Ursprung der Corona-Epidemie Peking erfindet die Geschichte neu

Die Volksrepublik als Schutzburg der öffentlichen Gesundheit, das Ausland als Quell der Gefahr: In China etabliert sich ein neues Narrativ über die Coronakrise.
Aus Peking berichtet Georg Fahrion
Passanten in Shanghai: Erst anderthalb Monate nach Ausbruch reagierte die Regierung in Peking

Passanten in Shanghai: Erst anderthalb Monate nach Ausbruch reagierte die Regierung in Peking

Foto: Getty Images

Chinas führender Covid-19-Experte hatte Bemerkenswertes mitzuteilen. Auch wenn die ersten Infektionen in China aufgetreten seien, sei es durchaus möglich, dass das neue Coronavirus gar nicht aus China stamme, verkündete der Epidemiologe Zhong Nanshan Ende Februar auf einer Pressekonferenz  in Guangzhou. Eine Woche später legte Xinhua nach: In einem Kommentar  suggerierte die staatliche Nachrichtenagentur, es sei "absurd", das Land als angeblichen Ursprungsort des Virus zu stigmatisieren. 

Zwar ist der "Patient Zero" nach wie vor nicht identifiziert und somit unbekannt, wo der Erreger zum ersten Mal von einem Tier auf den Menschen übersprang. Dass dies in China geschehen sein könnte, erscheint angesichts des Verlaufs der Epidemie aber nicht sonderlich weit hergeholt. "Absurd" ist an dieser Annahme nichts. 

Solche Versuche, Zweifel zu säen und die Geschichte der Epidemie neu zu schreiben, sind keine Ausrutscher. Sie haben Methode. In atemberaubendem Tempo entsteht in China eine alternative Erzählung, hervorgebracht durch eine Kombination von Propaganda, allzu menschlicher Angst und der ebenso menschlichen Neigung, Unangenehmes schnell zu verdrängen. Vereinfacht zusammengefasst, lautet sie: Bei der Virusbekämpfung sollte sich die Welt an China ein Beispiel nehmen, und die Bedrohung kommt von außerhalb. 

Auf das Ausland fällt ein neues Licht

Es gibt eigentlich keinen ernst zu nehmenden Zweifel daran, dass Lokalpolitiker in Wuhan, aber auch nationale Behörden den Ausbruch anfänglich vertuscht und die Verbreitung des Virus damit begünstigt haben. Anstatt rasch umfassende Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit zu ergreifen, bestraften sie Ärzte, die vor der Krankheit warnten , und ordneten sogar die Vernichtung medizinischer Nachweise  des neuen Virus an. Es waren in erster Linie chinesische, nicht vermeintlich feindlich gesinnte ausländische Journalisten, die all das durch akribische Recherchen dokumentiert haben.  

Staats- und Parteichef Xi Jinping selbst hat zu Protokoll gegeben , er habe schon am 7. Januar von dem Ausbruch gewusst. Die Öffentlichkeit alarmierte er erst zwei Wochen später. 

Selbstverständlich ist genauso Teil der Wahrheit, dass China entschlossen gehandelt hat, nachdem die Führung die Existenz des Virus endlich anerkannt hatte - aber erst ab Ende Januar, rund anderthalb Monate nach Auftreten der ersten Fälle. 

Heute will sich das offizielle China nur an den zweiten Teil der Geschichte erinnern. Eines von zahlreichen Beispielen lieferte ein Beitrag des WeChat-Accounts "Herr Huangs Ansichten über Finanzen", den Xinhua in voller Länge verbreitete und den daraufhin viele weitere Staatsmedien publizierten. "Wir dürfen nun mit Recht sagen, dass die USA China eine Entschuldigung schulden und die Welt China Dankbarkeit", ist dort zu lesen. "Ohne Chinas enormes Opfer und Engagement wäre es der Welt nicht möglich gewesen, ein kostbares Zeitfenster für den Kampf gegen diese Epidemie zu gewinnen." 

Chinas Staatschef Xi Jinping hielt Informationen zum Coronavirus zurück

Chinas Staatschef Xi Jinping hielt Informationen zum Coronavirus zurück

Foto: ANDY WONG/ AFP

So unvollständig sie ist, entspricht diese Position der offiziellen Linie. "Viele Führer der Welt erkennen an, dass es bewundernswert ist, welch feste Entschlossenheit Chinas Regierung und Volk im Umgang mit der Epidemie gezeigt haben", sagte Chinas Außenminister Wang Yi  auf der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar. "Geschwindigkeit, Ausmaß und Effizienz" der chinesischen Reaktion "beweisen alle miteinander die Stärken von Chinas System". 

Auf das Ausland fällt in dieser Erzählung ein neues Licht. Es hat China irritiert, dass andere Länder sich zu Beginn der Epidemie abzuschotten versuchten. So sprach das Außenministerium in Peking von kontraproduktiver "Panikmache" , als die USA Ende Januar Amerikaner aus Wuhan evakuierten und fremde Staatsbürger, die unlängst in China gewesen waren, nicht mehr ins Land ließen. Dass Länder wie Kambodscha oder Thailand ihre Grenzen für Chinesen offen hielten, lobte das Parteiorgan "Global Times" dagegen als "maßvolle und angemessene Reaktion" .  

Als diffamierend empfundene Beiträge ausländischer Medien - darunter auch ein SPIEGEL-Cover  - wurden aufmerksam registriert; eine Überschrift des "Wall Street Journal"  nahm die Regierung gar zum Anlass, gleich drei Korrespondenten des Blatts auszuweisen. Völlig zu Recht empörten sich Menschen in China darüber, dass asiatisch aussehende Menschen in anderen Ländern als vermeintliche Krankheitsüberträger rassistisch beleidigt oder sogar körperlich angegriffen wurden.  

Jetzt, da die Epidemie in eine Pandemie übergeht, wächst in China aber selbst die Skepsis gegenüber Fremden. "Sind die USA in der Lage, das Leben ihrer Bürger zu schützen?", fragte kürzlich die "Volkszeitung" . Zwar verwehrt die chinesische Regierung bisher keiner Nationalität die Einreise, doch wer neu in China ankommt, muss damit rechnen, für 14 Tage in Quarantäne gesteckt zu werden. Wenngleich die Regeln je nach Ort variieren, gilt das auf jeden Fall für Reisende aus Italien, Japan, Iran und Südkorea. 

 

"Jetzt ist China der sicherste Ort"

In der ostchinesischen Provinz Shandong, nur eine gute Flugstunde von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt, sorgte Ende Februar eine Einreisewelle von Südkoreanern für Unruhe. "Schamlose koreanische Regierung, warum erlaubst du es deinen Bürgern immer noch, nach China zu kommen? Hoffst du darauf, dass sie in chinesischen Krankenhäusern behandelt werden?", schrieb ein Internetnutzer. "Die Koreaner gehorchen nicht. Es ist unrealistisch, zu erwarten, dass sie freiwillig (in ihrer Unterkunft) bleiben werden. Wenn Virusinfizierte nach China kommen, wird das schwerwiegende Auswirkungen haben", schrieb ein anderer. Inzwischen internieren manche Stadtregierungen in Shandong Einreisende aus Südkorea und Japan auf Staatskosten in ausgewiesenen Hotels.  

Der wachsende Argwohn trifft auch eigene Landsleute. So forderte der Kreis Qingtian in der Provinz Zhejiang Auswanderer auf, genau abzuwägen, ob es wirklich nötig sei, zum chinesischen Totengedenkfest Anfang April die alte Heimat zu besuchen. Dem war die Meldung vorausgegangen, dass im norditalienischen Bergamo lebende chinesische Restaurantbedienstete infiziert nach China zurückgekehrt  waren.  

Laut der Johns-Hopkins-Universität  kam China am Dienstag auf gut 20.000 nicht ausgeheilte Covid-19-Infektionen. Mehr als doppelt so viele wie in Italien, dem am zweitschwersten betroffenen Land. Dennoch ist die 180-Grad-Wende in manchem Kopf bereits vollzogen. Ein Weibo-Nutzer brachte es so auf den Punkt: "Jetzt ist China der sicherste Ort."