Ursprung des Coronavirus Labors als Gerüchteküchen

Bis heute ist nicht klar, wo das Coronavirus erstmals vom Tier auf den Menschen übersprang. US-Medien berichten nun, dass Forschungseinrichtungen in Wuhan infrage kommen könnten. Harte Belege fehlen indes.
Die Welt hält den Atem an - aber woher stammt das Coronavirus?

Die Welt hält den Atem an - aber woher stammt das Coronavirus?

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ DPA

Eine Frage beschäftigt die ganze Welt: Woher kommt das Coronavirus? Auch vier Monate nach Ausbruch des Virus gibt es dafür keine Antwort - nicht zuletzt, weil chinesische Behörden die Pandemie zunächst vertuschten.

Der berüchtigte Huanan Fischmarkt in Wuhan gilt gemeinhin als ein erstes Epizentrum der Seuche. US-Medien haben nun Indizien veröffentlicht, wonach andere Orte als Ausgangspunkt in Betracht kommen könnten.

Der Huanan-Fischmarkt in Wuhan: ein erstes Epizentrum der Seuche

Der Huanan-Fischmarkt in Wuhan: ein erstes Epizentrum der Seuche

Foto:

HECTOR RETAMAL/ AFP

In Bezug auf den Fischmarkt ist ungeklärt, ob dort auch die erste Übertragung des Erregers von einem Tier auf den Menschen stattfand. Denn: der sogenannte "Patient zero" ist nach wie vor nicht bekannt.

Chinesische Forscher haben im Januar eine Studie in dem Fachjournal "Lancet" publiziert, in der sie zu dem Schluss kommen, dass von den ersten 41 Patienten, die sich mit Sars-CoV-2 infizierten, 14 keinen Kontakt zu dem Markt hatten.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Anders als oft berichtet sollen dort auch keine Fledermäuse für den Verzehr verkauft worden sein. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Fledermaus mit einiger Sicherheit als das ursprüngliche Wirtstier des Coronavirus identifiziert, wenngleich nicht feststeht, ob der Erreger zunächst etwa auf ein Gürteltier und erst dann auf den Menschen übersprang.

Wenn wohl auch nicht auf dem Markt, wurden Fledermäuse doch an mindestens zwei anderen Orten in Wuhan gehalten:

  • Als Labortiere im Wuhan-Institut für Virologie (WIV), das weit außerhalb des Stadtzentrums liegt und 2015 als erstes Forschungslabor Chinas mit der höchsten Schutzstufe BSL-4 zertifiziert wurde.

  • Und im Wuhaner Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention (WHCDC), das den geringeren Sicherheitsstandard BSL-2 erfüllt und nur wenige Hundert Meter vom Huanan-Markt entfernt liegt.

Die im Internet kursierende Verschwörungstheorie, wonach Sars-CoV-2 im Hochsicherheitslabor WIV als Biowaffe künstlich erschaffen worden sei, betrachten internationale Wissenschaftler als widerlegt, nachdem sie den genetischen Code des Erregers analysiert hatten.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Auch die US-Geheimdienste hielten die These für Nonsens, wie der in diesen Kreisen gut vernetzte "Washington Post"-Journalist David Ignatius schreibt . Als wahrscheinlicher gelte - wenn überhaupt - ein Unfall: Das Virus könnte in einem Labortier auf natürliche Weise mutiert sein, dann könnte sich ein nachlässiger Mitarbeiter infiziert haben, der es anschließend weitergab.

In diese Richtung argumentierten auch die chinesischen Forscher Botao Xiao und Lei Xiao: Im Februar veröffentlichten sie einen Aufsatz mit dem Titel "Die möglichen Ursprünge des 2019-nCoV Coronavirus"  auf dem Wissenschaftsportal Researchgate.

Allerdings zogen sie den Aufsatz bald zurück, weil ihre Argumentation "nicht von direkten Beweisen gestützt" sei. Tatsächlich beschreiben sie darin lediglich ein wohl sorglos zu nennendes Vorgehen von Forschern des WHCDC, die zu Studienzwecken Fledermäuse in der freien Wildbahn einfingen und sich dabei mit Blut und Urin der Tiere beschmutzten. Eine Beweiskette, die von dieser Beobachtung zum Ausbruch von Covid-19 führt, legten sie nicht vor.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Aufsehen erregte zuletzt ein Beitrag  des Kolumnisten Josh Rogin, der wie Ignatius für die "Washington Post" schreibt. Er konnte diplomatische Depeschen einsehen, die Mitarbeiter der US-Botschaft in China 2018 nach Washington gesandt hatten.

Sie hatten damals mehrfach das WIV besucht, wo sie unter anderem mit Shi Zhengli zusammentrafen, eine internationale Koryphäe auf dem Feld der Coronavirus-Forschung. Ihr Spitzname: "Batwoman".

Salut mit Schutzmaske: Medizinisches Personal des chinesischen Militärs in Wuhan

Salut mit Schutzmaske: Medizinisches Personal des chinesischen Militärs in Wuhan

Foto: Fei Maohua/ dpa

In den Depeschen berichteten die US-Diplomaten über die wissenschaftlich bedeutsamen Erkenntnisse der chinesischen Forscher zu "Sars-ähnlichen Coronaviren" und zeigten sich gleichsam besorgt, dass es dem WIV an hoch qualifiziertem Laborpersonal mangele. Rogin zufolge wollten sie die US-Regierung dazu bewegen, den Chinesen technische Unterstützung zukommen zu lassen. Diese erhoffte Hilfe blieb aus.

Gegen einen Ursprung im WIV spricht, dass das Institut zwölf Kilometer vom Huanan-Markt entfernt liegt. Wieso sollte sich dann ausgerechnet dort ein erstes Cluster gebildet haben?

Sowohl Ignatius‘ als auch Rogins Beiträge sind als Meinungsartikel gekennzeichnet, nicht als Nachrichtenberichte. Mag es auch plausibel erscheinen, dass die Forschung an Fledermäusen in Wuhans Laboren etwas mit dem Ausbruch von Covid-19 zu tun haben könnte – harte Nachweise fehlen, es bleibt bislang eine vage Theorie. Und es gibt einigen Grund, die Berichte zunächst mit Vorsicht zu genießen, nicht zuletzt angesichts der politischen Großwetterlage.

Schließlich tobt zwischen Washington und Peking derzeit eine wahre Propagandaschlacht. Dass US-Präsident Donald Trump wiederholt vom "Wuhan-Virus" oder dem "chinesischen Virus" gesprochen hat, dürfte seinem Wunsch entsprungen sein, China die Schuld zuzuweisen und so vom eigenen Versagen bei der Seuchenbekämpfung abzulenken.

Das hat Peking schwer empört. Der chinesische Außenamtssprecher Zhao Lijian revanchierte sich, indem er eine durch nichts belegte Verschwörungstheorie verbreitete.

Demnach sei nicht auszuschließen, dass US-Soldaten das Virus nach Wuhan eingeschleppt haben könnten, als sie dort im Oktober 2019 an einem Militärsportfest teilnahmen. Wenigstens eine Schlussfolgerung darf als gesichert gelten: Um die amerikanisch-chinesischen Beziehungen steht es so schlecht wie lange nicht.

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