Strategie gegen das Coronavirus Holland im Lot

Ein EU-Staat nach dem nächsten schränkt das öffentliche Leben ein. Die niederländische Regierung setzt auf weniger einschneidende Maßnahmen. Sie hofft auf Herdenimmunität und die Vernunft der Bürger - und muss nachjustieren.
Aus Winterswijk berichtet Claus Hecking

Beim "Big Bazar" in Winterswijk ist "Big Sale" angesagt, trotz Corona. Plastik-Fußbälle, Wäscheklammern, Blumentöpfe und allerlei anderen Krimskrams bietet der Laden in der niederländischen Grenzstadt an. Nebenan vor dem Kleidungsgeschäft ein Ständer mit Jacken, die Drogerie Kruidvat schräg gegenüber offeriert Creme im Sonderangebot. Menschen flanieren entspannt durch die Fußgängerzone; keiner trägt Atemmasken weit und breit. Wer an diesem Samstag Winterswijk besucht, könnte denken, die Epidemie existiere hier nicht. Zehn Kilometer weiter, in Vreden auf der deutschen Grenzseite, sind fast alle Läden seit Tagen zu.

Und doch ist es auch in Winterswijk ein besonderer Samstag. Denn auf dem Marktplatz ist nichts los. Den beliebten Winterswijker Wochenmarkt hat die Stadtverwaltung wegen Corona kurzfristig abgesagt. Zum ersten Mal seit mindestens 60 Jahren - weiter als bis in die Fünfzigerjahre reichen die Aufzeichnungen nicht zurück. Wo sich sonst Tausende Menschen, unter ihnen zahlreiche Deutsche, um Käse-, Blumen-, Lakritz- oder Backfischstände drängen, da parken jetzt bloß ein paar Autos. Und einige Geschäfte haben von sich aus geschlossen.

Fotostrecke

Das öffentliche Leben geht weiter

Foto: Claus Hecking/ DER SPIEGEL

Familie Hesselink*, ein Paar und ihre zwei erwachsenen Kinder, steht in der Fußgängerzone und isst Chicken-Nuggets. Extra für den Markt sei man eine Stunde nach Winterswijk gefahren, ärgert sich der Vater. "Aber jetzt machen wir das Beste daraus." Die vier waren bummeln; Einkaufstüten stehen zwischen ihren Beinen. Keine Angst vor dem Virus? "Nee", sagt die Mutter. "Früher oder später kriegt es ja sowieso jeder."

Sie sind nicht die einzigen, die so denken. Die Niederlande gehen bislang weniger strikt mit der Corona-Epidemie um als viele andere Staaten. Hier gibt es keine Ausgangssperren wie in Frankreich oder Spanien, keine so umfassenden Kontaktverbote wie in Deutschland. Zwar mussten Schulen ebenso dichtmachen wie Restaurants. Die meisten Läden hingegen können weiterhin öffnen.

Umstrittene Idee der Herdenimmunität

Premierminister Mark Rutte machte am Montag vor einer Woche europaweit Schlagzeilen. "Die Realität ist, dass in der kommenden Zeit ein großer Teil der niederländischen Bevölkerung mit dem Virus infiziert sein wird", sagte der liberale Politiker. Man könne aber "die Ausbreitung des Virus verlangsamen und gleichzeitig eine kontrollierte Herdenimmunität aufbauen."

Wenig später musste Rutte diese Sätze noch einmal genau erläutern - vor allem wegen des Reizwortes "Herdenimmunität". Denn hinter diesem Begriff steckt eine hochumstrittene Idee zum Eindämmen des Virus. Der widerstandsfähige Teil der Bevölkerung soll sich möglichst umfassend anstecken - um dann eine Art "Schutzmauer" für die Alten und Schwachen zu bilden, die bis dahin streng isoliert werden müssen. Diese Strategie hat einen willkommenen Nebeneffekt: Man müsste das öffentliche Leben und die Wirtschaft nicht so einschränken wie bei einem Lockdown. Ob sie funktioniert, ist allerdings zweifelhaft. Erst recht bei einem Virus, das noch so wenig erforscht ist wie Sars-CoV-2.

Entsprechend scharf reagierten Oppositionspolitiker. "Viele Niederländer fühlen sich, als seien sie Teil eines großen Experiments", kritisierte Lodwijk Asscher, der Chef der Sozialdemokraten. Rechtsaußen-Politiker Geert Wilders sagte: "Rutte spielt Russisches Roulette mit unserer Bevölkerung. Viele Menschen werden dadurch krank. Menschen werden sterben." Wissenschaftlern zufolge müssten etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus in Kontakt kommen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das wären mehr als zehn Millionen Niederländer. Selbst bei einer niedrigen Sterberate unter den Jungen und Fitten wären das Tausende Tote. Und das Gesundheitssystem wäre wohl bald am Limit.

Brandbrief an die Kanzlerin

Rutte musste in einer Parlamentsdebatte klarstellen: Herdenimmunität sei nicht das Ziel seiner Regierung, sondern nur eine absehbare Folge. Auch in Deutschland hatte die Ansprache für Aufruhr gesorgt. Acht Landräte im Grenzgebiet zu den Niederlanden und der Bürgermeister der Stadt Münster warnten Kanzlerin Angela Merkel und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet in einem Brandbrief, die offene Grenze könne ein "Einfallstor" für weitere Infektionen sein, wenn die Regelungen in den Deutschland und den Niederlanden nicht die gleichen seien. Sie forderten, als Ultima Ratio die Übergänge zu schließen.

Der Landrat des Kreises Borken rief die Bürger auf, nicht in die niederländische Grenzregion zu fahren. Und auch auf der anderen Seite der Grenze machte man sich Sorgen. Winterswijks Bürgermeister Joris Bengevoord blies deshalb den geplanten Samstagsmarkt ab. "Das war ein schmerzhafter Beschluss", sagt Bengevoord dem SPIEGEL. "Aber der Markt hat große Anziehungskraft auf Deutsche, und wir haben gesehen, dass die Infektionen zugenommen haben. Wir konnten nicht das Risiko eingehen, dass viele Menschen aus unterschiedlichen Regionen jetzt nach Winterswijk kommen." Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Stadt noch keine bekannte Corona-Infektion; mittlerweile wurde der erste Fall bekannt.

Enttäuschendes Wochenende

Ähnlich wie Regierungschef Rutte argumentiert auch sein wichtigster Berater in der Coronakrise: Jaap van Dissel, Direktor des Zentrums für Infektionsbekämpfung beim Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt. Van Dissel erklärt, dem Virus dürfe man keinesfalls freie Bahn lassen, da sonst das Gesundheitssystem überlastet werde. Und die Herdenimmunität sei kein Ziel. Sie könne aber eine Waffe im Kampf gegen die Epidemie werden.

Schließlich sei das Virus nun einmal da. Und die Mehrheit der Menschen werde mutmaßlich immun, nachdem sie die Krankheit durchgemacht habe. "Diese Gruppe bildet gemeinsam einen Schild rund um unsere verletzlichen Bürger. Und einschneidende Maßnahmen können dann vielleicht in Zukunft etwas zurückgedreht werden." Denn wenn die Kurve jetzt nicht ganz so stark abgeflacht wird wie in anderen Staaten, könnte es künftig womöglich leichter werden, das Social Distancing zu lockern und die Wirtschaft wieder hochzufahren, ohne dass die Infektionsraten sofort wieder rapide nach oben schnellen.

Selbst Großbritannien, dessen Regierung anfangs mit Herdenimmunität als Strategie liebäugelte, setzt nun auf Ausgangssperren. Dass in den Niederlanden die Abgrenzungsmaßnahmen trotz der mehr als 200 Corona-Toten nicht so einschneidend sind wie anderswo, erklären Experten auch mit der politischen Kultur. Statt auf Verbote bauten niederländische Politiker, allen voran Liberale wie Rutte, traditionell auf Vernunft und Eigenverantwortung der Bürger, sagt Pim van den Dool, Experte für Gesundheitspolitik bei der Zeitung "NRC Handelsblad". Diese Erwartungshaltung wurde am Wochenende enttäuscht. In Scharen drängelten sich manche Niederländer am Strand, in Baumärkten und auf einigen noch geöffneten Wochenmärkten.

Ruttes Regierung zieht nun die Zügel an. Am Montagabend hat sie die Versammlungsbeschränkungen ausgeweitet. Unter anderem räumt sie den Kommunen nun die Möglichkeit ein, an Orten wie Spielplätzen, Stränden oder Parks die Gruppenbildung von mehr als drei Personen aus unterschiedlichen Haushalten zu untersagen und Geldbußen zu verhängen. Friseure, Kosmetik- und Nagelstudios müssen für vorerst zwei Wochen schließen. Die meisten Handelsgeschäfte hingegen dürfen weiter offen bleiben, sofern sie dafür sorgen, dass die Kunden genug Abstand voneinander halten. Kinder aus unterschiedlichen Haushalten dürfen weiter miteinander spielen. Auch Wochenmärkte sollen laut "NRC Handelsblad" vom Gruppenbildungsverbot ausgenommen sein. Wenn das nicht funktioniere, werde der nächste Schritt der Lockdown sein, kündigte Rutte an.

Noch beharrt die niederländische Regierung auf ihrem Sonderweg. Und die Daten könnten sie darin bestätigen: Von Montag auf Dienstag stieg die Zahl der registrierten Covid-19-Infizierten um 17 Prozent auf 5560. Basierend auf Schätzungen gehe sein Institut davon aus, dass die Kurve der Neuinfektionen höchstwahrscheinlich nicht mehr exponentiell ansteige, sagte van Dissel nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters.