, das man sich merken muss, ist der 2. Juni, der plötzlich zum neuen Super Tuesday wird, weil mindestens ein halbes Dutzend Vorwahlen nun an diesem Dienstag stattfindet. Zudem wird debattiert, den bereits von Juli auf August verschobenen Wahlparteitag der Demokraten ganz virtuell abzuhalten.

Wird es einen Unterschied machen? Nicht im Rennen zwischen Biden und Sanders.

Was die Umfragen sagen

Biden liegt nicht nur bei der Delegiertenzahl weit vorne, sondern auch in den landesweiten Umfragen. Im RealClearPolitics-Umfragedurchschnitt  rangiert er als Präferenz der Demokraten zurzeit bei 57,5 Prozent - 22,7 Prozentpunkte vor Sanders.

Einen Zweikampf gegen Trump würde Biden mit 49,6 zu 43,7 Prozent gewinnen , ein Plus von 5,9 Prozentpunkten. Doch dieser Vorsprung schmilzt, auch wegen Bidens verminderter Präsenz: Am 21. März lag er noch um 7,4 Prozentpunkte vor Trump. Kein Wunder, dass es erste Überlegungen gibt , New Yorks Gouverneur Cuomo zum Ersatzkandidaten der Demokraten zu machen.

Zumal Trumps Zustimmungsquote während der Coronakrise weiter steigt  - ein Zeichen, dass die Amerikaner in Zeiten der Unsicherheit reflexartig zum vermeintlich starken Mann neigen. Auch wenn zugleich eine Mehrheit von 55 zu 39 Prozent findet , dass sich das Land "auf dem falschen Weg" befindet.

Was auf Social Media passiert

Der US-Discjockey Derrick Jones alias D-Nice war lange nur Insidern bekannt. Seit der Coronakrise hat er Millionen neue Fans gewonnen: Sein "Club Quarantine", eine Serie virtueller Dancepartys, die er über sein Instagram-Account live streamt, ist ein Hit, nicht nur bei Politikern und Prominenten. Der muntere Mix aus R&B und Oldies lockte bisher Joe Biden, Michelle Obama, Oprah Winfrey, Jennifer Lopez, Rihanna und andere VIPs an - und vertrieb Hunderttausenden anderen die Tristesse der Isolation. Nächster Termin: Samstag, 21 Uhr (deutsche Sommerzeit).

Unsere US-Storys der Woche

Diese aktuellen Geschichten unseres US-Teams möchte ich Ihnen empfehlen:

Unterdessen fällt auch für uns Journalisten der US-Vorwahlkampf vorerst aus. Meine letzte Wahlkampfreise war Ende Februar nach South Carolina, meine letzte U-Bahn-Fahrt nach Manhattan vor einer Woche. Aus dem Homeoffice in Brooklyn schaue ich jetzt auf meinen kleinen, verwilderten Garten. Immer mehr Katzen-Gangs und Eichhörnchen streunen durchs Gras. Während die Coronakrise die Straßen leert und die Politik lahmlegt, erobert sich die Natur die Stadt zurück.

Ich wünsche Ihnen eine gute und gesunde Woche!

Herzlich

Ihr Marc Pitzke