Corona-Fake-News in Afrika "Menschen machen, was im Netz steht. Und sie sterben daran"

Noch schneller als das Coronavirus scheinen sich in vielen afrikanischen Ländern falsche medizinische Hinweise über die Atemwegserkrankung auszubreiten. Diese "Infodemic" könnte verheerende Folgen haben.
Von Anne Backhaus, Accra
Demonstranten in Nairobi fordern bessere Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus

Demonstranten in Nairobi fordern bessere Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus

Foto: Billy Mutai/ imago images
Globale Gesellschaft

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Der Freund aus Ghana hat es gut gemeint. Acht Fotos schickt er über WhatsApp, geteilt aus einer Chat-Gruppe seiner Freunde. Dazu schreibt er: "Pass gut auf dich auf." Auf jedem Bild ein Hinweis, weiße Schrift auf grauem Hintergrund. Zum Beispiel steht da: "Wenn das Virus einer Temperatur von 26 bis 27 Grad ausgesetzt ist, wird es getötet, da es nicht in warmen Regionen überlebt."

Das ist jedoch nicht medizinisch bewiesen. Was dann folgt, hilft ebenfalls nicht, um das Coronavirus loszuwerden: "Außerdem gibt es den Trick, heißes Wasser zu trinken und sich der Sonne auszusetzen. Es wird geraten, sich von Eiscreme und kaltem Essen fernzuhalten." Darüber steht: Unicef.

Fake-News-Texttafeln mit falschen medizinischen Hinweisen wie diesen sind keine Seltenheit. Sie breiten sich derzeit rasend schnell und geradezu virusähnlich von Mensch zu Mensch aus. "Infodemic" nennt die Weltgesundheitsorganisation  (WHO) inzwischen das globale Problem, das parallel zu der Bekämpfung des Coronavirus enorme Kapazitäten frisst. Hilfsorganisationen können sich nicht allein auf die Versorgung von Krisenregionen konzentrieren, sie müssen zusätzlich um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen.

Achtung, Fake! Hilfsorganisationen sehen sich mit vielen Fälschungen im Netz konfrontiert

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"Es nimmt hier sehr viel Zeit in Anspruch, gegen solche Falschmeldungen vorzugehen", sagt Sandra Bisin, 42, Sprecherin des Kinderhilfswerks Unicef in West- und Zentralafrika. "Die digitale Welt hilft uns oft enorm, um schnell viele Menschen zu erreichen. Gleichzeitig ist aber genau das gefährlich, denn es ist für andere eben eine Möglichkeit, auf sozialen Netzwerken Panik zu verbreiten."

Unicef versucht mit Tweets  und selbst produzierten "myth buster videos", also kurzen Aufklärungsfilmen, die Gerüchte zu entlarven und dagegenzuhalten. Und an der Elfenbeinküste hat Unicef ein Coronavirus-Informationscenter installiert, über das geprüfte Informationen zu Symptomen, Infektionsvorbeugung und Behandlung geteilt werden - unter anderem per SMS. Wer den Code: CORONA verschickt, bekommt eine Antwortnachricht mit aktuellen Updates.

Der Code und die Nummer werden über Radio- und TV-Sender, Influencer und Regierungsseiten geteilt. 400.000 Menschen haben sich bereits gemeldet. An 14 Millionen Personen wurde zudem der Kontakt zum Informationscenter per SMS gesendet. Wie einige andere internationale Organisationen, unter anderem die WHO, arbeitet das Hilfswerk außerdem mit Plattformen wie Facebook, Instagram, Twitter und TikTok zusammen, um die tägliche Flut an Fake News einzudämmen. Doch selbst wenn soziale Netzwerke kontinuierlich Falschmeldungen löschen, heißt das noch nicht, dass sie verschwinden.

Die Gefahr der Corona-Gerüchte

In Ghana haben auch mehrere Tanzbars und Restaurants die vermeintlichen Unicef-Infotafeln auf ihren Seiten geteilt, um Gäste zu beruhigen. Sind die falschen Hinweise erst einmal über vertraute Personen verbreitet und für wahr gehalten worden, werden sie oft schnell von Mund zu Mund weitergetragen. Es gibt viele Menschen, die nicht lesen können. Das Vertrauen in Freunde, Familie und Nachbarn ist außerdem oft größer als in Regierungsstellen.

"Fehlinformationen sind hochgradig gefährlich", sagt Sandra Bisin. In Afrika werden sie gerade zur Bedrohung. Und das hat mehrere Gründe.

Bislang gibt es im weltweiten Vergleich eher wenig registrierte Fälle des Coronavirus in Afrika. Obwohl nahezu täglich neue dazukommen, aus immer mehr afrikanischen Staaten, ist nicht klar, ob sich Covid-19 auf dem Kontinent nicht so rasant wie andernorts ausbreitet - oder ob die Atemwegsinfektion in vielen afrikanischen Ländern nur noch nicht entdeckt wurde. Viele Experten sprechen von einem Kampf gegen die Zeit. Gerüchte helfen dabei nicht, denn für eine zeitnahe Eindämmung der Infektion ist es wichtig, dass sich Menschen schützen oder auch als krank melden.

Es kann fatale Folgen haben, an Immunität wegen Hitze oder schwarzer Haut zu glauben

Zu den gefährlichsten Gerüchten gehört die Vermutung, dass die Hitze in Afrika vor Ansteckung schützen oder das Coronavirus erst gar nicht überleben lassen würde. Das wird zwar in vielen der Fake News behauptet, ist allerdings nicht bewiesen. Wer sich darauf verlässt, nimmt sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen wie ausgiebiges Händewaschen und das Vermeiden von Menschenmengen eventuell nicht ernst. Das gilt ebenso für die hartnäckige Annahme, dass schwarze Menschen immun gegen Covid-19 seien. Die gemeldeten Corona-Patienten in Afrika sind größtenteils Eingereiste. Aus Italien zum Beispiel oder aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, der Türkei, Indien und natürlich China.

Auf Ghanas Straßen wird Fremden nun nicht mehr nur wie sonst "Obruni", ein altes Akan-Wort für "weiße Person", hinterhergerufen. Viele rufen stattdessen: "Corona, go home!" Und das ist nicht lustig gemeint. Bei vielen steigt die Verärgerung über Weiße, die vermeintlich als einzige Covid-19 nach Afrika bringen. Befeuert durch Behauptungen in den sozialen Netzwerken.

Es gibt jedoch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass - wie in einigen Fake-News-Videos oder -Posts verbreitet wird - "schwarze Haut" oder "afrikanische Gene" gegen das Coronavirus schützen würden. Diese Annahme kann fatale Folgen haben. Wer Symptome wie Halsschmerzen, Husten, Fieber oder Schnupfen hat, wird von den Gesundheitsministerien vieler afrikanischer Länder aufgefordert, sich bei einer Info-Hotline zu melden, und wird gegebenenfalls zu Hause besucht und getestet. Dafür ist es aber wichtig, dass sich die Betroffenen als der Risikogruppe zugehörig wahrnehmen. Das tun sie aber eventuell nicht, wenn sie sich aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft in Sicherheit wähnen.

Coronavirus, Fake News und Diskriminierung in Nigeria

"Wenn es um die Herkunft geht, haben wir außerdem bald noch ganz andere Probleme", sagt David Ajikobi. Der 37-jährige Journalist arbeitet für Africa Check , eine Website, die kontinuierlich Fake News aufdeckt. Ajikobe fing 2016 als erster hauptberuflicher Faktenprüfer in Nigeria an, wo sich eines der insgesamt vier Büros der Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in Südafrika befindet.

"Nachdem am 28. Februar in Nigeria der erste Covid-19-Fall in Subsahara-Afrika bekannt wurde, gab es sofort Unmengen an Gerüchten online", sagt Ajikobi. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas gilt allein schon wegen der Dichte an Menschen als besonders gefährdet, wenn es wirklich zu einem Ausbruch der Atemwegserkrankung kommen sollte. Ajikobi sieht in Nigeria zusätzlich das Risiko, dass dort viele verschiedene ethnische Gruppen, Religionen und Landessprachen vertreten sind.

Zollbeamtin in Dakar: Überall auf dem afrikanischen Kontinent versuchen sich Menschen zu schützen, Fake News helfen dabei nicht

Zollbeamtin in Dakar: Überall auf dem afrikanischen Kontinent versuchen sich Menschen zu schützen, Fake News helfen dabei nicht

Foto: Sadak Souici/ imago images

"Sie alle können leicht Panik entwickeln, die gerade kontinuierlich durch Fake News befeuert wird", sagt David Ajikobi. "Schon jetzt werden Chinesen diskriminiert, und es wird davor gewarnt, dass sie aus böser Absicht das Coronavirus entwickelt hätten oder generell dreckige Personen seien, von denen man sich fernhalten solle. Solche Gerüchte werden aber auch vor anderen nicht haltmachen. Dann ist plötzlich der christliche Nachbar Schuld - oder der Muslim oder der vom anderen Stamm oder der, der die Sprache im Ort nicht spricht."

In Nigeria hätten zwar viele Menschen kein Smartphone oder könnten sich nicht immer leisten, Internet-Minuten zu kaufen, aber trotzdem würden sich Fake News oft extrem schnell verbreiten, weil lokale Nachrichtensender sie aufgreifen und über Radio und Fernsehen verkünden. "Den ausgedachten Blödsinn, den einer mit tausend Bekannten geteilt hat, hören dann ungefiltert Millionen Menschen", sagt Ajikobi.

"Keiner will der sein, der das Coronavirus in sein Dorf geschleppt hat. Dann wird das Dorf nämlich extrem schnell wütend und schickt dich fort."

David Ajikobi, Fakten-Checker in Nigeria

Africa Check hat einen Chatbot für WhatsApp entwickelt. Das textbasierte Dialogsystem heißt "Kweli" - "Wahrheit" auf Kisuaheli - und man kann ihm Informationen schicken, die überprüft werden sollen. Ajikobi konzentriert sich außerdem nicht nur darauf, täglich möglichst viele Fehlinformationen aufzudecken und die Ergebnisse ebenfalls über die sozialen Netzwerke zu verbreiten. Er trainiert auch in Workshops Journalisten, Studenten und Sozialarbeiter darin, Informationen zu hinterfragen, nur Geprüftes weiterzugeben und Menschen dazu aufzufordern, sich helfen zu lassen.

"Unser größtes Problem hier ist: Keiner will der sein, der das Coronavirus in sein Dorf geschleppt hat", sagt David Ajikobi. "Dann wird das Dorf nämlich extrem schnell wütend und schickt dich fort. Viele mit Covid-19-Symptomen melden sich auch deshalb nicht bei den Notfallstellen, sondern folgen lieber obskuren Behandlungsempfehlungen, die sie irgendwo gesehen oder gehört haben."

Zu den aktuellen Corona-Präventions-Mythen in Afrika gehört zum Beispiel: Bleichmittel trinken. Das hilft natürlich nicht - sondern kann vor allem tödlich sein. Zwar wurde der Hinweis großflächig auf Facebook entfernt, trotzdem hält sich das Gerücht. "Menschen machen, was im Netz steht. Und sie sterben daran", sagt Ajikobi.

Bei der Ebola-Epidemie hieß es, Salzwasser töte das Virus

Er spricht aus Erfahrung. Als Nigeria 2014 mit der Ebola-Epidemie zu kämpfen hatte, wurde über WhatsApp verbreitet, dass Salzwasser das Virus  töten würde. "Die Menschen haben wie verrückt Salz gebunkert. Mindestens zwei sind daran gestorben, Unmengen gesalzenes Wasser getrunken zu haben. Viele andere kamen mit Salzvergiftungen ins Krankenhaus."

Fake News sind ein weltweites Problem. Viele Länder kämpfen derzeit gegen digitale Corona-Fehlinformationen und Verschwörungstheorien an. In Iran starben in der vergangenen Woche laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA insgesamt 44 Menschen an Alkoholvergiftung. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, Alkohol würde das Coronavirus abtöten.

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Kenia: hohe Geld- und Gefängnisstrafe auf Corona-Fake-News

In vielen Ländern Afrikas sind Organisationen und Regierungen schon mit den nötigen Präventionsmaßnahmen und dem Aufbau von Laboren oder Isolationsstationen mehr als ausgelastet, die Gesundheitssysteme schwach und viele andere schwere Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und auch Ebola ein weiteres Problem.

"Es ist kriminell, solche böswilligen und Panik verursachenden Behauptungen in sozialen und digitalen Kanälen zu verbreiten", sagte der kenianische Regierungssprecher Cyrus Oguna Anfang März. Die Regierung kündigte an, Corona-Fake-News an ein Investigativteam aus Cybersecurity-Experten zu übermitteln. In Kenia wurde laut Behörden inzwischen die erste Person festgenommen, die Fake News geteilt haben soll. 

Wem die Produktion und Verbreitung von Fake News nachgewiesen wird, kann laut der Regierung mit bis zu zwei Jahren Gefängnis und knapp 45.000 Euro Bußgeld bestraft werden. Der Freund aus Ghana hat das kaum glauben können: "Kannst du mir das schicken?"

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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