Coronakrise in Westafrika "Ebola war furchtbar, aber Corona könnte viel schlimmer werden"

Noch steht der afrikanische Kontinent am Anfang der Corona-Epidemie. Hier erzählen Krankenhausmitarbeiterinnen und Helfer, mit welchen Szenarios zu rechnen ist und wie die Vorbereitungen auf die Seuche laufen.
Protokolle von Benjamin Moscovici
Stimmabgabe auf Abstand: Ende März wurde in Mali gewählt

Stimmabgabe auf Abstand: Ende März wurde in Mali gewählt

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Habib Kouyate/ dpa

Das Coronavirus breitet sich auch in Afrika immer weiter aus. Bis auf wenige kleine Länder haben alle Staaten Fälle gemeldet. Insgesamt liegt die Zahl zwar noch vergleichsweise niedrig, aber das typische exponentielle Wachstum zeichnet sich ab.

Die Hoffnung von Helfern, Politikern und Experten liegt nun auf dem demographischen Faktor: Die meisten afrikanischen Länder haben im Vergleich zu Europa eine sehr junge Bevölkerung. Das könnte unter Umständen die Todeszahlen niedrig halten, da vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen besonders gefährdet sind.

Gleichzeitig gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine schnelle Ausbreitung des Virus erleichtern und den Kampf gegen das Coronavirus erschweren. Millionen Menschen sind aufgrund von Vorerkrankungen mit HIV, Malaria oder Durchfall-Erkrankungen gesundheitlich angegriffen. Große Teile der Bevölkerung des Kontinents sind durch Mangelernährung geschwächt. Die Weltgesundheitsorganisation warnt längst, dass das Virus Afrika noch härter treffen könnte als Europa.

Hier erzählen Helfer und Expertinnen mit welchen Szenarios sie jetzt rechnen, wie sie sich auf das Virus und die Folgen vorbereiten und was die Welt tun müsste, um sie zu unterstützen.

"Dieses Mal sind wir auf uns allein gestellt"

Krankenschwester Madame Camara mit Kollegen

Krankenschwester Madame Camara mit Kollegen

"Die offiziellen Zahlen hier in Guinea sind noch dreistellig. Aber in Wahrheit wissen wir nicht genau, wie viele Fälle es gibt. Woher sollen wir wissen, dass es nicht schon Infektionen gab, bevor wir überhaupt angefangen haben zu testen? Außerdem muss man in einem Land wie Guinea leider immer davon ausgehen, dass die Regierung uns nicht die Wahrheit erzählen würde, selbst wenn sie sie wüsste.

Natürlich habe ich Angst. Sehr viel sogar. Vor einigen Tagen haben sie bei uns hier im Innenhof des Krankenhauses einige blaue Zelte aufgebaut. Das soll ab jetzt unser nationales Corona-Zentrum sein. Das hat Patienten und Personal verängstigt.

Wir können uns ja noch nicht einmal selbst schützen. Wie sollen wir dann eine Pandemie stemmen? Schon im normalen Alltag haben wir nicht ausreichend Material und arbeiten mit einem absoluten Minimum an Ausrüstung. Natürlich haben wir Desinfektionsmittel. Aber selbst von den ganz einfachen Atemschutzmasken haben wir nicht genug. Von echten Seuchenschutzmasken ganz zu schweigen.

Hier in Guinea wird nichts davon hergestellt. Bislang war das nie ein Problem. Aber jetzt wo Europa seine eigene Krise hat, können wir wohl kaum damit rechnen, dass sie ihre Masken und Schutzanzüge mit uns teilen.

Ich habe auch schon während der Ebola-Epidemie vor einigen Jahren hier am Krankenhaus gearbeitet. Das war eine furchtbare Zeit. Aber ich fürchte, Corona wird viel schlimmer. Damals waren Helfer aus der ganzen Welt da und haben uns unterstützt. Dieses Mal sind wir wohl auf uns allein gestellt."

Madame Camara, Krankenschwester im staatlichen Krankenhaus in Conakry, Guinea

"So eine Krise habe ich noch nie erlebt"

Brice de le Vingne koordiniert die Covid-19-Taskforce bei Ärzte ohne Grenzen

Brice de le Vingne koordiniert die Covid-19-Taskforce bei Ärzte ohne Grenzen

Foto: MSF

"Für uns Helfer ist diese Krise eine gewaltige Herausforderung. Auch bei Ärzte ohne Grenzen müssen wir jetzt komplett umdenken und unsere Arbeit neu organisieren. Normalerweise ist eine unserer Stärken, dass wir in der Lage sind, in sehr kurzer Zeit Personal und Material auch in die entlegensten Teile der Erde zu bringen. Wir sind abhängig von dieser Mobilität. Und plötzlich funktioniert das nicht mehr.

Auch wir sind schließlich von der Pandemie betroffen. Neunzig Prozent unserer Mitarbeiter sind im Homeoffice. Flüge sind gestrichen, Grenzen geschlossen, und auch Ärzte ohne Grenzen müssen nach ihrer Ankunft im Einsatzland zurzeit erst einmal für zwei Wochen in Quarantäne.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Das Gute ist - wir sind den Einsatz in Krisen gewöhnt. Wir können uns sehr schnell anpassen, neue Wege gehen, kreative Lösungen finden. Dafür haben wir hier in Brüssel jetzt eine Covid-19-Taskforce gegründet. Mit gerade 25 Leuten koordinieren wir jetzt von hier den Kampf gegen das Virus. Wir haben Logistiker, Pharmazeuten, Luftfrachtexperten und Fachleute aus dem Bereich der Seuchenbekämpfung. Seit sechs Wochen arbeiten wir Nonstop. Wir sprechen mit Lieferanten, verhandeln mit Regierungen und suchen neue Strategien.

Unsere anderen Programme müssen ja auch weiterlaufen. Impfkampagnen, Initiativen für Müttergesundheit oder Malaria-Prävention. Auch da müssen wir plötzlich komplett umdenken. Normalerweise gehen wir in die Dörfer und versuchen so, wirklich alle mit unseren Themen zu erreichen. Das geht jetzt natürlich nicht mehr.

Dieses Virus verbreitet sich so rasant, greift uns so breitflächig an, dass alle Systeme an ihre Grenzen kommen. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr, Routinen zerfallen. Ich arbeite inzwischen seit zwanzig Jahren in der medizinischen Nothilfe. Ich habe viele Krisen erlebt. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt."

Brice de le Vingne, Leiter der Covid-19-Taskforce von Ärzte ohne Grenzen, Brüssel, Belgien

"Für die schweren Verläufe besteht kaum Hoffnung"

Assistan Soumare, Ärztin in einer Privatklinik in Mali

Assistan Soumare, Ärztin in einer Privatklinik in Mali

"Am Anfang haben wir in Mali zu langsam reagiert. Vielleicht haben manche von uns insgeheim gehofft, dass Afrika dieses Mal verschont bleibt. Wir haben doch schon genug Probleme. Erst als es in allen Nachbarländern erste Fälle gab, haben wir angefangen, das ernst zu nehmen.

Bei mir im Krankenhaus sind wir inzwischen einigermaßen gut vorbereitet. Aber wir sind auch eine Privatklinik. Da hat man natürlich andere Möglichkeiten als in einem staatlichen Krankenhaus. Bei uns stehen jetzt am Eingang zu jedem Zimmer Desinfektionsmittel und auch vorm Betreten der Klinik muss man sich die Hände desinfizieren. Die Ärztinnen und Ärzte tragen Atemschutzmasken und Patienten, die in den letzten zwei Wochen im Ausland waren, werden prophylaktisch getrennt untergebracht.

Aber das ist der Luxus einer Privatklinik. Bei uns werden pro Tag nur rund 50 Patienten behandelt. Die staatlichen Krankenhäuser müssen ein Vielfaches davon bewältigen. Dementsprechend sieht die Situation dort natürlich ganz anders aus. Mein Mann zum Beispiel arbeitet als Gynäkologe in einer staatlichen Einrichtung. Die Mitarbeiter bekommen dort weder Desinfektionsmittel noch Masken. Wer sich schützen will, muss sich selbst eine Maske kaufen.

Leider sind die Gehälter im staatlichen Gesundheitssystem so niedrig, dass viele Mitarbeiter sich Schutzmaßnahmen auf eigene Kosten nicht leisten wollen. Sie sind jetzt einem enormen Risiko ausgesetzt. Und wir laufen Gefahr, dass sie selbst zu Überträgern werden.

Noch sind die Fallzahlen in Mali vergleichsweise niedrig. Aber wir wissen aus der Erfahrung in anderen Ländern, dass ungefähr jetzt, also etwa ab der dritten Woche nach Bekanntwerden des ersten Falls, das exponentielle Wachstum der Fallzahlen sichtbar wird.

Noch haben wir die Hoffnung, dass uns zugutekommen wird, dass wir in Mali - wie in fast allen afrikanischen Ländern - eine sehr junge Bevölkerung haben. Aber für die schweren Verläufe besteht kaum Hoffnung. In ganz Mali haben wir gerade einmal zwei oder drei MRT-Geräte, drei oder vier Lungenfachärzte und insgesamt vielleicht fünfzig Beatmungsgeräte. Am Ende wird uns nichts bleiben, als die Betroffenen zu isolieren, sie zu stabilisieren und zu hoffen."

Assitan Soumare, Ärztin an einem privaten Krankenhaus in Bamako, Mali

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