Forscher befürchtet impfresistentes Virus »Brasilien ist eine Gefahr für die Weltgesundheit«

Er stellt sich gegen die Bolsonaro-Regierung und wird deswegen bedroht: Der Amazonasforscher Lucas Ferrante warnt vor einem impfresistenten Virus aus Manaus – und fordert internationale Sanktionen gegen Brasilien.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Auf dem Taruman-Friedhof in Manaus werden Coronaopfer beerdigt

Auf dem Taruman-Friedhof in Manaus werden Coronaopfer beerdigt

Foto: Junio Matos / Anadolu / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Lucas Ferrante bleibt derzeit zu Hause. Wegen der Pandemie, aber auch, weil er um sein Leben fürchtet. Seit dem vergangenen Jahr erhält er anonyme Anrufe und Todesdrohungen in den sozialen Medien. Im November versuchte ein Unbekannter, ihn in ein Auto zu zerren.

Der Grund: Ferrante, der als Biologe am nationalen Institut für Amazonasforschung (INPA) in der brasilianischen Stadt Manaus im Amazonasgebiet arbeitet, hatte bereits im August 2020 die verheerende zweite Welle in Manaus vorausgesagt. Als Koordinator einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern erforschte er im Auftrag des Bundesstaates Amazonas die Ausbreitung der Coronapandemie. Das gefällt vielen nicht.

Foto: Lucas Ferrante

Lucas Ferrante, geboren 1988, ist Biologe und arbeitet am Nationalen Institut für Amazonas-Forschung (INPA) in Manaus. Gemeinsam mit einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern beobachtet er die Ausbreitung des Coronavirus in Brasilien. Die Gruppe sagte die verheerende zweite Welle der Pandemie bereits vier Monate vorher voraus. Ferrante kritisiert das Missmanagement der Bolsonaro-Regierung in der Pandemie und fordert internationale Sanktionen gegen Brasilien.

SPIEGEL: Herr Ferrante, Sie haben die zweite, katastrophale Coronawelle in der Amazonasstadt Manaus bereits Monate zuvor vorausgesagt. Wieso waren Sie sich so sicher?

Lucas Ferrante: Wir haben mit epidemiologischen Modellrechnungen gearbeitet. Es war früh klar, dass das Konzept der Herdenimmunität nicht funktioniert, weil die natürliche Immunität gegen das Virus mit der Zeit abnimmt und sich Mutanten entwickeln werden, die die Menschen reinfizieren. Inzwischen lassen sich hier 100 Prozent aller Infektionen auf die aggressivere und doppelt so ansteckende Coronavirus-Variante P1 zurückführen, die sogenannte brasilianische Mutante, die sich im Amazonas entwickelt hat.

SPIEGEL: Sie haben sich gegen den Präsidenten Jair Bolsonaro positioniert, der die Coronapandemie kleinredet und Lockdowns ablehnt. Nun erhalten Sie Todesdrohungen. Wollen die Leute nicht hören, was Sie zu sagen haben?

Ferrante: Ich habe öffentlich klargestellt, dass Präsident Bolsonaro für den Verlauf der Pandemie in Brasilien verantwortlich ist. Seine Regierung hat daraufhin das Institut kontaktiert, für das ich arbeite und nach meinen persönlichen Daten gefragt. Es ist schwierig, die Leute, die mich bedrohen, zu identifizieren. Sie nutzen unter anderem Fakeprofile in den sozialen Medien. Ich bin mir sicher, dass es sich um Bolsonaro-Anhänger handelt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass es ein organisierter Angriff auf mich ist.

SPIEGEL: Es gibt viele Städte in Brasilien und weltweit, die keinen Lockdown durchgesetzt haben. Wieso ist gerade Manaus so stark betroffen?

Ferrante: Die natürliche Immunisierung in Manaus wurde stark überschätzt. Man ging davon aus, dass sich 75 Prozent der Menschen schon während der ersten Welle infiziert hatten. Die Leute fühlten sich sicher, sie gingen aus und hielten die Hygiene- oder Abstandsregeln nicht ein. Doch im vergangenen August hatten erst 40 Prozent der Bewohner eine Infektion durchgemacht, das zeigt unsere noch unveröffentlichte Studie.

SPIEGEL: Wie ist die Lage in Manus derzeit?

Ferrante: Es sind traumhafte Bedingungen – für das Virus. Es kann sich weiterhin völlig ungestört ausbreiten und verändern. Es gibt keinen Lockdown oder ähnliche Maßnahmen. Die Politik, etwa der Bürgermeister von Manaus, ignorieren unsere Empfehlungen. Die Impfkampagne hier wurde bereits zweimal gestoppt, zunächst, weil sich reiche Unternehmer und einflussreiche Personen vordrängelten und jetzt ein zweites Mal, weil kein Impfstoff mehr zur Verfügung steht. Manaus ist inzwischen ein Epizentrum der Pandemie und eine Gefahr für die Weltgesundheit.

Ärzte versorgen eine an Corona erkrante Frau in Manaus. Die Intensivstationen in Manaus und anderen brasilianischen Städten sind überlastet.

Ärzte versorgen eine an Corona erkrante Frau in Manaus. Die Intensivstationen in Manaus und anderen brasilianischen Städten sind überlastet.

Foto: Andre Coelho / Getty Images

SPIEGEL: In vielen brasilianischen Städten kollabieren derzeit die Krankenhäuser. Die täglichen Zahlen der Coronatoten haben Rekordhöhe erreicht, das öffentliche Gesundheitssystem ist völlig überlastet und die Variante P1 verbreitet sich im ganzen Land. Was erwarten Sie für das Jahr 2021?

Ferrante: Wir werden in Manaus etwa im Juni eine dritte Welle mit der Variante P1 erleben, außerdem schon früher in weiteren brasilianischen Städten wie etwa Curitiba. Diese dritte Welle hat das Potenzial noch wesentlich tödlicher zu werden. In vielen brasilianischen Städten haben wir derzeit noch die britische Variante, aber ich gehe davon aus, dass sich P1 auch dort durchsetzen wird. Wir sehen jetzt schon Menschen, die gleichzeitig mit zwei Coronavarianten infiziert sind, also mit der britischen und der brasilianischen. Neue Varianten können nicht nur durch Mutationen, sondern auch durch Kreuzung entstehen. Und ich befürchte, dass sich ein impfresistenter Supervirus entwickelt.

SPIEGEL: Ist das Nebeneinander von wenigen geimpften und vielen ungeimpften Personen besonders gefährlich?

Ferrante: Wenn nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung geimpft ist – in Brasilien sind es derzeit rund fünf Prozent – und zudem wie in Manaus keine Maßnahmen zur sozialen Distanzierung durchgesetzt werden, dann ist die Chance besonders hoch, dass eine impfresistente Mutante entsteht. Diese Mutante kann dann auch geimpfte Personen reinfizieren. Eine schnelle, umfassende Impfkampagne ist daher die einzige Chance, das Virus jetzt noch zu stoppen.

SPIEGEL: In Deutschland gibt es derzeit viel Kritik an der EU und der Bundesregierung, weil zu wenig Impfstoff bestellt wurde und zu langsam geimpft wird. Wie sehen Sie das Vorgehen der Europäer?

Ferrante: Die Europäer denken zu national. Das ist kurzsichtig. Nationale Strategien helfen für den Moment, aber sie bringen keine langfristigen Lösungen. Eine globale Pandemie kann nur auf globaler Ebene gestoppt werden. Es nützt nichts, wenn 100 Prozent aller Deutschen geimpft sind und währenddessen in Brasilien neue, impfresistente Mutanten entstehen. Das Virus findet immer einen Weg.

SPIEGEL: Was fordern Sie von der internationalen Gemeinschaft?

Ferrante: Die Impfstoffproduktion muss weltweit ausgebaut und die Impfungen müssen gerecht und sinnvoll verteilt werden. Was Brasilien betrifft: Die Europäer und die USA müssen wesentlich mehr Druck auf die Bolsonaro-Regierung ausüben. Auch Wirtschaftssanktionen dürfen kein Tabu sein. Unser Staatschef gefährdet nicht nur seine Landsleute, sondern alle Menschen weltweit. Brasilien gießt Öl ins Feuer dieser Pandemie. Wenn die internationale Gemeinschaft jetzt nichts unternimmt, dann sehe ich die Gefahr, dass all die Anstrengungen zu Bekämpfung der Pandemie umsonst gewesen sein werden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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