Notstand wegen Coronavirus Spanien steht still

Lange scheute die spanische Regierung in der Coronakrise drastische Maßnahmen, jetzt legt sie das öffentliche Leben und die Tourismusbranche lahm. Die dramatischen Zahlen lassen ihr keine andere Wahl.
Von Claus Hecking, Carolin Katschak und Steffen Lüdke, Teneriffa, Barcelona, Saragossa
Foto: JAVIER SORIANO/ AFP

Es ist ein Samstagmorgen, wie ihn die Urlauber in El Médano lieben: Strahlend blau ist der Himmel über dem Städtchen an Teneriffas Südküste, 20 Grad, das Meer glitzert im Morgenlicht. Alles hier sieht so idyllisch aus wie immer. Wer aufs Meer hinausschaut, kann das Coronavirus einen Moment lang vergessen. Aber bald werde alles anders, sagt die Strandwächterin.

Die junge Frau, Sonnenbrille, Zopf unter Baseballkappe, legt ein Polster auf den Hochsitz: "Die Touristen werden nicht mehr zu uns kommen", sagt sie. "Was sollen wir dann tun?" Die Strandwächterin weiß noch nicht, was Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez in wenigen Stunden verkünden wird. Aber sie ahnt es.

Der Tourismus ist das Lebenselixier Spaniens. 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes stammen aus diesem Sektor. Die Branche wird in den kommenden Monaten einbrechen. Die spanische Regierung nimmt das in Kauf - um Leben zu retten.

Am Samstagabend, zur wichtigsten Sendezeit um 21 Uhr, tritt Ministerpräsident Pedro Sánchez vor die Kameras und ruft den nationalen Notstand aus. Spanien hat den Kampf gegen das Coronavirus spät, wohl zu spät, begonnen. Jetzt führt die Regierung ihn entschlossen. Ab Sonntag gelten drastische Maßnahmen, zunächst für 15 Tage.

  • Die Bewegungsfreiheit der Bürger ist massiv eingeschränkt, auf die Straße darf nur noch, wer zum Beispiel zur Arbeit oder einkaufen möchte.

  • Alle Cafés, Bars, Restaurants und Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelläden oder Apotheken bleiben geschlossen.

  • Die Regierung darf Lebensmittel rationieren und in wichtige Unternehmen eingreifen.

  • Der Zug- und Flugverkehr wird um die Hälfte reduziert. Die Grenzen bleiben jedoch offen.

Das Ziel der Maßnahmen: Die Verbreitungskurve soll abgeflacht werden, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

"Wir werden diese Schlacht gewinnen": Pedro Sánchez in seiner bisher wichtigsten TV-Ansprache

"Wir werden diese Schlacht gewinnen": Pedro Sánchez in seiner bisher wichtigsten TV-Ansprache

Foto: Ricardo Rubio/ dpa

Sieben Stunden lang hatte Sánchez zuvor mit seinen Ministerinnen und Ministern diskutiert. Pablo Iglesias, Chef der linksalternativen Partei Podemos, war trotz Quarantäne angereist. Er und die Wirtschaftsministerin Nadia Calviño stritten sich vor allem um das Ausmaß der wirtschaftlichen Hilfen für Betriebe und für Arbeiter. Diese Maßnahmen werden nun am Dienstag erneut diskutiert.

Die Unterstützung wird dringend benötigt, denn das Land ist größtenteils lahmgelegt. An den Küsten und auf den Inseln schicken Polizisten Touristen ins Hotel. Wer den Anweisungen nicht folgt, soll bestraft werden.

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An den Flughäfen des Landes warten Tausende Menschen auf ihren Rückflug, viele haben ihn vorgezogen. Auch die Spanier konsumieren kaum mehr. Die ersten Arbeiterinnen werden entlassen.

Die Coronakrise legt auch die Bruchlinien der spanischen Gesellschaft offen: Der baskische Regionalpräsident Iñigo Urkullu und sein katalanischer Kollege Quim Torra riefen zunächst selbst Sperrzonen aus - jetzt beschweren sie sich über Sánchez' Notstandsdekret. Torra erklärte, die Zentralregierung nehme den Regionalregierungen ihre Kompetenzen im Bereich Gesundheit, Sicherheit und Verkehr weg. Dies sehe auch Urkullu so.

Das öffentliche Leben ist paralysiert: Spanien am Samstagabend

Das öffentliche Leben ist paralysiert: Spanien am Samstagabend

Foto:

Manu Fernandez/ AP

In der Bevölkerung sind Sánchez' Worte angekommen. Im Zentrum von Barcelona sind am Sonntag kaum Menschen unterwegs. Nur einzelne Bäckereien haben geöffnet, Essen gibt es in den Restaurants nur noch zum Mitnehmen. Vor den Eingängen von Supermärkten stehen Angestellte wie Türsteher, maximal 20 Personen dürfen gleichzeitig einkaufen. In manchen Apotheken und Bäckereien ist die Anzahl auf drei Personen begrenzt.

Quälend langsam realisiert die Gesellschaft die Dimension der Bedrohung

In der vergangenen Woche konnte man zuschauen, wie sich die Stimmung in Spanien drehte. Quälend langsam sickerte die Erkenntnis in die Gesellschaft, dass der Coronavirus mehr ist als nur eine heftige Grippe. Dass nur Maßnahmen helfen würden, die fast jeder im Land bisher für undenkbar hielt. Denselben Lernprozess machen derzeit viele europäische Staaten durch.

Zentrum des Ausbruchs in Spanien ist die Hauptstadt Madrid. Hier begann das Virus sich unkontrolliert zu verbreiten. Trotzdem verhängte die Regionalregierung lange keine Ausgangssperre. "Ich weiß nicht, wie man Madrid dichtmacht", sagte die konservative Regionalpräsidentin.

Vor einer Woche noch zogen am Weltfrauentag mehr als 100.000 Frauen und Männer durch Madrid. Fernando Simón, der Epidemie-Beauftragte der spanischen Regierung, riet explizit nicht davon ab, an der Demo teilzunehmen. Dicht an dicht standen die Demonstrantinnen. Zwei Ministerinnen und die Ehefrau des Ministerpräsidenten, Begoña Gómez, führten den Marsch an, alle drei sind nun am Coronavirus erkrankt.

Mehr als 100.000 Menschen auf einer Demo: Ministerin Irene Montero am 8. März in Madrid

Mehr als 100.000 Menschen auf einer Demo: Ministerin Irene Montero am 8. März in Madrid

Foto: BALLESTEROS/EPA-EFE/Shutterstock

Erst Montag, wenige Stunden später, erklärte die Regionalregierung Madrid zur Risikozone, schloss Schulen und Universitäten. Seit Freitag sind Bars und Restaurants dicht, seit Samstag die Parks.

Viele Madrilenen interpretierten das jedoch als Einladung, das Wochenende im Heimatdorf oder an der Küste zu verbringen. Tausende reisten aus der Stadt aus, darunter auch der spanische Ex-Präsident Jose Maria Aznar und seine Frau Ana Botella, die Ex-Bürgermeisterin von Madrid. In der Küstenregion Murcia schotteten schimpfende Regionalpolitiker ganze Städte ab, weil so viele Madrilenen angekommen waren.

"Diesen Virus stoppen wir gemeinsam"

Anzeige der spanischen Regierung auf den Titelseiten der Zeitungen

In der Woche, in der sich die Spanierinnen und Spanier nach und nach der Dimension der Krise bewusst wurden, haben sich die Corona-Fallzahlen im Land mehr als verzehnfacht. Die Zahlen stiegen in der Zeit schneller als zum Beispiel in Deutschland. Inzwischen gibt es mehr als 7750 erkrankte Menschen - und das sind nur die, von denen die Behörden wissen. 288 Menschen starben bisher, 152 allein in den vergangenen 24 Stunden. Die Krankenhäuser in Madrid stoßen bereits jetzt an ihre Grenzen.

Die Regierung schaltete am Sonntag Anzeigen auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen: "Diesen Virus stoppen wir gemeinsam", steht dort. In Madrid fliegen jetzt Drohnen der Polizei durch die Straßen und belehren Passanten. Vor ein paar Wochen noch wunderte sich die Welt über ähnliche Szenen aus China.

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Das Leben verlagert sich in die WhatsApp-Gruppen und auf Twitter, Facebook und Instagram. Dort werden die Witze herumgereicht, mit denen sich die Spanierinnen und Spanier die Quarantäne erträglich machen. In einem Video ist zu sehen, wie Menschen auf Lanzarote Bingo spielen, indem sie sich die Ziffern von Balkon zu Balkon zurufen.

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Am Samstagabend, nur wenige Minuten nach dem Ende der Ansprache des Präsidenten, applaudierten Tausende Spanierinnen und Spanier auf ihren Balkonen. Im öffentlichen Bewusstsein war es die erste Stunde der Quarantäne.

Gedacht war der Applaus als Zeichen des Respekts für die Ärztinnen und Krankenschwestern. Ein bisschen jedoch wirkte es, als spreche sich die spanische Gesellschaft Mut zu; jetzt, nachdem sie erkannt hat, was auf dem Spiel steht.

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