WHO-Stratege über den Kampf gegen Corona "Ein Lockdown sollte das allerletzte Mittel sein"

Was läuft schief im Kampf gegen das Coronavirus? WHO-Experte David Nabarro wirft den Europäern Nachlässigkeit vor und erklärt, was jetzt zu tun ist.
Ein Interview von Dietmar Pieper
Südkoreanische Soldaten in Schutzkleidung zur Corona-Bekämpfung im März

Südkoreanische Soldaten in Schutzkleidung zur Corona-Bekämpfung im März

Foto: KIM KYUNG-HOON/ REUTERS

SPIEGEL: Dr. Nabarro, nach einem ruhigen Sommer steckt Europa mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Sind Sie überrascht?

Nabarro: Nein, es wundert mich nicht, dass dieses Virus nach wie vor im Umlauf ist. Ich habe immer mit weiteren Ausbrüchen gerechnet, überraschend finde ich nur die Heftigkeit des aktuellen Ausbruchs.

"Was zu tun ist, wissen wir. Ich hoffe, dass dies in Europa nun nachgeholt wird"

SPIEGEL: Haben es die meisten europäischen Länder im Sommer versäumt, sich besser vorzubereiten?

Nabarro: Sie haben die nötigen Schritte unterlassen, denn sonst hätten wir jetzt nicht diese dramatische Wiederkehr der Krankheit. Was zu tun ist, wissen wir, ostasiatische Staaten wie Taiwan, Südkorea, Vietnam oder Thailand machen es vor. Man muss schnell und entschlossen reagieren können, sobald sich das Virus wieder irgendwo zeigt. Ich hoffe, dass dies in Europa nun nachgeholt wird. Sonst werden wir eine dritte Runde von Lockdowns erleben, fürchte ich, vermutlich zu Beginn des nächsten Jahres.

SPIEGEL: Von Lockdowns zur Pandemie-Bekämpfung hält die WHO nicht viel. Warum?

Nabarro: Ein Lockdown kann unvermeidlich werden, aber: Er ist ein sehr extremer Eingriff in unser Zusammenleben und sollte nur das allerletzte Mittel sein. Als Lockdown bezeichnete man bisher vor allem Maßnahmen, um einen Gewaltausbruch im Gefängnis wieder unter Kontrolle zu bekommen. Oder brutale Ausschreitungen in einer Stadt. Es bedeutete, jegliche Bewegungen von Personen, ausgenommen Sicherheitskräfte, zu unterbinden.

Zur Person
Foto: A2800 epa Reynolds/Pool/ dpa/dpaweb

David Nabarro, geboren 1949, ist Sondergesandter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Kampf gegen Covid-19. Der in London geborene Arzt hat jahrzehntelange Erfahrungen als Krisenmanager, unter anderem koordinierte er die Hilfen der Uno während des Ebola-Ausbruchs 2014/15. Als Kandidat für den Posten des WHO-Generaldirektors unterlag er 2017 dem heutigen Amtsinhaber Tedros Adhanom Ghebreyesus.

SPIEGEL: Immerhin haben es viele Länder während der ersten Welle geschafft, durch mehr oder minder starke Restriktionen die Ansteckungsraten deutlich zu drücken.

Nabarro: Sicher, die halbe Welt befand sich in irgendeiner Form des Lockdowns. Aber zu welchem Preis: Arbeitsplätze gingen massiv verloren, Impfungen und andere zentrale Gesundheitsdienste wie Schwangerschaftsberatung oder Krebsbehandlung wurden oft erheblich eingeschränkt, Schulen mussten schließen, Kinder wurden mangelhaft ernährt. Die westlichen Länder konnten viel davon abfedern, andere Staaten nicht, denn es ist extrem teuer.

"Auf Herdenimmunität zu setzen, ist keine ethisch verantwortbare Strategie"

SPIEGEL: Viele fordern deshalb eine ganz andere Strategie. Weltweit hat zuletzt die "Great Barrington Erklärung"  große Aufmerksamkeit bekommen, in der Wissenschaftler dazu aufrufen, nur die Risikogruppen vor der Ansteckung mit Sars-CoV-2 zu schützen: Dann werde die Pandemie auf natürliche Weise durch Herdenimmunität enden. Was sagen Sie dazu?

Nabarro: Wir haben noch niemals versucht, eine Krankheit, an der Menschen sterben, durch natürliche Immunisierung unter Kontrolle zu bekommen. Darauf zu setzen, ist keine ethisch verantwortbare Strategie. Ich nenne Ihnen drei Gründe: Erstens wissen wir nicht, wie gut die Immunität nach einer Infektion ist. Zweitens ist es außerordentlich schwierig, alle Risikogruppen zu schützen. Dazu gehören nicht nur die Älteren, sondern auch die Ärmeren einer Gesellschaft, die in kleinen Wohnungen leben und auf körperliche Arbeit angewiesen sind. Drittens hat Covid-19 in vielen Fällen erhebliche Folgen, auch bei Jüngeren.

SPIEGEL: Wissen Sie darüber Genaueres?

Nabarro: Eine von ungefähr 20 bis 30 Personen, die an Covid-19 erkranken und wieder gesund werden, erholt sich nur unvollständig. Wir kennen die Ursache noch nicht, müssen aber feststellen, dass es in diesen Fällen zu Langzeitschäden am Herzen, im Gehirn und in der Lunge kommt. Das betrifft auch fitte Frauen und Männer mittleren Alters, die mühelos zehn Kilometer gejoggt sind und jetzt kaum mehr zwei Kilometer schaffen. Das Problem ist wesentlich ernster, als wir anfangs dachten.

SPIEGEL: Seit Februar predigt die WHO, gezielt zu testen, Kontakte nachzuverfolgen und alle Betroffenen in Quarantäne zu stecken – dies sei die beste Strategie. Aber viele Länder tun sich damit schwer, warum?

Nabarro: Diese Maßnahmen gehören zu dem vernünftigen Mittelweg zwischen Lockdown und Herdenimmunität, mit dem sich jede Gesellschaft gut gegen das Virus verteidigen kann. Ich bin erstaunt, dass viele Staatsführer auf der Welt die von uns empfohlenen Kerntechniken nicht verstehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört übrigens zu den rühmlichen Ausnahmen, sie begreift ganz genau, worum es geht. Dass Deutschland noch vergleichsweise gut dasteht, liegt außerdem am breiten Konsens in den 16 Ländern über Parteigrenzen hinweg.

SPIEGEL: Um die Pandemie zurückzudrängen, kommt es nicht nur auf politische Beschlüsse an, die Menschen müssen sich auch daran halten.

Nabarro: Es hilft, wenn sich alle klarmachen: Das Virus ist das Problem, nicht die Menschen. Darum sind Einschränkungen, Kontrollen und Auflagen für die Bevölkerung nicht die beste Antwort auf die Pandemie. Stattdessen muss der Staat die Bedingungen dafür schaffen, dass die Menschen selbst Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

SPIEGEL: Das sagt sich leicht...

Nabarro: Bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten ist es das Richtige. Konkret möchte ich fünf Punkte nennen, die sich bestimmt jeder gut einprägen kann: Abstand halten. Maske tragen, am besten eine Stoffmaske und eine OP-Maske übereinander. Umfassende Hygiene beachten, also Hände waschen, in die Armbeuge niesen und Oberflächen reinigen. Selbstisolation schon bei geringsten Symptomen ist ein weiterer Punkt. Und fünftens müssen wir die Risikogruppen schützen.

SPIEGEL: Und wenn sich alle daran halten, verschwindet das Virus wieder?

Nabarro: Nein, aber diese Verhaltensregeln sind eine Voraussetzung dafür, dass wir schwere Ausbrüche vermeiden können. Genauso kommt es darauf an, wie das öffentliche Gesundheitssystem organisiert ist. In Europa sind wir da nicht gut genug. Die Erfahrung, wie man aggressiven Infektionskrankheiten begegnet, ist auf dem Kontinent weitgehend verloren gegangen.

SPIEGEL: Sie empfehlen den Blick nach Südostasien, woran denken Sie genau?

Nabarro: Schauen Sie sich an, wie Thailand 2005 auf die Vogelgrippe reagiert hat. Da hat der Staat ungefähr eine Million Freiwillige ausgebildet, die im ganzen Land in die Dörfer gegangen sind, um Infektionen sofort zu erkennen. Das Ziel war, überall Augen zu haben.

"Finnland dürfte ein Vorbild sein, die Krankheit ist dort im Moment gut unter Kontrolle"

SPIEGEL: Klingt nach Überwachungsstaat.

Nabarro: Nicht jedem gefällt diese Art staatlicher Kontrolle. Aber um während einer Pandemie unsere Freiheit zu bewahren und unser Leben weiterzuleben, müssen wir die Krankheit jederzeit und überall im Blick haben. Dazu gehört ein eng geknüpftes Netz auf lokaler Ebene, das weit mehr umfasst als die Gesundheitseinrichtungen und auch Schulen, Universitäten, Firmen, Kirchen, Moscheen und Synagogen einbezieht.

SPIEGEL: In Europa ist das Bild nicht einheitlich. Manche Länder wie Tschechien oder Belgien kämpfen mit einem dramatischen Anstieg der Infektionsraten, in anderen sind die Zahlen bisher moderat. Kann man daraus etwas lernen?

Nabarro: Finnland dürfte ein Vorbild sein, die Krankheit ist dort im Moment gut unter Kontrolle. Wir finden bei den Finnen vieles von dem, was ich für entscheidend im Kampf gegen das Virus halte: eine gute politische Führung, ein starkes öffentliches Gesundheitssystem und Menschen, die sich an die Regeln halten.

SPIEGEL: Können wir aufatmen, wenn demnächst die ersten Impfstoffe auf den Markt kommen?

Nabarro: Wahrscheinlich haben wir nächstes Jahr ein Vakzin mit einer Wirksamkeit von 50 oder 60 Prozent. Es wird sehr lange dauern, die Menschen zu impfen. Zwei, drei, vielleicht vier Jahre werden wir es noch mit dem Virus zu tun haben, ehe die Impfungen weithin verbreitet sind. Darum müssen wir die Maßnahmen, von denen ich gesprochen habe, jetzt ergreifen.