Größtes und schnellstes Impfprogramm in Europa Großbritanniens Impfkönigin

Kein anderes Land in Europa impft so schnell und effizient wie Großbritannien. Das liegt vor allem an Kate Bingham: Sie entschied sich für einen Sonderweg, erkannte die aussichtsreichsten Impfstoffe – und schlug früh zu.
Aus London berichtet Julia Smirnova
Kate Bingham war zunächst unsicher, ob sie bei der Impfstoffbeschaffung mit ihrem beruflichen Hintergrund weiterhelfen könnte – diese Sorge war unbegründet

Kate Bingham war zunächst unsicher, ob sie bei der Impfstoffbeschaffung mit ihrem beruflichen Hintergrund weiterhelfen könnte – diese Sorge war unbegründet

Foto: John Nguyen / JNVisuals / ddp / News Licensing

Diese Woche konnte der britische Premier Boris Johnson endlich mal eine gute Nachricht in der Corona-Pandemie verkünden. Mehr als 15 Millionen besonders gefährdete Briten oder knapp ein Viertel der Bevölkerung haben ihre erste Impfdosis gegen das Coronavirus bekommen. Simon Stevens, der Chef des Gesundheitssystems NHS in England, sprach vom »größten und schnellsten Impfprogramm in Europa – und in der Geschichte des Gesundheitsdienstes«.

In dieser Pandemie hat die britische Regierung viele Fehler gemacht. Lockdowns wurden zu spät eingeführt, das Test-and-Trace-System ist praktisch gescheitert. Doch das britische Impfprogramm sieht momentan tatsächlich nach einer Erfolgsgeschichte aus.

Der Impfstoff von Pfizer und Biontech wurde in Großbritannien bereits am 2. Dezember zugelassen. Am 8. Dezember bekam die 90-jährige Margaret Keenan als erste Britin ihre Impfung. Seitdem läuft das Programm zügig – die Logistik, die mithilfe des Militärs organisiert wurde, und die Verteilung über den NHS funktionieren gut. Täglich werden Hunderttausende Menschen geimpft, am vergangenen Samstag waren es etwa mehr als 500.000. Nur Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate, beides kleine Länder, haben anteilig mehr Menschen geimpft als die Briten.

Die Grundlage für den britischen Impferfolg hat die Risikokapitalunternehmerin Kate Bingham gelegt. Sie führte bis Dezember ehrenamtlich die »UK Vaccine Taskforce« an, eine spezielle Gruppe in der Regierung, die für Impfstoffbeschaffung zuständig war. Früh genug schloss sie Verträge mit Pharmaunternehmen ab und sicherte dem Königreich insgesamt rund 400 Millionen Impfdosen, die nun nach und nach geliefert werden. Jetzt wird sie von der britischen Presse als »Impfstoff-Zarin« gefeiert. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass sie eine russische Monarchin wäre. Die Bezeichnung »Zarin« wird im Vereinigten Königreich für Menschen verwendet, die von der Regierung beauftragt werden, große gesellschaftliche Aufgaben zu koordinieren.

Dank Bingham war Großbritannien das erste Land, das einen Vertrag für den Impfstoff von Pfizer und Biontech abgeschlossen hat. »Wir haben das gemacht, weil wir schnell und flink waren«, sagte Bingham im Januar in einem Parlamentsausschuss . Großbritannien war im Vergleich zu den USA und der EU nicht der größte Käufer. Doch Bingham und ihr Team konnten geschickter agieren und hatten bessere Kontakte in der Industrie. »Alle westliche Unternehmen, die wir ausgewertet haben, waren Unternehmen, zu denen wir schon bestehende Beziehungen hatten, in der einen oder anderen Form, zumindest über ein Mitglied unseres Teams«, erklärte Bingham im Parlament.

Die Taskforce wurde Mitte April von Patrick Vallance, dem wissenschaftlichen Chefberater der britischen Regierung, ins Leben gerufen. Als Bingham Anfang Mai einen Anruf von Boris Johnson bekam, soll sie mit der Zusage etwas gezögert haben. Die 55-jährige Unternehmerin ist keine Expertin für Impfstoffe, sondern für Investitionen in vielversprechende medizinische Technologien. Doch ihre 30-jährige Erfahrung im Privatsektor half ihr am Ende, die besten Impfstoffkandidaten rauszusuchen.

Steve Bates, der Vorsitzende des Industrieverbandes BioIndustry Association (BIA), der immer noch Teil der Taskforce ist, lobt Binghams »Voraussicht«, mit der sie die Impfstoffe im Sommer sicherte. »Das Gesundheitssystem NHS und Public Health England bekamen dadurch einen kritischen Zeitvorsprung, um zu verstehen, wie diese komplexen Produkte einzusetzen sind«. Die BIA hatte schon seit Mitte Februar eine eigene Gruppe gegründet, um zu überlegen, wie die Impfstoffproduktion organisiert werden kann. Später hat der Verband die Taskforce beraten.

Privatsektor trifft auf Verwaltung

Bingham brachte einen Habitus aus dem Privatsektor mit: In den ersten Wochen arbeitete die Taskforce rund um die Uhr und am Wochenende, um die Impfstoffe mit den besten Chancen auf schnelle Zulassung zu identifizieren. Sie habe gebeten, die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, erzählte sie später in einem Interview mit der »Times« : »Ich wusste nicht viel über die Regierung, aber wenn man 58 Menschen in Kopie setzen muss, wird es nicht mehr möglich sein, Entscheidungen schnell zu treffen. Wir hatten nur eine Chance, richtigzuliegen, und keine Zeit.«

Dieser Führungsstil soll bei manchen Beamten für Unverständnis gesorgt haben. Bingham stand auch deshalb in der Kritik, weil sie mehr als 600.000 Pfund aus Steuergeldern für PR-Berater ausgegeben haben soll. Außerdem wurde ihre Nähe zur Konservativen Partei zum Thema. Sie ist mit einem Staatssekretär im Finanzministerium verheiratet und kennt Boris Johnson noch aus der Zeit an der Oxford-Universität.

Impfstoffbeschaffung durch Brexit leichter?

Dass die Impfkampagne bereits so viele Menschen erreicht hat, liegt auch an einer weiteren, durchaus umstrittenen Entscheidung Großbritanniens. Im Unterschied zu anderen Ländern beschloss die britische Regierung, die zweite Dosis nicht nach drei, sondern erst zwölf Wochen zu verabreichen, um mehr Menschen den Schutz der ersten Dosis geben zu können. Die Regierung hörte dabei auf Jeremy Brown, Professor an der Universität UCL und Mitglied im Expertenausschuss für Impfung und Immunisierung, der von Anfang an überzeugt war, dass dieses Vorgehen richtig sei. Die Entscheidung sei auf der Basis von Daten getroffen worden, die zeigten, dass die erste Dosis für den Großteil des Schutzes sorge.

Die Zahlen, die am Dienstag vom nationalen Statistikbüro veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Infektionsraten bei Menschen über 80 Jahren besonders schnell sinken, was auf einen Erfolg hindeutet. Jeremy Brown von UCL äußert sich vorsichtiger: »Um absolut sicher zu sein, dass es ein Erfolg ist, müssen uns vollständige Daten über Infektionszahlen bei geimpften Menschen vorliegen«.

Für eine andere Gruppe sind der gute Fortschritt der Impfkampagne, vor allem aber Binghams Erfolg bei den Verhandlungen und die schnelle Zulassung der Impfstoffe noch ein weiterer Grund zur Freude: Manche Brexit-Anhänger sehen darin die Bestätigung dafür, dass sich der EU-Austritt gelohnt hat.

Bingham selbst sieht das nicht so, wie sie immer wieder deutlich macht: Großbritannien habe bei den schnelleren Zulassungen nach EU-Recht gehandelt und jedes europäische Land habe theoretisch die gleichen Chancen gehabt. Gleichwohl entschied sie sich letztes Jahr bewusst dafür, nicht am EU-Programm für Impfstoffbeschaffung teilzunehmen. »Wir hatten das Gefühl, dass die Bedingungen zu eng waren und wir schneller hätten handeln können, wenn wir unabhängig vorgehen. Im Nachhinein glaube ich, dass es die richtige Entscheidung war«, sagte Bingham im Parlament .

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir geschrieben, dass die EU den Vertrag mit AstraZeneca drei Monate nach Großbritannien unterschrieben. Nun gibt es entgegengesetzte Meldungen. Wir haben die entsprechende Stelle angepasst.