Nordkorea Kim kennt kein Corona

Das Regime in Nordkorea behauptet hartnäckig, nicht vom Coronavirus betroffen zu sein. Das Land wäre auf eine Epidemie sehr schlecht vorbereitet. Internationale Sanktionen erschweren die Lage dabei dramatisch.
Foto: KCNA VIA KNS/ AFP

Das Coronavirus hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet und bringt selbst das Gesundheitssystem moderner Industriestaaten ins Wanken. Nur um einen Fleck Erde, so zumindest beteuert es die dortige Regierung, hat es bislang einen Bogen gemacht: Nordkorea.

Bis heute behauptet das Regime in Pjöngjang, keinen einzigen Corona-Fall im Land zu haben. Experten halten das allein deshalb für unwahrscheinlich, weil Nordkorea mit China eine mehr als 1400 Kilometer lange Grenze teilt, die zumeist nur aus dem Flusslauf des Yalu und einigen Abschnitten Stacheldraht besteht.

"Das Land hat mit China noch Waren ausgetauscht, da wütete das Virus längst in der Volksrepublik."

Stefan Samse, Südkorea-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung

"Man kann davon ausgehen, dass das Virus auch nach Nordkorea gelangt ist", sagt Stefan Samse, Südkorea-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Seoul. "Das Land hat mit China noch Waren ausgetauscht, da wütete das Virus längst in der Volksrepublik." Erst kürzlich meldete die für gewöhnlich gut informierte südkoreanische Website "DailyNK" den Tod von drei nordkoreanischen Soldaten, die an der Grenze zu China stationiert gewesen waren.

Sie sollen an Fieber und Atemproblemen gelitten haben, ihre Posten seien sofort geschlossen worden. Allen Kommandeuren und Ärzten, die von dem Vorfall wussten, habe man zum Schweigen verpflichtet. Von den Militärbehörden heißt es, die Soldaten seien an Lungenentzündung gestorben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Warum Machthaber Kim Jong Un der Welt und dem eigenen Volk weiter vorgaukelt, bislang vom Coronavirus verschont geblieben zu sein, hat für Samse einen einfachen Grund: "Es soll die Überlegenheit des eigenen Systems demonstrieren und das Volk in Sicherheit wiegen."

Entsprechend drastisch reagiert Pjöngjang auf den unsichtbaren Feind aus dem Ausland:

  • Schon Ende Januar riegelte Nordkorea seine Grenzen für Touristen ab, stellte den Flug- und Schienenverkehr ein, schickte ausländische Diplomaten in Hausarrest.

  • Inzwischen kommt man offiziell weder in das Land hinein noch heraus.

Einer mit guten Kontakten ins Land berichtet, dass es auch im Gesundheitsministerium bereits Infizierte gebe. Aus China hat das Regime Schutzkleidung, medizinische Handschuhe und Schutzmasken erhalten.

Wie ernst die Lage zu sein scheint, zeigt der jüngste Hilferuf des Regimes. So haben Regierungsbeamte bei ausländischen NGOs offenbar um Testkits für Covid-19 gebeten, berichtet die "Financial Times" unter Berufung auf ein internes Dokument und mit dem Vorgang vertraute Personen.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Außerdem habe die Regierung für Bürger ein Handbuch mit Verhaltensweisen veröffentlicht. "DailyNK" zufolge muss jeder Nordkoreaner Atemschutzmasken tragen. Wer sich nicht daran halte, dem drohten ernste Konsequenzen.

Ein Parteikader bekam die harte Linie der Staatsführung schon zu spüren. Der Regierungsbeamte wurde kurzerhand aus der Arbeiterpartei geworfen, weil er mit Kollegen ein Trinkgelage veranstaltet und gegen die strengen Quarantänevorgaben verstoßen hatte. Das berichtete die staatliche Zeitung "Rodong". Westliche Beobachter werten den Ausschluss als ungewöhnlich harte Strafe und Beleg für die Nervosität des Regimes.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Tatsächlich hätte eine Epidemie für das ohnehin isolierte Land verheerende Folgen. Die Krankenhäuser, vor allem in den verarmten Provinzen, sind notorisch unterversorgt. Es fehlt an Antibiotika, Desinfektions- und Betäubungsmitteln. Manchmal muss ein Hemdfetzen als Druckverband herhalten. Bis heute leidet Nordkorea unter Tuberkulose, "aber den Kliniken fehlen die Instrumente, um die Krankheit festzustellen", berichtet Samse. "Im Fall des Coronavirus dürfte das nicht anders sein." 

Entwicklung der Covid-19-Fallzahlen

Auf dem 195 Länder umfassenden Weltgesundheitsindex der Johns-Hopkins-University belegt Nordkorea den vorvorletzten Rang. Medikamente aus dem Westen kann sich nur die Elite des Landes leisten. Die einfache Bevölkerung muss sich für größere Behandlungen im Zweifel hoch verschulden.

Wohnungen bleiben kalt, warmes Wasser ist auf zwei Stunden täglich rationiert

Weil das Regime sein Atomwaffenprogramm weiter vorantreibt, darf es laut internationaler Sanktionen weder Kohle noch Eisen oder Textilien exportieren. Auch der Import von Öl und Gas ist verboten. Die Folge: Auch in der wohlhabenderen Hauptstadt Pjöngjang bleiben Wohnungen kalt, warmes Wasser ist auf zwei Stunden täglich rationiert.

Die Grenzschließungen zu China und fehlende Lebensmittellieferungen vom wichtigsten Handelspartner haben im Norden des Landes die Preise für Reis und Speiseöl in die Höhe getrieben, sagt Bernhard Seliger, der in Nordkorea Umweltprojekte leitet. Sollten die Bauern wegen strenger Quarantänemaßnahmen nicht mehr Reis- und Maisfelder bestellen können, drohe eine Hungersnot, sagt er. Viele würden seit Wochen nicht mehr arbeiten. "Die Angst vor dem Virus ist groß."

Schon jetzt sind elf der insgesamt 25 Millionen Menschen im Land unterernährt - das entspricht etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen nannte die Lage bereits vergangenen November "alarmierend". Zuletzt forderte Uno-Hochkommissarin Michelle Bachelet, die Sanktionen gegen Nordkorea auszusetzen, um "einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern."

Kim Jong Un findet die Situation für sein leidgeprüftes Volk offenbar noch tragbar. Ein Hilfsangebot von Donald Trump schlug er kürzlich aus. Der US-Präsident hatte Kim in einem Brief eine Zusammenarbeit bei den "Anti-Epidemie-Bemühungen" vorgeschlagen.

Raketentests trotz Corona: Kim Jong Un findet die Situation für sein leidgeprüftes Volk offenbar noch tragbar

Raketentests trotz Corona: Kim Jong Un findet die Situation für sein leidgeprüftes Volk offenbar noch tragbar

Foto: JEON HEON-KYUN/EPA-EFE/Shutterstock

Anscheinend hofft Trump im Präsidentschaftswahlkampf noch auf den großen außenpolitischen Wurf, etwa, dass der Diktator aus Pjöngjang seine Atomwaffen abgibt und alle Nuklearanlagen demontiert.

"Die Atombombe ist Kims Lebensversicherung", sagt Experte Samse. "Um die aufzugeben und sich dem Erzfeind USA zu beugen, müsste Trump mehr anbieten als ein bisschen Hilfe gegen das Coronavirus. Eine Lockerung der Sanktionen zum Beispiel." Das lehnen die USA strikt ab. 

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