Ursachenforschung WHO-Chef Tedros fordert weitere Prüfung von Laborunfall-These

Erst kürzlich reisten Gesundheitsexperten ins chinesische Wuhan – und bezeichneten einen Laborunfall als Ursprung der Pandemie als »extrem unwahrscheinlich«. WHO-Chef Tedros will die These dennoch weiter untersuchen lassen.
WHO-Chef Tedros

WHO-Chef Tedros

Foto: HANDOUT / AFP

Nach der Veröffentlichung des Expertenberichts zu den Ursprüngen des neuartigen Coronavirus hat der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefordert, die Hypothese eines Laborunfalls in Wuhan weiter zu prüfen. Es seien weitere Untersuchungen nötig, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Zugleich warf er China vor, dem Expertenteam in Wuhan nicht genügend Daten zur Verfügung gestellt zu haben. Eine internationale Expertendelegation der WHO hatte im Januar in Wuhan nach den Ursprüngen der Coronapandemie gesucht. Im nun vorgestellten Abschlussbericht stuften die Fachleute es als »extrem unwahrscheinlich« ein, dass das Virus versehentlich aus einem Labor entwichen ist. Daher hätten sie diese Spur nicht weiter verfolgt. Die Möglichkeit einer absichtlichen Freisetzung von Sars-CoV-2 wurde ohnehin nicht untersucht.

Tedros räumte zwar ein, dass ein Laborunfall von den Experten als »unwahrscheinlichste Hypothese« eingestuft worden sei. Dennoch sehe er Bedarf für »weitere Untersuchungen«. Denkbar seien »zusätzliche Missionen mit spezialisierten Experten, zu deren Entsendung ich bereit bin«, sagte Tedros.

Kritik übte der WHO-Chef an China. Die internationalen Experten seien vor Ort auf »Schwierigkeiten beim Zugang zu Rohdaten« gestoßen. In der Zukunft erwarte er »gemeinschaftliche Studien, um rechtzeitiger und umfassender Daten zu teilen«, sagte Tedros.

Auch der Teamleiter der WHO-Mission Peter Ben Embarek hatte schwierige Umstände eingeräumt. »Natürlich gab es politischen Druck, auch von außerhalb Chinas«, sagte er. Über Mutmaßungen, China habe großen Einfluss auf die Endversion des Berichts genommen, sagte Embarek jedoch: »Es gab nie Druck, kritische Elemente aus unseren Bericht zu entfernen.« Alle Teammitglieder stünden hinter dem Bericht. Beteiligt waren 17 internationale und 17 chinesische Wissenschaftler.

Übertragung wohl von Fledermaus auf Mensch

Laut den WHO-Experten ist es »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich«, dass Sars-CoV-2 zunächst von der Fledermaus über ein Zwischenwirt-Tier auf den Menschen überging. Eine direkte Übertragung auf den Menschen bezeichneten die Autoren des Berichts als »möglich bis wahrscheinlich«. Die bevorzugte These Pekings, dass die Übertragung auf den Menschen über tiefgekühltes Fleisch erfolgte, halten die Experten für »möglich«.

Die EU bezeichnete den WHO-Bericht als »hilfreichen ersten Schritt«. Es seien aber weitere Untersuchungen zum Ursprung des Erregers nötig und zur Frage, wie das Virus auf den Menschen übertragen wurde. Besonders die USA hatten unter der Regierung von Ex-Präsident Donald Trump dagegen immer wieder die Laborthese ins Spiel gebracht. In einem Tweet sprach der Ex-US-Außenminister nach dem Expertenbericht nun von einer Fortsetzung der gemeinsamen »Desinformationskampagne« der WHO und der Kommunistischen Partei Chinas.

Die ersten Coronainfektionen waren Ende 2019 in Wuhan bekannt geworden. Seitdem haben sich Behördenangaben zufolge weltweit mehr als 127 Millionen Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt; mehr als 2,79 Millionen Infizierte starben. Wegen neuer gefährlicherer Virusmutanten wurden in zahlreichen Ländern zuletzt wieder schärfere Restriktionen verhängt.

Die etwa ein Dutzend Experten aus verschiedenen Fachrichtungen wie Epidemiologie und Zoologie durften schließlich nach mehrtägiger Verzögerung am 14. Januar 2021 nach China einreisen. Nach einer zweiwöchigen Coronaquarantäne besuchten sie unter anderem das Institut für Virologie und den Huanan-Tiermarkt in Wuhan und sprachen mit chinesischen Behördenvertretern. Die Mission endete am 9. Februar.

fek/dpa/AFP