Corona-Gefahr für Brasiliens Ureinwohner "Viruserkrankungen sind der größte Killer"

Für Hunderttausende Indigene in Brasilien wäre eine Ansteckung mit dem Coronavirus lebensbedrohlich. Doch Präsident Bolsonaro treffe keinerlei Maßnahmen, sagt der frühere Leiter der zuständigen Behörde. Im Gegenteil.
Ein Interview von Marian Blasberg und Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Indigene Frauen in Brasilien (Archivbild): Eigentlich soll die Behörde Funai sie schützen, doch Bolsonaro schwächt sie zugunsten der Wirtschaft

Indigene Frauen in Brasilien (Archivbild): Eigentlich soll die Behörde Funai sie schützen, doch Bolsonaro schwächt sie zugunsten der Wirtschaft

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Taylor Weidman/ LightRocket/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Possuelo, welche Folgen hätte eine Verbreitung des Coronavirus unter Brasiliens Ureinwohnern?

Sydney Possuelo: Seit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents sind Viruserkrankungen der größte Killer. Indigene Völker, die wenig oder keinen Kontakt zu uns Weißen haben, sind extrem anfällig für alle Arten von Infektionen. Jede ansteckende Krankheit ist extrem gefährlich für sie, viel mehr als für uns.

SPIEGEL: Woran liegt das? 

Possuelo: Vor der Entdeckung Amerikas gab es hier keine ansteckenden Krankheiten wie Grippe, Tuberkulose oder Malaria. Sie wurden von Europäern und Afrikanern erst eingeschleppt. Da der Organismus isoliert lebender Ureinwohner keine Antikörper produziert, verfügen sie nicht über die geringste Resistenz gegen Erreger wie das Coronavirus.

Zur Person

Sydney Possuelo, Jahrgang 1940, leitete von 1991 bis 1993 die brasilianische Indigenenschutzbehörde Funai. Bis zu seiner Absetzung 2006 stand er der Abteilung für isolierte Indigene vor. Er gilt als einer der größten Experten für die Urvölker des Amazonasgebiets und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Goldmedaille der »National Geographic Society« und dem vom spanischen König verliehenen Preis »Bartolomé de Las Casas«.

SPIEGEL: Welche Völker sind denn am meisten gefährdet?

Possuelo: Das sind jene Indigenen, die sporadischen Kontakt zu Weißen haben. Die zwischen dem Urwald und der Stadt pendeln und daher stärker dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt sind. Wir reden hier über schätzungsweise 600.000 bis 700.000 Menschen, deren Immunsystem so schwach ist, dass die Krankheit vermutlich selten einen glimpflichen Verlauf nimmt. Noch verheerender aber wäre die Ansteckung bislang isolierter Völker. Es wäre nicht das erste Mal, dass solche Viren ganze Stämme auslöschten. In der Vergangenheit waren es die Masern, die katastrophale Auswirkungen hatten. Es gab Grippe-Infektionen, die zu tödlichen Lungenentzündungen führten.

SPIEGEL: Sind die Indigenen denn ausreichend über die Gefahr informiert?

Possuelo: Ich mache mir große Sorgen. Im April begehen wir den Tag der Indigenen. Da kommen normalerweise Tausende Indigene nach Brasília und in die großen Städte. Ich sehe eine riesige Gefahr der Ansteckung. Eigentlich müsste unsere Indigenenschutzbehörde Funai jetzt eine Aufklärungskampagne starten. Sie müsste in Kontakt treten mit den NGOs, die vor Ort mit den Indigenen arbeiten. Es müssten Warnungen an die Gesundheitsdienste der Indigenen rausgehen, man müsste sie mit Wissen und Material versorgen, aber ich höre nichts!

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: In dieser Woche hat die Funai ihre Vertreter vor Ort im Urwald autorisiert, Kontakt zu isolierten Indigenengemeinschaften aufzunehmen, wenn es "wegen des Virus nötig" sei. Viele erkennen darin einen Aufruf zum Völkermord.

Possuelo: Auf mich wirkt es wie der Versuch des Präsidenten der Funai, sich von jeder Schuld reinzuwaschen, wenn die isolierten Indigenen angesteckt werden und sterben. Er schiebt damit die Verantwortung auf seine Untergebenen. Aber damit wir uns nicht missverstehen: Seit der Gründung der Republik gab es für die indigenen Völker keinen so schwierigen Moment wie heute. Früher gab es punktuelle Probleme, heute aber betreibt die Regierung eine systematische Politik der Ausrottung. Die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro hat den gesamten institutionellen und gesetzlichen Rahmen der Indigenenschutzpolitik demontiert.

SPIEGEL: Was bedeutet das konkret?

Possuelo: Die Regierung streicht den Etat der Funai zusammen und besetzt ihre Schlüsselstellen mit Leuten, die dem Agrobusiness nahestehen. Das widerspricht der Aufgabe der Funai: Laut Verfassung ist der Staat für den Schutz und das Wohlergehen der Indigenen verantwortlich. Solange sie im Wald isoliert sind, tragen sie allein die Verantwortung für ihr Leben. In dem Moment aber, wo sie mit uns Kontakt aufnehmen, hängen sie von einer Regierung ab, die nicht die ihre ist und die sie nicht verstehen. Sie sind unseren Entscheidungen ausgeliefert. Der brasilianische Staat hat die Indigenenschutzgebiete geschaffen, damit sie dort nach ihren eigenen Werten und Traditionen leben können, aber jetzt geschieht genau das Gegenteil: Die Regierung will die Reservate für die industrielle Landwirtschaft öffnen, für Bergbauunternehmer, Holzfäller und Goldsucher. Die Schutzgebiete werden demselben Prozess der Zerstörung unterworfen wie der Rest des Amazonasgebiets. Um dies zu erreichen, höhlt er die Funai systematisch aus.

SPIEGEL: Kürzlich hat Bolsonaro ausgerechnet einen ehemaligen evangelikalen Missionar zum Leiter der Abteilung für isolierte Völker berufen. Kritiker erkennen darin eine zusätzliche Bedrohung für die Indigenen.

Possuelo: Das gilt für alle Kirchen, aber vor allem für die Evangelikalen. Sie wollen "das Wort Gottes" zu den Indigenen tragen. De facto ermöglicht die Regierung den Missionaren den Zugang zu den indigenen Gemeinschaften. Damit wird nicht nur alles zerstört, was wir aufgebaut haben. Es stellt auch ein enormes Risiko für die Verbreitung des Virus dar, selbst für jene Indigene, die relativ isoliert im Urwald leben.

SPIEGEL: Wäre es möglich, die Schutzgebiete komplett abzuriegeln?

Possuelo: Ja - wenn diese Gebiete vernünftig markiert und Wachposten an den Flüssen eingerichtet werden. Und wenn der Luftverkehr überwacht wird, denn diese Gebiete sind nur über die Flüsse oder aus der Luft zugänglich. Als ich Chef der Abteilung für isolierte Indigene war, haben wir die Region des Javari-Flusses, wo es die meisten isolierten Indigenen gibt, mithilfe bewaffneter Mannschaften jahrelang komplett abgeriegelt. Inzwischen aber sind diese Truppen so ausgedünnt, dass sie sich gegen Eindringlinge kaum zur Wehr setzen können.

SPIEGEL: Wie reagieren weitgehend isolierte Indigene auf Impfungen und Medikamente?

Possuelo: Es ist nicht einfach. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Bei der Kontaktaufnahme zum Stamm der Arara, die ich verantwortet habe, dachten wir, wir wären auf alles vorbereitet: Wir hatten im Urwald ein Zelt zur Behandlung aufgeschlagen, wir verfügten über alle Medikamente, wir wurden von einem Arzt und einer Krankenschwester begleitet und hatten sogar einen Hubschrauber, um Kranke auszufliegen. Ich dachte also, alles würde gut gehen, doch das war ein Irrtum. Als einige Indigene nach der Kontaktaufnahme erkrankten, kamen sie nicht zu uns, sondern liefen in den Wald, um dort nach Heilkräutern zu suchen. Wir folgten ihnen mit unseren Medikamenten, aber es war zu spät, drei oder vier Indigene starben. Das war ein Schock für mich. Eine schreckliche Lektion. Ab diesem Moment wuchs in mir die Überzeugung, dass wir nach Möglichkeit keinen Kontakt zu diesen Völkern aufnehmen sollten.

SPIEGEL: Wer setzt den Indigenen mehr zu: das Coronavirus oder Bolsonaro?

Possuelo: Sagen wir es mal so: Corona geht vermutlich irgendwann vorbei. Bolsonaro aber ist noch drei Jahre im Amt.

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