Coronavirus in Guayaquil Die Apokalypse von Ecuador

Keine Stadt in Lateinamerika ist von Corona so hart getroffen wie Guayaquil. Das Gesundheitssystem ist völlig überfordert, die Hafenstadt in Ecuador hat mehr Todesopfer als andere Länder zusammen.
Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Ein Krankenhausmitarbeiter transportiert in Guayaquil einen Toten, der an Covid-19 gestorben ist: Das Virus breitet sich rasend schnell aus

Ein Krankenhausmitarbeiter transportiert in Guayaquil einen Toten, der an Covid-19 gestorben ist: Das Virus breitet sich rasend schnell aus

Foto: STRINGER/ REUTERS

Im TV-Sender RTS sollte Carlos Julio Gurumendi live über das Gedenken an die Toten der Corona-Pandemie berichten - die katholischen Kirchen in der Metropole Guayaquil ließen alle zur gleichen Zeit die Glocken anschlagen. Doch dem Reporter, der Latexhandschuhe und Mundschutz trug, versagte nach nur wenigen Sekunden die Stimme. Dann bat er unter Tränen um Entschuldigung und sagte nur noch: "Bleibt daheim und passt auf eure Angehörigen auf".

In Guayaquil ist in diesen Tagen allen zum Heulen zumute. Seit bald zwei Wochen leben die Menschen in der Hafenstadt mit 2,7 Millionen Einwohnern in lähmender Angst angesichts der unfassbar schnellen Ausbreitung des Coronavirus. In Guayaquil gibt es mehr Covid-19-Opfer als in Kolumbien und Argentinien zusammen.

"Wir haben die Gefahr komplett unterschätzt"

"Das Virus ist in der Luft, wir atmen es einfach ein, es ist in jedem von uns", sagte Carlos Luis Morales, der Präfekt der Provinz Guayas, dessen Hauptstadt Guayaquil ist, am Freitag im Sender CNN. Er klang dabei so, als werde seine Stadt gerade von einem unsichtbaren außerirdischen Eindringling angegriffen. Aber er musste auch zugeben: "Wir haben die Gefahr komplett unterschätzt."

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Ecuador und Guayaquil im Besonderen zeigen gerade, was passiert, wenn ein Land nahezu unvorbereitet von der Corona-Pandemie überrollt wird, und wie sich Unfähigkeit und Ignoranz von Behörden und Regierung, ein kollabierendes Gesundheitssystem und eine zum Teil uneinsichtige Bevölkerung zu einem todbringenden Mix verbinden.

3646 Menschen sind in dem kleinen Land infiziert. 70 Prozent davon in und um Guayaquil. Aber noch wesentlich gravierender ist eine Zahl, die Vizegesundheitsminister Ernesto Carrasco am Sonntag bekannt gab: Unter den 3747Angesteckten sind 1600 Ärzte, Pflegepersonal, Techniker und Verwaltungsangestellte der Krankenhäuser. Also gut 40 Prozent.

Warten auf den Bestatter

Auch deshalb weigern sich gerade in Guayaquil Gerichtsmediziner, Ärzte und Bestatter, die Opfer zu beschauen oder abzuholen. Sie haben schlicht Angst, sich anzustecken. Und so liegen viele Verstorbene tagelang in den Häusern, unabhängig davon, ob sie an Covid-19 oder an anderen Krankheiten starben.

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Särge auf den Straßen, Leichen auf Lkw

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STR/ Marcos Pin/ AFP

Der Epidemiologe Esteban Ortiz rechnet vor, dass Guayaquil die höchste Mortalitätsrate aller lateinamerikanischen Städte hat. "Hier sterben 1,45 Menschen pro 100.000 Einwohner", sagt er dem SPIEGEL. Offiziell waren in Guayas bis zum Montag 130 Menschen an Covid-19 gestorben, fast Dreiviertel aller Opfer im ganzen Land. "Ich schätze aber, dass alleine in Guayaquil inzwischen mehr als 150 Menschen Covid-19 zum Opfer gefallen sind", so Ortiz.

In einer Stadt, in der die tropischen Temperaturen selbst frisches Obst innerhalb eines Tages verderben lassen, wickeln Angehörigen die Verstorbenen in Planen, streuen Kalk über die Leichen und legen sie auf den Straßen ab. Andere betten die Toten noch in Särge, bevor sie auf die Straßen gestellt werden. Wer kann, legt noch eine Decke auf den Sarg, um ein Minimum an Würde zu wahren. Aber inzwischen sind selbst Särge knapp. Zimmerleute bauen unter Hochdruck simple Sperrholzkisten.

"Es ist apokalyptisch", sagt Mauricio Morales am anderen Ende der Leitung. Er hat vier Tage darauf gewartet, dass sein verstorbener Schwiegervater abgeholt wurde. "Dann kamen sie, schmissen ihn zu Dutzenden anderen Leichen auf die Ladeklappe eins Lastwagens und verscharrten ihn in einem Armengrab. Es ist wie im Krieg," sagt der 39-jährige Informatiker.

Einschnitte ins Gesundheitssystem rächen sich

"Die Regierung hat unzählige Fehler gemacht", kritisiert Epidemiologe Ortiz. Sie habe die Lage lange nicht ernst genommen, zwar bei Einreisenden Fieber gemessen, aber diese dann nicht weiter verfolgt. Gesundheitsministerin Catalina Andramuño trat bereits zurück, weil sie völlig überfordert war mit der Aufgabe, die Krise zu managen.

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Zudem hatte sie fälschlicherweise behauptet, es würden zwei Millionen Test-Kits ins Land kommen. Bis jetzt hat Ecuador gerade mal 13.039 Menschen getestet, auch dies ein Grund für die rasante Ausbreitung. Zudem sind in den vergangenen Jahren tiefe Einschnitte ins Gesundheitssystem vorgenommen worden: "Ärzte und Pflegepersonal wurden entlassen, epidemiologische Überwachungsstationen geschlossen." Gerade in Guayaquil reichen weder die Krankenhaus- noch die Laborkapazitäten aus.

Schließlich wird Ecuador die Verbindung nach Europa zum Verhängnis. In Spanien stellt der kleine Staat mit 422.000 Migranten die größte Einwanderergemeinde. Und viele Migranten reisten womöglich infiziert von dort zurück in die Heimat. Besonders nach Guayaquil. "Patient null" war eine 71-Jährige, die bereits Mitte Februar infiziert aus Madrid nach Hause flog. Die Frau und ihre Schwester starben Mitte März an Covid-19.

Und so verzeichnet das kleine Ecuador mit gerade mal 17,5 Millionen Einwohnern die zweithöchste Zahl an Toten und dritthöchste an Infizierten in ganz Lateinamerika.

In Guayaquil soll jetzt eine gemeinsame Sondereinheit aus Polizei, Militär und Feuerwehr die Leichen aus den Häusern und von den Straßen holen. 150 pro Tag ist das Ziel. Aber ein Ende des Albtraums ist nicht in Sicht. Das Land hat nach wie vor eine der steilsten Kurven bei Neuinfektionen.

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