Coronafälle in griechischem Flüchtlingslager "Helft uns, es ist nicht sicher hier"

23 Menschen in einem griechischen Flüchtlingslager sind an Covid-19 erkrankt, eine echte Quarantäne gibt es nicht. Die Behörden haben das Lager abgeriegelt, drinnen entfaltet sich eine gefährliche Dynamik.
"Das Virus ist im Camp - und wir sind auf uns allein gestellt": Wandzeichnung im Flüchtlingslager

"Das Virus ist im Camp - und wir sind auf uns allein gestellt": Wandzeichnung im Flüchtlingslager

Foto: YANNIS KOLESIDIS/EPA-EFE/Shutterstock
Globale Gesellschaft

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Seit sich ihr Flüchtlingslager endgültig in ein Gefängnis verwandelt hat, nimmt Parwana Amiri jeden Tag ihr Schild und hockt sich neben das Eingangstor. Amiri ist 16 Jahre alt, einst floh sie aus dem Nordwesten Afghanistans. Jetzt lebt sie mit ihren Eltern und vier Geschwistern in Ritsona, 75 Kilometer von Athen. "Wir sind nicht sicher hier drinnen", steht auf ihrem Schild, es ist ein Hilferuf an die Außenwelt.

Protest aus Angst: Parwana Amiri, geflüchtet aus Afghanistan

Protest aus Angst: Parwana Amiri, geflüchtet aus Afghanistan

Foto: Refugee Media Team / Parwana Amiri / Tueremis

Das griechische Flüchtlingscamp in Ritsona steht seit fünf Tagen unter Quarantäne, die Behörden haben es abgeriegelt. Mindestens 23 der 2700 Bewohnerinnen und Bewohner sind mit dem Coronavirus infiziert. Kein Asylbewerber darf das Gelände verlassen, auch nicht, um der Gefahr zu entkommen.

Parwana Amiri fürchtet, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich das Virus im Camp verbreitet. "Die Leute hier geraten in Panik", sagt sie am Telefon. Gerade kommt sie von ihrem Protest, hat ihr Plakat abgestellt. "Wir brauchen Hilfe. Das Virus ist im Camp - und wir sind auf uns allein gestellt."

Die Krise in Ritsona hatte mit einer Geburt begonnen. Eine Kamerunerin, 19 Jahre alt, wurde vor fünf Tagen im Krankenhaus positiv auf Covid-19 getestet. Die Behörden kontrollierten ihre Freunde und Bekannten, schlossen das Lager und schickten zusätzliche Polizisten.

Das Lager in Ritsona zeigt, wie es in Moria bald werden könnte

Das Lager in Ritsona zeigt, wie es in Moria bald werden könnte

Foto: YANNIS KOLESIDIS/EPA-EFE/Shutterstock

An diesem 2. April wurde den griechischen Behörden und auch der EU-Kommission klar, dass der Ernstfall eingetreten war. In ganz Europa fürchtet man, dass sich das Virus in den Flüchtlingslagern verbreiten könnte. Besonders schlimm würde es wohl auf den Ägäisinseln, wo die Zustände unmenschlich sind.

Die EU-Kommission hat mit den griechischen Behörden einen Notfallplan erarbeitet. Die ältesten und am stärksten schutzbedürftigen Flüchtlinge sollen aus den Lagern auf der Insel evakuiert werden, sie könnten zum Beispiel in Hotels unterkommen. Doch viele Bürgermeister weigern sich, die Flüchtlinge aufzunehmen. Auch Deutschland und andere EU-Länder haben - anders als versprochen - bisher kaum Kinder von den Inseln aufgenommen. Luxemburg und Deutschland wollen nun in der kommenden Woche loslegen. Aber den Verantwortlichen in Athen, Berlin und Brüssel läuft die Zeit davon. Die Fälle in Ritsona zeigen, wie schnell es gehen kann.

Das Camp wird von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betreiben, die Uno-Mitarbeiter verteilten Hygiene-Sets, Seife und Essenskörbe. Sie desinfizierten das Camp, Beamte schufen Quarantäne-Bereiche im Lager und wiesen Bewohner an, in ihren Containern zu bleiben.

Zur nächsten Stadt sind es eineinhalb Stunden: Containerlager in Ritsona

Zur nächsten Stadt sind es eineinhalb Stunden: Containerlager in Ritsona

Foto: ANDREAS TSAKNARIDIS/EPA-EFE/Shutterstock

In Ritsona wohnen 2700 Geflüchtete in Containern und Apartments, es gab sogar Gemeinschaftsräume. Das Lager ist eines der besseren in Griechenland, nicht vergleichbar mit einem Moloch wie Moria. Dort, im Insellager auf Lesbos, teilen sich Hunderte Menschen einen Wasserhahn, die Ratten rennen über den Müll, den tagelang niemand abholt. Wenn es in irgendeinem griechischen Flüchtlingslager möglich sein sollte, die Verbreitung des Virus zu stoppen, dann in Ritsona.

Allerdings deutet alles darauf hin, dass es den Behörden selbst dort wohl nicht gelingen wird. Stattdessen wird das Camp in diesen Tagen zu einem Fanal. Es erlaubt einen Ausblick auf die Zustände, die in Moria und den anderen Elendslagern auf den ägäischen Inseln drohen, sobald dort die ersten Corona-Infektionen bekannt werden.

"Africans, no coronavirus!"

Asylbewerber nach der Diagnose

In Ritsona leben die 23 Covid-19-Infizierten nach Informationen des SPIEGEL weiter mit ihren Familien. Auch andere Familienangehörige dürften sich also bald angesteckt haben. Keiner der 23 infizierten Afrikanerinnen und Afrikaner zeigt Symptome. Die Menschen weigern sich, in die dafür vorgesehenen Quarantäne-Bereiche zu ziehen. Sie seien gesund, sagten sie den Mitarbeitern des Lagers zufolge. Sie fühlten sich diskriminiert und durch die Tests stigmatisiert.

Der Rassismus im Camp wird immer stärker. Die anderen Flüchtlinge würden die Afrikaner meiden, sagt Parwana Amiri. "Sie fürchten sich." In den ersten Tagen nach der Diagnose seien Afrikaner vor die Tür getreten und hätten laut gerufen: "Africans, no coronavirus!"

Fast alles, was Behörden rund um die Welt nun ihren Bürgern empfehlen, klappt in Ritsona nicht. Videos aus dem Inneren des Lagers zeigen, wie die Asylbewerber auf engstem Raum miteinander leben müssen. Distanz zu wahren, ist hier so gut wie unmöglich, nicht alle halten sich an die Ausgangssperre. Sie durchzusetzen, fällt den wenigen Mitarbeitern des Sicherheitspersonals schwer.

Niemand darf fliehen: Asylbewerber im Lager von Ritsona

Niemand darf fliehen: Asylbewerber im Lager von Ritsona

Foto: Michalis Karagiannis/ imago images/ANE Edition

Viele Beamte des Gesundheitsministeriums führen Tests nur in Begleitung der Polizei durch, aber selbst viele Polizisten wollen das Camp nun nicht mehr betreten. Unter diesen Bedingungen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Virus im Camp weiter ausbreitet. Die Menschen im Lager sind angeschlagen, sie alle wurden von den Behörden als besonders schutzbedürftig eingestuft. Nur deshalb durften sie von den Inseln aufs Festland.

Nicht mal die Ausgangssperre können die griechischen Behörden durchsetzen. Einige der Asylbewerber überwanden die Absperrungen, die Polizei brachte sie zurück. Bis zur nächsten Stadt sind es zu Fuß anderthalb Stunden.

In Camps wie Ritsona reicht selbst unter normalen Bedingungen eine Kleinigkeit, um einen Streit auszulösen. Nun sind die Menschen noch frustrierter, noch ängstlicher als sonst. "Wir können nicht mehr in die nächste Stadt gehen, wie wir es sonst getan haben", sagt Parwana Amiri. Die Behörden haben die Auszahlung der von der EU finanzierten monatlichen Hilfe eingestellt. Sie soll erst wieder aufgenommen werden, wenn es im Camp einen Bankautomaten gibt.

Täglich steigt so das Risiko einer Konfrontation. Am Sonntag brachen einige der Migranten in die medizinische Station ein und stahlen Medikamente. Die Ordnung, so scheint es, können die Betreiber des Camps schon jetzt nur noch mit Mühe aufrecht erhalten. In Moria wäre das noch weitaus schwieriger. Dort leben nicht 2700 Menschen sondern 20.000, sie wohnen nicht in Containern, sondern in Zelten an einem Olivenhang, wo gerade Platz ist.

Parwana Amiri kennt das Gefühl der Unsicherheit. In Afghanistan flüchtete sie vor den Taliban, in der Türkei vor dem unsicheren Klima in einem Land, das Afghanen kaum Schutz bietet. Amiri überstand die drei Monate in Moria, Europas größtem und schändlichstem Flüchtlingslager. Jetzt hat sie wieder Angst, dieses Mal vor einem Virus.

Ihre Familie brauche Sicherheit, sagt Amiri. Bisher habe sie Griechenland für ein sicheres Land gehalten. Inzwischen hat sich das geändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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