Ex-Premier Renzi über Coronakrise "Passt auf, dass ihr nicht dieselben Fehler macht wie Italien"

Das Coronavirus hat Italien überrollt - weil die Regierung nicht schnell und entschlossen genug reagierte. Nun warnt Matteo Renzi im SPIEGEL-Interview andere EU-Länder: "Verschwendet keine Zeit!"
Von Frank Hornig, Rom
Regierungspolitiker Renzi: "Corona kennt keine Grenzen"

Regierungspolitiker Renzi: "Corona kennt keine Grenzen"

Foto: Alberto Pellaschiar/ AP

Anfangs haben Italiens Politiker noch munter über Corona gestritten. Als es vergleichsweise wenige Infizierte gab, forderten Gouverneure und Bürgermeister im Norden, es mit den Schutzmaßnahmen nicht zu übertreiben. Auch Oppositionschef Matteo Salvini ("Alles offen halten, alles, alles, alles") nahm die Krise nicht ernst.

Das hat sich mit der rasant steigenden Zahl von Covid-19-Patienten geändert. Inzwischen überbieten sich viele Politiker mit Vorschlägen, wie sich der Kampf gegen Corona verschärfen ließe.

Matteo Renzi, Parteichef von Italia Viva, ist einer der Koalitionspartner in Rom. Nachdem die Regierung vergangenen Sonntag weite Teile Norditaliens zum Sperrgebiet erklärte, forderte der ehemalige Ministerpräsident, ganz Italien zur roten Zone zu erklären - was wenig später geschah.

SPIEGEL: Die Zahl der Corona-Infizierten in Italien steigt bisher ungebremst. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Matteo Renzi: Es ist sehr schwer. Wir müssen jetzt verhindern, dass alle gleichzeitig krank werden. Damit das Kliniksystem nicht kollabiert .

SPIEGEL: Ihr Land ist faktisch stillgelegt. Finden Sie das angemessen?

Renzi: Da wir nun mal in dieser Situation gelandet sind, gibt es keine Alternative. Denn das Virus ist in Italien ja sehr viel weiter verbreitet als in anderen Ländern. Aber Achtung: Es gibt eine realistische Gefahr, dass Staaten wie Deutschland und Frankreich in den nächsten Stunden und Tagen die gleichen Maßnahmen ergreifen müssen. Corona kennt keine Grenzen, das Virus kommt überall an.

Zur Person

Matteo Renzi, 45, war Bürgermeister von Florenz und von 2014 bis 2016 italienischer Ministerpräsident. Während der Regierungskrise im Spätsommer 2019 hat er sich früh für eine Mitte-Links-Regierung ohne Matteo Salvini eingesetzt. Im September gründete der ehemalige Sozialdemokrat die Partei Italia Viva. Sie ist Teil der in Rom regierenden Koalition.

SPIEGEL: Wie kommen die neuen Vorschriften bei den Bürgern an?

Renzi: Es ist schon alles sehr streng für die Italiener. Sie umarmen und berühren sich gern, und sie lassen sich ungern steuern. Alles zu schließen, das macht schon einen großen Eindruck auf sie. Aber es ist der einzige Weg.

SPIEGEL: Hätte man die Krise mit härteren Maßnahmen zu einem früheren Zeitpunkt verhindern oder abmildern können?

Renzi: Italien hat einige Fehler gemacht. Zum Beispiel als wir im Januar Direktflüge aus China untersagt haben, die anderen europäischen Länder die China-Verbindungen aber nicht blockiert haben. So sind infizierte Personen aus China über andere europäische Drehkreuze zu uns gekommen, ohne dass wir es bemerkt haben. Außerdem wurden einige unserer Gesetze und Vorschriften sehr schlecht kommuniziert. Das hat die Bemühungen, eine Verbreitung des Virus einzudämmen, vereitelt – weil sich viele Infizierte weiter ungehemmt bewegen konnten. Aber das ist die Vergangenheit. Jetzt gehen wir in die richtige Richtung. Das Problem liegt bei anderen europäischen Staaten.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Renzi: Länder wie Deutschland, Frankreich, Spanien oder Großbritannien wissen doch, welche Versäumnisse es in Italien gab. Mein Appell an die deutschen Freunde ist deshalb: Passt auf, dass ihr nicht dieselben Fehler wie Italien macht. Verschwendet keine Zeit! In einer Woche seid ihr an dem Punkt, an dem wir heute stehen. Ihr steht mit euren Fallzahlen vor derselben Kurve wie Italien.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Die Regionen in Italien und die Bundesländer in Deutschland haben in dieser Lage viel mitzureden. Ist das in einer solchen Krise ein Problem?

Renzi: Ich habe 2016 mein Amt als Ministerpräsident verloren, als ich der Zentrale in Notfällen mehr Befugnisse geben wollte. Das ist blockiert worden. Heute kann ich nur sagen: Das Problem ist drängender denn je. Wenn diese Krise überwunden ist, müssen wir das Verhältnis von Zentrale und Regionen neu regeln.

SPIEGEL: Wie bereitet man eine Gesellschaft auf eine so umfassende Einschränkung von Freiheiten vor? Wie kann man eine Panik im Land vermeiden?

Renzi: Das ist sehr schwer. Das Wichtigste ist jetzt, den Familien zu helfen. Für Liquidität zu sorgen. Sonst schaffen sie es nicht bis zum Monatsende. Es macht die Leute verrückt, wenn sie nichts mehr verdienen und trotzdem gezwungen sind, zu Hause zu bleiben.

SPIEGEL: Sorgen Sie sich um die Demokratie im Land?

Renzi: Nein. Aber dass die Bewegungsfreiheit derart eingeschränkt wird, das hatten wir noch nie. Und dann hatten wir noch Spannungen in den Gefängnissen, zwölf Häftlinge sind gestorben. Das war ein sehr beunruhigendes Signal. Und es ist nicht zu akzeptieren.

SPIEGEL: Ihre Partei Italia Viva ist Teil der notorisch zerstrittenen Koalition in Rom. Wie hat die Krise die Politik verändert?

"Es ist ein Schlag für die Volkswirtschaft"

Renzi: In dieser Phase müssen alle zusammenhalten. Wie eine Fußballnationalmannschaft. Also bitte keine Polemiken mehr.

SPIEGEL: Und das funktioniert?

Renzi: Im Moment ja. Wir können uns ja hinterher wieder streiten.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die wirtschaftlichen Folgen von Corona?

Renzi: Es ist ein Schlag für die italienische Volkswirtschaft. Wir waren schon vorher praktisch unter null Prozent Wachstum gelandet. Hinzu kommt, dass wir nicht abschätzen können, wie lange diese Krise dauert. Alle wirtschaftlichen Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, müssen vor allem den Familien und den kleinen Unternehmen Ruhe verschaffen. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass gerade die kleinen Firmen die Zeit überstehen, bis es wieder aufwärts geht.

SPIEGEL: Was sollte Europa tun?

Renzi: Natürlich geht es erst mal darum, die Liquidität der Banken zu garantieren. Aber Europa muss diese Krise auch nutzen, um den Kontinent weiterzuentwickeln, um in Medizintechnik und Forschung zu investieren. Es ist auch eine Gelegenheit, die Zukunft Europas neu zu denken.