Irans Umgang mit Coronavirus Tödliches Schweigen

Seit Wochen setzt Irans Regierung im Umgang mit dem Coronavirus auf Vertuschen und Dementieren. Das hat fatale Folgen: Das Virus breitet sich rasant im Land aus.
Foto: Abedin Taherkenareh/ EPA-EFE/ REX

Bis zum Dienstag vergangener Woche hatte das Coronavirus Iran nicht erreicht - offiziell jedenfalls. Vehement hatte die Regierung bis dahin das Gerücht dementiert, in einem Teheraner Krankenhaus sei eine infizierte Frau gestorben. "Iran bleibt weiterhin frei vom Coronavirus", sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums zum Beispiel noch am 12. Februar.

Doch ab Mittwoch begann die Epidemie, und das gleich mit zwei Toten: In der Stadt Ghom, Sitz vieler schiitischer Lehrwerke, waren zwei ältere Männer Covid-19 erlegen. Zuvor hätten sie die Stadt nicht verlassen, auch keinen Kontakt zu Eingereisten aus China gehabt, so die Regierung.

Von da an ging es Schlag auf Schlag: Todesfälle in Ghom, Teheran, der Provinz Gilan am Kaspischen Meer, weitere Infizierte in Isfahan, Rasht, Hamedan - quer durchs Land verteilt, ohne dass die Infektionswege bekannt wären. Am Dienstag lagen die offiziellen Zahlen dann bereits bei 16 Toten und 95 Infizierten.

Fataler Umgang Irans mit Coronavirus

In keinem anderen Land außerhalb Chinas sind damit bislang mehr Menschen an Covid-19 gestorben als in Iran. Und damit nicht genug: Indizien und Aussagen sprechen dafür, dass die Lage in Iran weit schlimmer ist, als die Führung in Teheran offiziell vorgibt. Am Montag warf der Parlamentsabgeordnete Ahmad Amirabadi Farahani der Regierung vor, über das Ausmaß des Ausbruchs "zu lügen": 50 Menschen seien bereits gestorben, jeden Tag kämen zehn weitere allein in Ghom hinzu. Der erste Patient sei bereits zwei Wochen vor dem offiziellen Bekanntwerden des ersten Corona-Falls gestorben.

Die Regierung dementierte erneut und beschwichtigte. "Ich werde zurücktreten, wenn die Zahlen auch nur halb, ein Viertel so hoch sind", versprach Vizegesundheitsminister Iradsch Harirschi. Doch in einem gespenstischen Video seiner Pressekonferenz ist zu sehen, wie er sich immer wieder den Schweiß von der Stirn wischt und hustet. Kurz darauf wurde er positiv getestet.

Eine finstere Ironie, die Folgen des fatalen Umgangs des iranischen Machtapparats mit dem Virus auf den Punkt bringt. Die neue Corona-Variante überträgt sich leicht und hat eine lange Inkubationszeit, bis sich die ersten Symptome zeigen. Einiges spricht dafür, dass Infizierte das Virus weitergeben können, bevor sie die Krankheit bemerken. Dieser Ausbreitungsweg verzeiht genau das nicht, was Irans Mächtige mit Problemen gern tun: vertuschen, verdrängen, ausländische Verschwörungen verantwortlich machen. All das kostet wertvolle Zeit, die keine Regierung hat, wenn es darum geht, eine Epidemie einzudämmen.

Dass die Epidemie in Iran außer Kontrolle geraten ist, dafür sprechen nicht nur die Aussagen des Abgeordneten und die Verteilung der Fälle im Land. Auch zwei Ärzte in Iran, mit denen der SPIEGEL sprach, berichten von rasant steigenden Fallzahlen, von mangelndem Schutz für das medizinische Personal und überfüllten Krankenhäusern. Ein Arzt am Teheraner Masih-Daneshwari-Krankenhaus, der anonym bleiben möchte, berichtet: "Wir hatten allein in den letzten drei Tagen 15 neue Fälle. Andere Hospitäler schicken uns Fälle, aber wir können bald auch keine Patienten mehr aufnehmen. Zwei unserer Ärzte sind bereits gestorben. Ich bin seit einer Woche nicht mehr zu Hause gewesen."

Hohe Dunkelziffer

Selbst wenn die Zahl von 16 Toten und 95 Infizierten korrekt wäre, würde dies bedeuten, dass Covid-19 in Iran einen viel tödlicheren Verlauf nimmt als in allen anderen Ländern, China eingeschlossen: Im globalen Mittel sterben ungefähr zwei Prozent der gemeldeten Infizierten, außerhalb Chinas lag die Zahl bislang weit darunter. In Iran läge sie ausweislich der offiziellen Zahlen bei fast 17 Prozent. Das deutete darauf hin, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten in Iran weit höher sein dürfte.

Ein Anhaltspunkt dafür sind die Entdeckungen von Infizierten in insgesamt acht Ländern, die alle aus Iran eingereist waren. Bei den ersten Corona-Kranken überhaupt im Irak, Libanon, in Kanada, Bahrain, Kuwait und Oman handelte es sich um Reisende, die per Flugzeug aus Iran kamen.

Der kanadische Virologe Isaac Bogoch hat mit mehreren Co-Autoren versucht zu errechnen, wie hoch die Zahl der Infizierten in Iran tatsächlich ist. Dafür hat das Team verschiedene Daten anderer Epidemieverläufe und das aktuelle Passagieraufkommen zwischen Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Libanon und Kanada ausgewertet: Was bedeutet die Ankunft Infizierter allein in diesen drei Ländern binnen wenigen Tagen für die Zahl Infizierter in Iran?

Bogoch und sein Team kommen in ihrer Untersuchung  auf einen Mittelwert von 18.300 Infizierten in Iran. Gerüchte, dass weit mehr Infizierte aus Iran nach Syrien, Aserbaidschan und in den Irak gereist seien, sind dort nicht einmal berücksichtigt, so der Autor. Das sei, zurückhaltend formuliert, "besorgniserregend" auch für die gesamte Region - zum Beispiel Afghanistan, den Irak, Pakistan, mit ihren autoritären, intransparenten Regierungen und ihrem unzureichenden Gesundheitssystem. Drastischer sagt es Peter Piot, Direktor der London School of Hygiene and Tropical Medicine: "Es ist das Rezept für einen massiven Ausbruch."

Schon in Iran scheint das Gesundheitssystem überfordert zu sein mit der Lage: Überall mangele es an Desinfektionsmitteln, klagen Ärzte. Noch am Dienstag war in Ghom der von schiitischen Pilgern aus aller Welt besuchte Schrein der Fatima nicht geschlossen, ebenso wenig das noch weit mehr besuchte Heiligtum von Imam Reza im ostiranischen Maschhad. Und das, obwohl der Chef der Medizinischen Hochschule in Ghom schon zuvor davon gesprochen hatte, dass die Krankheit sich in der gesamten Stadt ausgebreitet habe. Aber anstatt über die wahre Lage zu informieren, habe das Gesundheitsministerium alle Behörden angewiesen, "keine Zahlen und Statistiken" zum Ausbruch zu veröffentlichen, sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Zu späte Einsicht

Warum schwiegen die Verantwortlichen so lange? In Iran kursiert dazu ein Gerücht, das ins Gesamtbild passen würde: Nichts sollte die Beteiligung an den Parlamentswahlen am 21. Februar noch weiter nach unten drücken. Zwar stand der Sieg der Hardliner schon im Vorfeld fest, waren schließlich zwei Drittel aller Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen worden. Doch eine allzu niedrige Wahlbeteiligung hätte die ganze Wahlinszenierung ruiniert. Staatsoberhaupt Ali Khamenei selbst beschuldigte "die Feinde Irans", sie hätten die iranischen Wähler vom Urnengang abhalten wollen und deshalb die "negative Propaganda über das Virus verbreitet".

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