Coronavirus "Ich bleibe zu Hause" - Italien schottet sich ab

Im Kampf gegen das Coronavirus wird ganz Italien zur "roten Zone". Eindrücke aus einem Land, das für mehr als drei Wochen komplett in Quarantäne geht.
Von Frank Hornig, Rom
Rom: Die bei Touristen so beliebte spanische Treppe ist menschenleer

Rom: Die bei Touristen so beliebte spanische Treppe ist menschenleer

Foto: Alberto Lingria/ dpa

Im Palazzo Chigi, dem Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten, brannte am Montagabend um 23 Uhr noch Licht. Ansonsten war es still im historischen Zentrum von Rom. Gespenstisch still. Vor dem Pantheon saßen noch vier oder fünf Touristen, aber die normalerweise belebten Restaurants im Viertel waren ausnahmslos leer.

"Wir versichern unserer verehrten Kundschaft, dass wir noch mehr denn je auf Hygiene und Sauberkeit achten, um Ihre maximale Sicherheit zu garantieren", stand auf der Tür einer Trattoria geschrieben, ohne Erfolg. Supermärkte, die eigentlich bis 24 Uhr geöffnet sind, hatten die Gitter heruntergelassen.

Ab und an fuhren Polizeiwagen vorbei, mit Blaulicht, aber verstörend langsam. Die Beamten musterten die wenigen Passanten, die noch unterwegs waren. Es waren die letzten Minuten, bevor um Mitternacht ganz Italien zur "roten Zone" wurde.

Vorher bin ich noch mal schnell mit dem Fahrrad ins Büro gefahren. Ich wollte mir ein Formular ausdrucken, das ich ab heute früh brauche, wenn ich meine Wohnung verlassen will. In dem Dokument des Innenministeriums muss ich erklären, wohin ich mich bewegen möchte und woher ich komme. Außerdem soll ich nachweisen, dass ich entweder aus Arbeitsgründen auf die Straße muss oder weil ein Notfall oder medizinische Gründe vorliegen.

Schließlich muss ich noch meinen Namen, meine Anschrift, meine Handynummer und meine Ausweisnummer angeben. Das Ganze ist dann von mir und einem Polizeibeamten an einem Kontrollpunkt zu unterschreiben. So habe ich es jedenfalls bisher verstanden.

"Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern, sofort."

Italiens Regierungschef Conte

"Ich bleibe zu Hause", so fasste Regierungschef Giuseppe Conte am späten Abend sein jüngstes Dekret zusammen, mit dem er faktisch das ganze Land vorerst bis zum 3. April unter Quarantäne stellte. Nur einen Tag, nachdem er die Lombardei und andere norditalienische Provinzen um Mailand und Venedig mit insgesamt 16 Millionen Bürgern zum Sperrgebiet erklärt hatte. Nur 24 Stunden später reichte diese drastische Maßnahme nicht mehr. "Es gibt keine Zeit mehr", sagte Conte. "Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern, sofort."

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Italiener rätseln über das bürokratisch formulierte Dekret

Was genau bedeutet das für die 60 Millionen Italiener? Seit die Regierung erst den Norden und dann das ganze Land absperrte, rätseln viele Einwohner, wie sie das bürokratisch formulierte Dekret verstehen sollen und welche Freiheiten ihnen künftig noch erlaubt sind.

Schulen, Universitäten, Sportstätten und kulturelle Einrichtungen sind geschlossen. Aber Restaurants und Cafés dürfen bis 18 Uhr geöffnet bleiben. Auch Busse und Bahnen dürfen weiter fahren, allerdings wird an den Bahnhöfen erfasst, wer wohin reist; auch wird - wie bislang schon an Flughäfen - die Temperatur der Passagiere gemessen. Umgekehrt verfügt das Dekret, "jede Bewegung von Personen zu vermeiden". Zudem heißt es: "Im gesamten Staatsgebiet sind Versammlungen von Personen verboten."

Kommunen und Regionen haben sich inzwischen bemüht, die Anordnungen der Regierung zu konkretisieren. Einkäufe seien erlaubt, heißt es, aber nur für eine Person pro Familie. Ältere, gebrechliche Angehörige könnten besucht und gepflegt werden. Aber wer seine Verlobte in einer anderen Stadt sehen wolle, müsse zu Hause bleiben. Kurz: Jeder nicht zwingend notwendige Gang außer Haus soll vermieden werden.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Montagvormittag, als Rom noch zur freien Welt gehörte, hatte ich einen Termin im Vatikan. Schon der Taxifahrer stöhnte über das flaue Geschäft. "Es ist tot, schon seit Tagen." Dann traf ich eine Nonne, die mich zu meinem Gesprächspartner führte. Zur Begrüßung diskutierten wir kurz, ob wir die Hände schütteln sollten. Wir verzichteten darauf.

Danach ging ich mittags über den Tiber ins Büro. Obwohl in der Hauptstadt noch keinerlei Einschränkungen galten, waren kaum Menschen unterwegs. Wer sich entgegenkam, wechselte die Straßenseite. Einige hatten einen Schal um Mund und Nase geschlagen, weil Schutzmasken schon lange nicht mehr erhältlich sind.

Es ist seltsam: In Rom und der umliegenden Region Lazio waren bis gestern nur 90 Infizierte gemeldet - fast nichts im Vergleich zu den Krisengebieten in Norditalien. Trotzdem wirkte die Hauptstadt schon wie im Ausnahmezustand, Stunden bevor die rote Zone übers ganze Land verhängt wurde.

Leere Tische und Stühle vor einem Restaurant in Rom

Leere Tische und Stühle vor einem Restaurant in Rom

Foto: Roberto Monaldo/ dpa

Abends entlud sich die angespannte Stimmung. Ich war im Supermarkt, um ein paar Vorräte einzukaufen. Über Durchsagen und Hinweisschilder wurden die Kunden aufgefordert, in der Warteschlange vor der Kasse einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zueinander zu wahren. Aber ein Obdachloser hielt sich nicht daran und stellte sich direkt hinter eine Kundin, die ängstlich zur Seite sprang. "Ich bin ein junger Typ, ich hab doch kein Corona", sagte der Obdachlose noch, bevor Angestellte die Polizei riefen und ihn aus dem Geschäft warfen.

Stunden später gab Ministerpräsident Conte eine Pressekonferenz, um zu erklären, warum ab heute 60 Millionen Italiener mehr als drei Wochen lang zu Hause bleiben sollen. Die besonders verwundbaren alten Bürger müssten vor einer Ansteckung geschützt werden. Es könne nicht sein, dass währenddessen junge Leute in und vor den Bars feierten und damit die Verbreitung des Virus förderten. So ein Verhalten könne sich das Land nicht mehr erlauben. "Die Zukunft liegt in unseren Händen", sagte Conte, "wir sitzen alle im selben Boot."

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