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Das Coronavirus verseucht die Weltwirtschaft Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird

Das Coronavirus bedroht Menschenleben und die hypervernetzte Wirtschaft. Welche Folgen hat das für Arbeitsplätze, Handelsströme und unseren Wohlstand? Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory.
aus DER SPIEGEL 6/2020
Foto: Kevin Frayer/ Getty Images

Von Georg Fahrion, Kristina Gnirke, Veronika Hackenbroch, Martin Hesse, Martin U. Müller, Katharina Graça Peters, Michael Sauga und Bernhard Zand
Dieser Artikel erschien erstmals in SPIEGEL 06/2020. Wir haben die Zahl der bestätigten Fälle aktualisiert.

Am Abend des 30. Dezember schickt ein junger Arzt aus der chinesischen Stadt Wuhan eine Kurznachricht an eine Gruppe von Kollegen: "Im Huanan-Fischmarkt sind sieben Fälle von SARS bestätigt." SARS ist eine Viruserkrankung, die im November 2002 ausbrach und 774 Menschenleben forderte. "Mir war klar", so der Arzt, "dass wir es mit einer Angelegenheit der öffentlichen Gesundheit zu tun haben."

Die Namen des Arztes und des Krankenhauses, in dem er arbeitet, wurden nicht veröffentlicht. Aber die Geschichte, die er der "Beijing Youth Daily" erzählte, ist im chinesischen Internet zigtausendfach geteilt worden. Denn um 1.30 Uhr früh am 31. Dezember wird der Arzt von der städtischen Gesundheitskommission einbestellt und im Lauf des Tages mehrfach vernommen.

Woher er diese Nachricht habe? Ob ihm klar sei, dass er gegen das Gesetz verstoßen habe? Ob er verstehe, dass er bestraft werde, wenn er solche Nachrichten verbreite? "Verstanden", schreibt er auf ein Formular und bestätigt die Antwort mit seinem Fingerabdruck. Aber er wird nicht bestraft. Er wird krank.

"Am 10. Januar gegen Mittag begann ich zu husten. Am Tag darauf stieg mein Fieber. Da wusste ich, dass ich ein großes Problem habe." Am 16. Januar bekommt er Atemnot, am 24. wird er auf die Intensivstation verlegt. Von dort tippt er am 27. auf einem Handy seine Geschichte nach Peking. Sprechen kann er nicht, er wird künstlich beatmet.

DER SPIEGEL 6/2020
Foto: cgs

Corona-Virus: Made in China

Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird

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Das Coronavirus, vor dem der Arzt Ende Dezember warnte und an dem er schließlich selbst erkrankte, hat sich aus Wuhan um die halbe Welt verbreitet. 17.238 Infektionen, mehr als bei SARS, meldete die Weltgesundheitsorganisation WHO für China am 3. Februar, 153 Fälle sind in 23 weiteren Ländern bestätigt. Insgesamt 362 Menschen starben an der Krankheit.

Die Seuche beunruhigt Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer, sie drückt auf die Börsenkurse, sie hat begonnen, unseren Alltag, unser Geschäftsleben und unsere Reisegewohnheiten zu verändern. Die Angst reist um die Welt. Sportereignisse werden verschoben, zur Spielwarenmesse in Nürnberg erwartet man weniger Besucher aus China als sonst. British Airways und Lufthansa haben als erste Fluggesellschaften sämtliche Verbindungen nach China gestrichen, Cathay Pacific verteilt in den Kabinen keine Kissen, Decken und Zeitschriften mehr, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Was kommt als Nächstes?

China, das bevölkerungsreichste Land und die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, stehe vor einer "komplizierten und schwerwiegenden" Krise, so sieht es eine Führungsgruppe unter Leitung von Premier Li Keqiang. Das Land exportiert jährlich Waren im Wert von mehr als 2300 Milliarden Dollar und steuert rund ein Drittel zum globalen Wirtschaftswachstum bei.

Straßen in Wuhan: Hier wird sich zeigen, ob das Virus aufgehalten werden kann

Straßen in Wuhan: Hier wird sich zeigen, ob das Virus aufgehalten werden kann

Foto: GETTY IMAGES

Was, wenn nach den Schließungen erster Flughäfen auch chinesische Seehäfen dichtgemacht und damit unendlich viele kleine und große Zulieferketten unterbrochen werden, die sich um den Globus spannen? Was, wenn die Chinesen nach der anfänglichen Vertuschung der Gefahr und der anschließenden Abriegelung von Millionenstädten das Vertrauen in ihre Regierung verlieren?

Schon jetzt zeigt die Seuche, wie verwundbar die verflochtene Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist. Seit einer Woche stehen weite Teile Chinas still, ruhen die Maschinen im Land mit der größten verarbeitenden Industrie der Welt. Offiziell hat die Regierung die Neujahresferien bislang nur um wenige Tage verlängert, aber Kindergärten, Schulen und Universitäten sind auf unbestimmte Zeit geschlossen. Das deutet darauf hin, dass auch die Fabriken in China länger geschlossen bleiben werden.

Experten sind sich uneins, wann die Viruskrise ihren Höhepunkt erreichen wird. Chinas bekanntester Epidemiologe Zhong Nanshan erwartet den Höhepunkt der Infektionen Anfang Februar, Kollegen in Hongkong und London dagegen eher April oder Mai. Unternehmen, die Produkte oder Teilprodukte in China herstellen – Elektronik, Maschinenbau, Autoteile, Textilien - müssen sich wohl auf einen mehrwöchigen Ausfall einstellen.

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