Coronavirus in Südkorea Wir gehen nur noch mit Schutzmaske aus dem Haus

"Chinesen raus": Die Angst vor dem Corona-Virus schlägt in Südkorea in Rassismus um - obwohl es dort kaum Infizierte gibt. Viele Schulen sind geschlossen, Restaurants leer. Über einen Alltag zwischen Vorsicht und Panik.
Aus Seoul berichtet Katharina Graça Peters
Besucher beim Eiskunstlauf-Wettbewerb in Seoul

Besucher beim Eiskunstlauf-Wettbewerb in Seoul

Foto: Kim Hong-Ji/ REUTERS

Wir greifen jetzt automatisch zur Maske, bevor wir das Haus verlassen. Fast alle in Seoul bedecken in diesen Tagen Nase und Mund in der Öffentlichkeit.

Was aus europäischer Sicht befremdlich wirkt, ist in Ostasien zunächst nichts Ungewöhnliches. Die Luftverschmutzung zwingt uns mehrere Wochen im Jahr dazu, längst gibt es auch schicke Designs und Masken mit aufgedruckten Comicfiguren für Kinder. An frostigen Tagen halten Koreaner damit auch die Kälte ab.

Und nicht zuletzt wollen die Bürger sich und andere schützen, in einer Millionenmetropole, in der sich viele Menschen auf engem Raum drängen. Wenn jemand Husten hat, bedeckt er damit sein Gesicht, um andere nicht anzustecken. Masken gehören zum Winter in Südkoreas Hauptstadt dazu.

Wer hortet, muss zahlen

Doch dies ist kein normaler Winter. Heute sitzen Menschen mit Gesichtsschutz im Büro. Firmen ordern massenhaft Masken. Supermärkte begrenzen die Zahl der zu kaufenden Pakete auf zwei pro Person. Wer hortet, muss eine Strafe von umgerechnet 38.000 Euro zahlen.

In einigen Bussen stehen Pakete mit Masken und Desinfektionsgels bereit. An den Türen hängen Schilder, die zu häufigem Händewaschen raten und auf die Notfallnummer 1339 hinweisen, sollte man Fieber entwickeln. Aber nicht jeder fährt noch Bus: Viele Bekannte nehmen inzwischen lieber ein Taxi.

Fast 500 Kindergärten und Schulen im Land wurden geschlossen oder haben ihre Ferien verlängert. Unser Kindergarten ist zwar geöffnet, unser Sohn durfte ihn aber einige Tage nicht besuchen, weil mein Mann vor weniger als zwei Wochen in China war. Auf dem Schulhof unterhalten sich Eltern mit Masken vor dem Mund.

Konzerte in Seoul werden abgesagt, Kinosäle bleiben leer. Als wir uns am Samstagabend wundern, warum so viele Tische in unserem sonst vollen Lieblingsrestaurant frei sind, antwortet der Kellner mit einem Achselzucken: "Coronavirus."

Eine Frage der Angemessenheit

19 Menschen haben sich nach bisherigen Erkenntnissen in Südkorea mit dem Virus 2019-nCoV angesteckt, das sind fünf Fälle mehr als in Deutschland. Es ist eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu China, wo die allermeisten der insgesamt mehr als 34.000 Corona-Fälle diagnostiziert wurden. Von den insgesamt 722 Menschen, die die Erkrankung nicht überlebten, starben 699 in der chinesischen Provinz Hubei (einen Überblick finden Sie hier)

Die Gefahr ist in China viel realer als in Südkorea. Und dennoch ist die Stimmung auch hier seit vergangener Woche angespannt. Sind wir paranoid oder vorsichtig, fragen wir uns. Was ist angemessen, was ist übertrieben?

Die ersten Fälle von Coronavirus in Südkorea wurden noch am Flughafen abgefangen. An den Airports erfassen Messgeräte automatisch die Körpertemperatur der Passagiere; es war ein beruhigendes Gefühl, sich auf die Technik verlassen zu können.

Doch dann lief ein Mann vier Tage durch Seoul, bevor er Symptome zeigte. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Südkoreas lebt in der Hauptstadt, da ist die Angst vor einer raschen Verbreitung einer unsichtbaren Krankheit groß. Plötzlich kaufen wir Desinfektionsmittel und decken uns mit Masken ein, wobei noch nicht einmal klar ist, ob diese wirklich effizient schützen. Sie geben uns aber das Gefühl, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen.

Die Bedrohung ist auch nur so lange abstrakt, bis sie einem nahe kommt. Als ein Freund in Seoul leichtes Fieber und Halsschmerzen bekommt, wird uns mulmig. Er war eine Woche zuvor in Shanghai gewesen.

Statt Mitgefühl erfahren Chinesen Ablehnung

Nur wenige Flugstunden ist Südkorea von chinesischen Metropolen entfernt, mehr als ein Drittel der Touristen kommen aus der Volksrepublik. Etwa 70.000 Chinesen studieren in Seoul, viele sollten jetzt aus den Winterferien zurückkehren. Die Regierung drängt die Universitäten, den Start des Semesters zu verschieben.

Statt Mitgefühl erfahren Chinesen in Korea - wie auch in anderen Ländern  - Ablehnung. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Gefühl, sich vor einer potenziellen Gefahr schützen zu wollen, und mehr oder minder offenem Rassismus.

Rund 680.000 Koreaner haben eine Petition an den Präsidentenpalast unterschrieben, in der gefordert wird, keine Chinesen mehr ins Land zu lassen. Erste Restaurants hängen Schilder ins Fenster: "Kein Zutritt für Chinesen" oder "Keine Ausländer". Eine Bekannte musste vor wenigen Tagen fast ein Restaurant verlassen, weil sie vermeintlich Chinesisch aussieht.

Im Internet entlädt sich wie so oft die Wut. "Chinesen raus", schreiben die Leute, sie beleidigen Bürger der Volksrepublik rassistisch und lassen sich über angebliche Hygienemängel oder Essgewohnheiten aus.

Außerdem versuchen Kriminelle, die Angst auszunutzen, indem sie Mails mit angeblich wichtigen Informationen zu 2019-nCoV verschicken und die Empfänger zur Eingabe von Daten auffordern. Südkoreas Präsident Moon Jae In hat seine Bürger aufgerufen, sich zur Wehr zu setzen gegen Panikmache und die Verbreitung diffuser Ängste.

Inmitten dieser bedrückenden Stimmung gibt es am Mittwoch einen Lichtblick: Der erste Patient in Südkorea, 55 Jahre alt, ist von der Infektion mit dem Coronavirus geheilt und darf das Krankenhaus verlassen.

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