Coronavirus Wege aus dem Lockdown in Israel

Der Forscher Dan Yamin entwickelt Modelle, die Israel im Kampf gegen Covid-19 helfen. Er empfiehlt, Teile des Landes bald zu öffnen. Corona sei für die meisten Menschen weniger tödlich als angenommen.
Ein Interview von Alexandra Rojkov
"Keine Panik" - ein Schild auf einem Markt in Tel Aviv

"Keine Panik" - ein Schild auf einem Markt in Tel Aviv

Foto: Oded Balilty/ AP

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, greift Israel zu drastischen Mitteln: Menschen dürfen sich nicht mehr als 100 Meter von ihrem Haus entfernen, einige Stadtviertel sind fast vollständig abgeriegelt, seit Sonntag gilt in der Öffentlichkeit eine Maskenpflicht. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurde der Erreger Sars-CoV-2 bei 11.235 Personen in Israel nachgewiesen. 110 Menschen sind den Angaben zufolge nach einer Coronavirus-Infektion gestorben. Der Inlandsgeheimdienst Shin Bet bekam sogar die Erlaubnis, Handydaten der Bürger auszuwerten - ein Mittel, das sonst nur zur Terrorbekämpfung eingesetzt wird.

Der Wissenschaftler Dan Yamin erklärt, wie solche Daten helfen können, Israel wieder zur Normalität zurückzuführen.

SPIEGEL: Dr. Yamin, wo erreiche ich Sie gerade?

Dan Yamin: In der Universität. Die israelische Regierung hat ungefähr 15 Prozent der Beschäftigten für systemrelevant erklärt - dazu gehören wir. Wir sind ein 30-köpfiges Team: Wissenschaftler aus meinem Labor für epidemische Modellierung und Analyse sind dabei, Experten für künstliche Intelligenz, Spezialisten der israelischen Armee und aus dem Büro des Ministerpräsidenten. Alle gemeinsam suchen wir Strategien aus der Coronakrise .

Zur Person
Foto:

Dan Yamin/ Tel Aviv University

Dr. Dan Yamin leitet das "Labor für epidemische Modellierung und Analyse" der Universität Tel Aviv, Israel. Seine Arbeit half in der Vergangenheit unter anderem, das Ebola-Virus in Liberia einzudämmen.

SPIEGEL: Aber Sie sind doch Ingenieur, kein Virologe.

Yamin: Das stimmt, ich habe meinen Doktor in Ingenieurwissenschaften gemacht. Aber meine Doktorarbeit in Yale beschäftigte sich mit Modellen von Infektionskrankheiten. Ich entwickle seit 13 Jahren Modelle für Pandemien und lese jeden Tag medizinische Fachliteratur. Vor 50 Jahren waren Epidemiologen ausschließlich in der Medizin angesiedelt. Heute wissen wir: Um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten vorherzusagen, müssen wir verstehen, wie Menschen sich im Kollektiv verhalten. Dafür braucht man die Fähigkeiten, Daten zu analysieren und mathematische Modelle zu entwickeln - und das können Ingenieure.

SPIEGEL: Wie genau sieht Ihre Arbeit aus? 

Yamin: Wir entwickeln Modelle, wie sich Covid-19 übertragen und verbreiten könnte. Dafür analysieren wir Telefondaten, die uns anzeigen, wie bestimmte Gruppen sich in den vergangen vier Wochen bewegt haben. In Israel wurde früh beschlossen, die Bewegungsfreiheit einzuschränken, aber wir konnten anhand der Daten sehen, dass sich bestimmte Teile der Bevölkerung nicht daran hielten. Durch unsere Modelle konnten wir einige Hotspots für die Übertragung des Virus ausmachen. In einem Fall machten wir das Gesundheitsministerium darauf aufmerksam, und es richtete eine Corona-Teststelle in der Nähe ein. Parallel versuchen wir mit den Daten eine Langzeitstrategie zu entwickeln, wie man das Virus eindämmen und gleichzeitig Teile des Landes öffnen könnte.

"Man muss an den Tag danach denken"

Dan Yamin, Universität Tel Aviv

SPIEGEL: In Deutschland gibt es eine Debatte darüber, wie sehr Daten bei der Bekämpfung von Covid-19 eingesetzt werden sollten. Kritiker sehen darin einen Eingriff in die Privatsphäre.

Yamin: Ich bin Wissenschaftler, und als solcher suche ich immer nach der besten Lösung. Daten können enorm helfen, das Virus einzudämmen. Aber ich finde auch, dass man abwägen und an den Tag danach denken muss. In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle, in denen Daten in Krisenzeiten genutzt werden durften – doch als die Krise vorbei war, wurden die Gesetze nicht zurückgenommen. Wir benutzen deshalb keine Daten von einzelnen Personen, wenn sie nicht ihr ausdrückliches Einverständnis gegeben haben. In unseren Daten werden je 50 Personen zusammengefasst und anonymisiert. Das halte ich für vertretbar, und es gilt auch unter europäischen Richtlinien als akzeptiert.

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SPIEGEL: Israel hat früher als andere Länder eine strenge Ausgangssperre verhängt: Aktuell dürfen die meisten Menschen sich nicht weiter als 100 Meter von ihrem Haus entfernen. Gleichzeitig leidet das Land wirtschaftlich enorm, mehr als 26 Prozent der Israelis haben sich arbeitslos gemeldet. Sind diese harten Maßnahmen aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Yamin: Ich denke, dass wir die Restriktionen nach den Feiertagen in Israel schrittweise ändern können (Anmerkung der Redaktion: Israel feiert bis zum 15. April das Pessach-Fest). Sonst kommen wir in eine Lage, in der die Maßnahmen mehr Probleme verursachen, als die Krankheit selbst. Es ist wichtig, das Worst-Case-Szenario zu sehen. Aber es gibt Erhebungen aus mehreren Ländern, die zeigen, dass sehr viele Covid-19-Fälle nicht gemeldet werden, weil sie sehr mild oder asymptomatisch verlaufen. Wenn man diese Fälle dazuzählt, könnte es sein, dass die Todesrate von Covid-19 viel niedriger ist, als wir im Moment annehmen. Womöglich ist sie nicht viel höher, als bei einer normalen Grippe – zumindest für den Großteil der Bevölkerung. Es ist allerdings klar, dass das Virus für ältere oder kranke Menschen viel gefährlicher ist.

SPIEGEL: Aber auch junge und gesunde Menschen sind in der Vergangenheit an Covid-19 gestorben.

Yamin: Genauso wie an der Grippe, an der jedes Jahr fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung erkranken. Der Unterschied ist, dass Politiker im Fall von Corona gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen, wegen denen Menschen sterben könnten. Deshalb sind sie vorsichtiger. Aber wir können nicht Monate zu Hause verbringen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Wie können Ihre Berechnungen dabei helfen, den aktuellen Zustand zu überwinden?

Yamin: Wir versuchen, verschiedene Strategien zu durchdenken: Wo und wie könnte man die Gesellschaft am besten öffnen, um möglichst wenig Menschenleben zu riskieren? Wahrscheinlich können wir nicht das ganze Land auf einmal von der Ausgangssperre befreien, sondern nach und nach verschiedene Regionen. In Ramat Gan, einem Vorort von Tel Aviv, wo ich lebe, gibt es zum Beispiel wenige Covid-19-Fälle. Hier wäre es denkbar, jüngeren Menschen mehr Bewegungsfreiheit zu erlauben und einige Geschäfte zu öffnen. Dank unserer Daten könnten wir die Empfehlungen jederzeit anpassen. Wir müssen die Älteren beschützen, aber wir müssen auch handeln. Sonst zerstören wir unsere Wirtschaft. Und wir müssen verhindern, dass es im Winter eine Explosion der Fallzahlen gibt, wenn noch andere Atemwegserkrankungen grassieren. Das könnte unser Gesundheitssystem nicht verkraften.

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