Coronavirus in Südkorea "Wir befinden uns in einer beispiellosen Krise"

Südkorea ist alarmiert: Innerhalb von wenigen Tagen haben sich Hunderte Menschen mit dem Coronavirus infiziert - davon viele bei Gottesdiensten einer Sekte. Auch in Nordkorea ist die Sorge offenbar groß.
Südkorea in Angst vor dem Coronavirus: Eine kaiserliche Wache steht vor dem Palast Gyeongbokgung

Südkorea in Angst vor dem Coronavirus: Eine kaiserliche Wache steht vor dem Palast Gyeongbokgung

Foto: Ahn Young-Joon/ dpa

Über Südkoreas Patientin Nummer 31 ist bekannt, dass sie Koreanerin und 61 Jahre alt ist. Und dass sie vermutlich eine sogenannte "Superverbreiterin" ist - also eine Person, die überdurchschnittlich viele andere Menschen mit der Lungenkrankheit Covid-19 angesteckt haben könnte. 

Die Zahl der Erkrankten in Südkorea ist nach oben geschossen, die Coronavirus-Krise hat sich deutlich verschärft: Meldeten die Behörden am Dienstag noch 31 Fälle, waren es am Freitag bereits 204 Infizierte, viele davon in der Stadt Daegu im Süden des Landes. 

Denn Patientin Nummer 31 besuchte Anfang und Mitte Februar mehrere Gottesdienste der Shincheonji-Gemeinschaft in Daegu. Die Sekte ist in der Region besonders aktiv. Etwa tausend Menschen sollen insgesamt an diesen Gottesdiensten teilgenommen haben. Viele von ihnen könnten sich dort angesteckt haben. Am Samstag erklärten die Gesundheitsbehörden, dass es weitere Fälle gebe: Über Nacht seien 142 neue Ansteckungen hinzugekommen.

Sektenführer bezeichnet Virus als "Tat des Teufels"

Auch aus anderen Teilen des Landes werden Erkrankte gemeldet, die in Zusammenhang mit der Shincheonji-Sekte stehen. Deren Anführer Lee Man-hee bezeichnete die Krankheit in einer Botschaft an seine Anhänger als "Tat des Teufels" und Prüfung für den Glauben, so berichten es Nachrichtenagenturen. Lee hat die Gemeinschaft 1984 gegründet. 

Südkoreas Regierung ist alarmiert. In der vergangenen Woche gab es Tage, an denen keine neuen Infektionen vermeldet wurden, und so stellte sich ein Gefühl ein, dass im gut organisierten Südkorea die Verbreitung der Krankheit unter Kontrolle gebracht werden könnte. Seit dem MERS-Ausbruch von 2015, als 38 Menschen in Südkorea starben, ist das Notfallsystem umgebaut worden, um schnell reagieren zu können. So wurde zu Covid-19 rasch eine Sondereinsatzgruppe gebildet. 

Nun steht die Regierung vor der Herausforderung, dass nicht nur das Coronavirus in das Land hereingetragen wird durch Reisende, sondern dass es innerhalb des Landes verbreitet wird. Zudem gibt es die ersten zwei Todesfälle: Ein 63 Jahre alter Mann und eine Frau, vermutlich 50 Jahre alt

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Zeitung "Hankyoreh" berichtet, während eines kurzfristig anberaumten Treffens der verantwortlichen Minister sei am Donnerstagabend darüber debattiert worden, die Alarmstufe für Infektionskrankheiten auf "rot" - also das höchste Level - hochzusetzen. Bislang haben sie sich dagegen entschieden.

Daegu und das angrenzende Gebiet um Cheongdo wurden jedoch zur Sonderzone erklärt. Die 2.4 Millionen Einwohner wurden gebeten, zu Hause zu bleiben. Alle Patienten, die in der Stadt unter einer Lungenentzündung leiden, werden laut Gesundheitsministerium auf Covid-19 getestet. Die Stadt hat die Regierung in Seoul um medizinisches Personal und Gesichtsmasken gebeten. Bürgermeister Kwon Young-jin sagte: "Wir befinden uns in einer beispiellosen Krise." 

Sowohl im Süden des Landes als auch in der Hauptstadt Seoul bemühen sich die Behörden, Senioren zu schützen. "An Covid-19 sterben besonders viele ältere Menschen, also sind wir sehr besorgt, wenn sich das Virus weiter ausbreitet", sagte Seouls Bürgermeister Park Won-soon. 3467 Treffpunkte für Senioren und Sozialeinrichtungen für Ältere wurden in Seoul geschlossen. 

Nordkorea schottet sich noch stärker ab 

Unklar ist, ob und wie viele Fälle von Covid-19 in dem angrenzenden Nordkorea aufgetreten sind. Offiziell erklärt das Regime im Norden, es gebe keine Erkrankten. Die WHO bestätigte, sie habe keine Hinweise auf Infizierte.  

Das ohnehin abgeschottete Land hat nach Bekanntwerden der Krankheit sowohl die Kontrollen an Flughäfen und Häfen als auch an den Grenzen verschärft. Alle Besucher aus China - auch die Mitarbeiter ausländischer Botschaften und internationaler Organisationen - wurden unter einmonatige Quarantäne gestellt. 

Bereits Ende Januar verkündete das Propagandablatt "Rodong Sinmun", es gehe um "nationale Überleben". Das Virus "darf nie in unser Land kommen".

"Sie können es nicht einmal richtig testen"

"NK News" hat recherchiert, dass es in mehreren chinesischen Grenzstädten Fälle von Coronavirus gegeben hat. Die Newsseite "Daily NK" berichtete zudem, dass in der nordwestlichen Provinz Nord-Pyongan fünf Menschen an Fieber gestorben seien. Diese Information lassen sich jedoch nicht unabhängig bestätigen.

Experten befürchten, dass eine Ausbreitung in Nordkorea verheerend wäre. Das Land leidet ohnehin unter einem Mangel an medizinischen Geräte und Material. Beim Global Health Index, der im Oktober 2019 veröffentlichte wurde, landete Nordkorea auf dem letzten Platz, wenn es darum geht, schnell auf eine rasche Ausbreitung einer Epidemie zu reagieren oder sie einzudämmen.

Der frühere hochrangige nordkoreanische Diplomat Thae Yong-ho, der 2016 mit seiner Familie nach Südkorea flüchtete und jetzt ein scharfer Kritiker des Regimes ist, sagte bei einem Briefing in Seoul am Mittwoch: "Die lokalen Krankenhäuser sind schlecht ausgerüstet. Wenn Nordkorea sagt, es gebe keine Fälle von Coronavirus, können wir ihnen wirklich glauben? Sie können es nicht einmal richtig testen."

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