Bernhard Zand

Coronakrise Jeder gegen jeden, globale Edition

Bernhard Zand
Eine Analyse von Bernhard Zand
Eine Analyse von Bernhard Zand
China und die USA instrumentalisieren die weltweite Krise für ihre politischen Zwecke, in Europa schotten sich die einzelnen Länder ab. So ist das Virus nicht zu besiegen.
Foto: ALY SONG/ REUTERS

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić hatte diese Woche einen Wutanfall, der uns zu denken geben sollte. "Es gibt keine europäische Solidarität", sagte er. "Das war ein Märchen, das auf dem Papier stand." Wenn Europäer serbisches Geld bräuchten, dann setzten sie Ausschreibungen zu ihren Gunsten auf. "Wenn es Qual und Schmerzen gibt, dann ist serbisches Geld nichts wert."

Serbien, ein enger Nachbar, aber noch kein Mitglied der Europäischen Union, würde gern Schutzanzüge und Atemmasken kaufen, um sich für die Coronakrise zu wappnen. Die kriegt es von den Europäern aber nicht, denn "solche medizinischen Güter dürfen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der EU-Regierungen in Nicht-EU-Länder exportiert werden." So hatte es Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündet. "Das ist das Richtige, denn wir benötigen diese Ausrüstung für unsere Gesundheitssysteme."

Also hat Vučić an Chinas Präsidenten Xi Jinping einen Brief geschrieben. Peking werde helfen. "Ich glaube an meinen Bruder und Freund Xi Jinping, und ich glaube an Chinas Hilfe."

"Ein Freund in der Not ist ein wahrer Freund"

Verkehrte Welt: Die Regierung, die den Ausbruch der Coronakrise zunächst vertuscht, dann radikal bekämpft und unter großen Opfern langsam in den Griff bekommen hat, gilt einem europäischen Staatschef nun als Retter in der Coronakrise. Peking nahm das Kompliment dankend an. "Ein Freund in der Not ist ein wahrer Freund", schrieb Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. "Wenn Handschläge in Europa nicht mehr gefördert werden, könnte Chinas helfende Hand einen Unterschied machen."

So funktioniert Geopolitik: Wenn sich eine Lücke auftut, dann kommt jemand und füllt sie.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Dass Peking nach solchen Lücken sucht, weiß die EU sehr gut. Vor einem Jahr hat sie China zu einem "systemischen Rivalen" erklärt, "der alternative Formen des Regierens fördert". Heute öffnet Europa diesem Rivalen eine Flanke - nicht nur auf dem Balkan und in Osteuropa, wo China seit Jahren auf Einfluss drängt; selbst innerhalb der Union.

Rom habe "um Hilfe geschrien, was Beatmungsgeräte und Masken betrifft", sagte Italiens Außenminister Luigi Di Maio. Die Europäische Kommission habe Italiens Forderungen nach medizinischer Ausrüstung an die Mitgliedstaaten weitergeleitet, so Roms EU-Botschafter Maurizio Massari. "Aber es hat nicht funktioniert."

Unterdessen sind in Italien zwei chinesische Ärzteteams mit Hilfsgütern eingetroffen, ein drittes ist auf dem Weg. Auch Spanien könne mit Chinas Hilfe rechnen, sagte Xi Jinping nach einem Telefonat mit Premier Pedro Sánchez: "Nach jedem Regen kommt Sonnenschein." EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen  gab am Mittwoch bekannt, dass China Europa unter anderem 2 Millionen Masken zur Verfügung stelle.

Peking liefert auch Hilfsgüter nach Iran, in den Irak und auf die Philippinen. Jack Ma, der Gründer des Onlinehändlers Alibaba, kündigte an, alle 54 Staaten Afrikas mit je 20.000 Testkits, 100.000 Masken und 1000 Schutzanzügen für Ärzte und Krankenpfleger auszustatten. Zuvor hatten die Jack-Ma- und die Alibaba-Stiftung bereits Hilfsgüter nach Japan, Südkorea und in andere Länder geschickt.

Politik, auch Geopolitik, hört in Krisenzeiten nicht auf. Im Gegenteil, sie kann noch viel brutaler werden. Besonders deutlich zeigt das der Konflikt zwischen den USA und China, der sich nach Monaten eines ruinösen Handelskrieges dramatisch zuspitzt: Im Februar hatte Washington angekündigt, chinesische Staatsmedien in den USA als "ausländische Vertretungen" einzustufen. Am Tag darauf wies Peking drei Reporter des "Wall Street Journals" aus, am Dienstag forderte das chinesische Außenministerium nun mindestens 13 Journalisten von "New York Times", "Washington Post" und "Wall Street Journal" auf, ihre Pressekarten abzugeben. Das ist beispiellos.

Zugleich überziehen sich Peking und Washington mit Vorwürfen darüber, wer für die Krise verantwortlich sei: Das "chinesische Virus", so US-Präsident Donald Trump – oder Soldaten der US-Armee, die das Virus nach Wuhan eingeschleppt hätten, wie ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums allen Ernstes andeutete.

Niemand wird die Welt allein aus dieser Misere führen

Während der Weltwirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 stimmten sich die USA und China eng miteinander ab. Washington pumpte Geld in das Bankensystem, Peking legte ein gigantisches Investitionsprogramm auf, um die Realwirtschaft anzukurbeln. Zusammen mit ihren Partnern in Europa und im Fernen Osten meisterten die größte und die damals drittgrößte Volkswirtschaft der Welt die Krise.

Von einer solchen Zusammenarbeit sind die beiden Supermächte heute weit entfernt. Mit keinem Wort kam China, die mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft, in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten am Montag vor. Peking, kein Mitglied der G7, sieht sich in dem Verdacht bestätigt, dass es auf sich allein gestellt ist.

"Wenn wir die Kontrolle verlieren, birgt die Pandemie das Risiko einer neuen Runde wirtschaftlicher Krisen und sozialer Unruhen", zitiert die "South China Morning Post" einen Berater der chinesischen Regierung. "Bislang gibt es keine global koordinierte Anstrengung, und so bald dürften wir auch keine sehen."

Falls es der Klimawandel und die Migrationstragödien der letzten Jahre noch nicht bewiesen haben – Covid-19 beweist es uns jetzt von Tag zu Tag: Krisen wie diese bräuchten eine Art Weltregierung – so vorläufig und unvollkommen sie unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse auch sein mag.

Solche Krisen brauchen Abstimmung und Zusammenarbeit weit über nationale Grenzen, ja über Kontinente hinweg. Stattdessen zeichnet sich eine "Entkoppelung" zwischen politischen und wirtschaftlichen Einflusssphären ab.

Niemand wird die Welt allein aus dieser Misere führen. Nicht China, das sich vor ein paar Tagen jenseits der Krise wähnte und nun die Wellen fürchtet, die das Virus rund um den Globus schlägt. Nicht die USA, deren Präsident sein Land vor einer Woche noch für gut gerüstet hielt und nun Hunderte von Milliarden mobilisiert, um das Schlimmste zu verhindern. Auch Europa nicht, das Staat für Staat seine Grenzen schließt und seine Nachbarn zu vergessen droht.

Abstand halten ist die medizinische Losung dieser Tage. In der Weltpolitik brauchen wir jetzt das Gegenteil.