Streit über die Corona-Strategie "Schweden ist ein tief gespaltenes Land"

Nach einem kritischen Essay wurde die schwedische Autorin Elisabeth Åsbrink mit Hitler verglichen. Was ist da los im Land des Corona-Sonderwegs?
Ein Interview von Dietmar Pieper
Schriftstellerin Elisabeth Åsbrink

Schriftstellerin Elisabeth Åsbrink

Foto: Leonardo Cendamo/ Getty Images

Mit Theaterstücken, zeithistorischen Büchern und Gegenwartsanalysen hat sich die schwedische Schriftstellerin Elisabeth Åsbrink, 55, einen Namen gemacht. 2011 enthüllte sie, dass Ikea-Gründer Ingvar Kamprad noch nach Ende des Zweiten Weltkriegs der nationalsozialistischen Partei SSS angehört hatte.

Großes Aufsehen erregte Åsbrink zuletzt mit einem Essay in der Tageszeitung "Dagens Nyheter"  Ende März. Darin setzte sie sich kritisch mit der sanften Linie Schwedens im Kampf gegen das Coronavirus auseinander. Das oft gepriesene Vertrauen der Bürger in die staatlichen Institutionen könne "eine Beschönigung, sogar eine Lüge" sein, schrieb sie.

SPIEGEL: Frau Åsbrink, Sie gehörten zu den ersten prominenten Kritikern des schwedischen Corona-Sonderwegs. Wie kam es dazu?

"Die Reaktionen waren unglaublich. Einige drehten völlig durch."

Elisabeth Åsbrink über Antworten auf ihren Essay

Åsbrink: Die ganze Welt stellte bereits Fragen zur schwedischen Strategie, aber niemand im Land selbst. Es gab keine Debatte, nichts. Deshalb habe ich den Gastbeitrag für "Dagens Nyheter" geschrieben.

SPIEGEL: Welche Reaktionen gab es auf Ihren Essay?

Åsbrink: Die Reaktionen waren unglaublich. Mein eher friedlicher Text erreichte im Internet eine enorm hohe Leserzahl. Viele Leute haben sich bei mir bedankt. Aber einige drehten völlig durch. Ich wurde sogar mit Hitler verglichen.

SPIEGEL: Hitler, echt?

Åsbrink: Ja. Es hieß, ich sei eine Kriegstreiberin, ich würde wie Hitler argumentieren und behaupten, Schweden müsse durch einen Krieg gereinigt werden.

SPIEGEL: Klingt absurd.

Åsbrink: Und ist tatsächlich völlig zusammenhanglos. Ich habe lediglich die Frage aufgeworfen, ob Schweden vielleicht "durch Frieden geschädigt" ist. Diese Frage habe ich von George Klein übernommen, einem ungarischen Juden, der das Schicksal meines Vaters teilte. Auch er sollte während der Nazi-Herrschaft ermordet werden, überlebte den Holocaust und gelangte nach Schweden.

SPIEGEL: Was soll das heißen, "durch Frieden geschädigt"?

Åsbrink: Die Schweden sind nicht an Katastrophen gewöhnt. Und sie möchten gern glauben, dass alle Menschen gut sind. Seit Jahrhunderten hat dieses Land keine Revolution, keine große Naturkatastrophe, keinen Krieg erlebt. Wirkt sich dies darauf aus, wie sich die Menschen hier auf Katastrophen vorbereiten? Ich glaube schon. Und es unterscheidet uns von unseren Nachbarn: Norweger, Dänen und Finnen hatten im Zweiten Weltkrieg viel zu leiden.

SPIEGEL: Woher kamen die Stimmen, die Ihnen "Kriegstreiberei" unterstellten?

Åsbrink: Aus eher linken Kreisen in Kultur und Medien. Ich würde fast sagen, aus meinen eigenen Kreisen. Es war ein Schock für mich.

SPIEGEL: Was schließen Sie aus diesen Reaktionen über die schwedische Gesellschaft?

Åsbrink: Sie haben mir bestätigt, dass der Wunsch nach Anpassung sehr ausgeprägt ist. Außerdem wurde erkennbar, was ich schon lange problematisch finde: Die öffentlichen Debatten in Schweden werden nicht auf reife, vernünftige Weise geführt. Den Menschen hier fällt es schwer, mit anderen Meinungen umzugehen. Ich bin mit einem Dänen verheiratet, Schweden und Dänemark sind einander in vieler Hinsicht sehr ähnlich. Aber in Dänemark gibt es eine andere Diskussionskultur, vermutlich durch liberale Einflüsse aus Deutschland.

SPIEGEL: Woran zeigt sich das?

Åsbrink: Die Dänen können sich über völlig unterschiedliche Positionen streiten, anschließend gehen sie zusammen ein Bier trinken. In Schweden wird man leicht persönlich angegriffen, wenn man eine andere Meinung vertritt.

SPIEGEL: Eine relativ starke Autoritätsgläubigkeit gibt es anscheinend auch.

Åsbrink: Die Schweden haben eine lange Tradition des Vertrauens in den Staat und die Behörden, normalerweise ist das sehr gut. Es gehört zu den Dingen, die ich an diesem merkwürdigen Land liebe. Aber diesmal war es ein falsches Vertrauen. Alle konnten beim Blick über die Grenzen sehen, dass Schweden eine höchst umstrittene Corona-Strategie verfolgte, und trotzdem wurden lange keine Fragen gestellt.

SPIEGEL: Woher kommt diese Tradition?

Åsbrink: Sie geht bis auf den schwedischen Gründervater Gustav Vasa zurück, der die Staatsgewalt vor einem halben Jahrtausend zentralisierte. Beim Aufbau des Wohlfahrtsstaats in den Dreißigerjahren lernten die Schweden dann erneut, klaren Anweisungen zu folgen, um die Gesellschaft planmäßig zu verändern. Das sitzt tief. Der Staat und seine Behörden sind so etwas wie die Eltern der Schweden. Die Menschen sind daran gewöhnt und mögen es.

SPIEGEL: Viele Schweden sind der Meinung, dass die Welt einiges von ihnen lernen könne.

Åsbrink: Ja, sie sehen ihre Nation als "humanitäre Supermacht". Als ein Land, das genau weiß, was richtig und was falsch ist. Darauf sind die Schweden stolz.

SPIEGEL: Und nun muss das Land die Erfahrung machen, ein Außenseiter in Europa zu sein. Weil die Corona-Infektionsrate so hoch ist, sind schwedische Urlauber in vielen Staaten nicht willkommen.

Åsbrink: Das ist natürlich sehr hart für das Selbstbild der Schweden.

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SPIEGEL: Ihre Isolierung in Europa gehört zu den Punkten, die inzwischen zu einer breiten Diskussion des Corona-Sonderwegs geführt haben. Wie tief und schmerzlich wird diese Debatte werden?

Åsbrink: Beides ist sie schon jetzt. Und es wird noch schmerzhafter kommen. Die Auseinandersetzungen reichen tief ins Private hinein. Ich habe Freunde, die keine Freunde mehr sind, weil sie eine andere Haltung gegenüber der schwedischen Strategie einnehmen. Es gibt hier sehr viele Menschen, die fest an ihren bisherigen Vorstellungen hängen. Und ich verstehe sie nicht, denn ich glaube, mehr als 5000 Tote sind ungeheuerlich. Es ist ein Skandal! Ich verstehe nicht, warum wir in Schweden nicht auf die Straße gehen und demonstrieren.

SPIEGEL: Vielleicht, weil die meisten anderer Meinung sind?

Åsbrink: Es gibt viele, die so denken wie ich. Schweden ist nach meiner Beobachtung tief gespalten. Wenn ich an die Zukunft dieses Landes denke, bin ich ein wenig deprimiert. Ich befürchte, dass die antidemokratischen Kräfte von der Spaltung profitieren werden.

SPIEGEL: Sie meinen die rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Doch die sind bisher keine Krisengewinner, im Gegenteil, sie haben in den Umfragen deutlich verloren. Gewinner sind die regierenden Sozialdemokraten.

Åsbrink: Wir sollten uns nicht täuschen, diese Zahlen sind bloß eine Momentaufnahme. Über die Zugewinne der Sozialdemokraten wird es bald heißen: Wie gewonnen, so zerronnen. Und dann kommen vermutlich die Kräfte hoch, die auf einen ethnisch geprägten Nationalismus setzen.

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