Coronakrise in Asien Am Ende der Lieferkette

Eine Million Näherinnen in Bangladesch verloren ihre Jobs, seit in Europa die Läden schließen mussten. Jetzt wollen sie wieder produzieren. Die Arbeiterinnen haben die Wahl: zwischen Verhungern und Infektionsrisiko.
Textilarbeiterin in Tongi, Bangladesch: Aufträge in Milliardenhöhe storniert

Textilarbeiterin in Tongi, Bangladesch: Aufträge in Milliardenhöhe storniert

Foto: Fabeha Monir/ DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Von dem Virus erfuhr Salma Akhter das erste Mal in der Textilfabrik. Sie saß an ihrer Nähmaschine im zweiten Stock und nähte Reißverschlüsse in Hosen ein: "Wascht euch die Hände mit Seife", so erinnert sie sich an die Lautsprecherdurchsage eines Vorgesetzten: "Ein Virus aus China ist in Bangladesch angekommen".

Bald schon erhielten die Arbeiter weitere Warnungen. Sie sollten die Masken in der Fabrik nicht absetzen. Vor Arbeitsbeginn wurden sie und die anderen Mitarbeiter mit Desinfektionsmittel besprüht. Aber erst am 26. März bekam die 24-jährige Akhter die Folgen der Pandemie am eigenen Leib spüren: Die Fabrik, in der sie bis dahin gearbeitet hatte, musste schließen. Ein paar Wochen später erhielt sie die Kündigung per SMS.

Sie sitzt in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung auf ihrem Bett; ein geblümter Mundschutz hängt aus ihrem Kopftuch vor. Ersparnisse hat sie so gut wie keine. "Wie sollen wir jetzt überleben?", fragt sie. "Ich muss meine Miete zahlen, wir müssen essen".

Textilriesen wie C&A und Zara haben Aufträge in Milliardenhöhe storniert

Akhter lebt in Gazipur, einer Industriestadt mit mehr als einer Million Einwohnern. Es gibt hier Hunderte Textilfabriken. Zehntausende Arbeiter nähen hier für die ganze Welt, auch für deutsche Kunden – und das zu einem Preis, wie er in Europa niemals möglich wäre.

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Näherinnen in Bangladesch

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Viele Jahre lang lebte Bangladesch vom Versprechen der Globalisierung in seiner einfachsten Form: Reiche Länder erhalten billige Waren; Menschen in armen Ländern im Gegenzug ein Einkommen. Aber seit Corona gilt der alte Deal nicht mehr.

Europas Einkaufsstraßen lagen vielerorts wochenlang wie verwaist da. Bekleidungsgeschäfte sind auch jetzt noch geschlossen oder dürfen nur eine beschränkte Anzahl Kunden in den Laden lassen. Die Branche sieht Umsatzeinbußen und Entlassungen entgegen und scheint in vielen Fällen beschlossen zu haben, den wirtschaftlichen Druck nach unten weiterzureichen: Allein in Bangladesch haben ausländische Unternehmen in den vergangenen Wochen Aufträge im Wert von drei Milliarden Euro stornieren oder aussetzen lassen. Darunter befinden sich Textilriesen wie Primark, C&A und das spanische Unternehmen Inditex, zu dem unter anderem die Marke Zara gehört. Auch Akhter nähte Säume und Reißverschlüsse für die Spanier.

Und auch die Unternehmen, die ihren Lieferanten treu geblieben sind, könnten künftig weniger Waren aus dem Ausland bestellen. In Ländern, wo der Lockdown derzeit gelockert wird, nimmt die Nachfrage nur zögerlich wieder Fahrt auf. Denn auch wer wieder shoppen darf, kann sich das Einkaufen unter Umständen nicht leisten. Deutsche Firmen haben für mehr als zehn Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. 33 Millionen US-Amerikaner haben sich in den vergangenen sieben Wochen arbeitslos gemeldet.

Akhters Monatslohn: knapp 105 Euro

Doch es sind die Schwächsten in der Lieferkette – Frauen wie Akhter – die es am härtesten getroffen hat: Geschätzte eine Million der insgesamt vier Millionen Textilarbeiter im Land haben in den letzten Wochen ihre Jobs verloren. Hunderttausende Arbeiter in den Textilfabriken Kambodschas, Myanmars und Indiens teilen ihr Schicksal.

Für Alexander Kohnstamm, Leiter der Fair Wear Foundation, tritt in der Krise ein grundlegendes Problem der globalen Textilindustrie zutage: "Zu viele in der Branche haben sich auf ein Geschäftsmodell verlassen, das auf hohe Stückzahlen und kleine Margen setzt. Jetzt fehlen die Rücklagen, um die Krise zu überstehen." Das gelte für die großen Kleiderketten in Europa genauso wie für Fabrikbesitzer in Bangladesch. Darunter zu leiden hätten vor allem die Arbeiter. Denn diese könnten sich – anders als Arbeitnehmer in Deutschland – weder auf Ersparnisse noch auf den Staat verlassen. Das sieht Khondaker Golam Moazzem ähnlich. Der wissenschaftliche Direktor der Denkfabrik Centre for Policy Dialogue in Dhaka sagt: "Die meisten Textilarbeiter haben gerade große finanzielle Schwierigkeiten. Sie werden auf Essenspakete der Regierung angewiesen sein."

Akhter zum Beispiel bekam Mitte April noch ein letztes Mal ihr Gehalt in bar ausgezahlt; 9800 Taka, knapp 105 Euro. Das entspricht dem Mindestlohn, reicht aber gerade einmal aus, um damit ihre Miete und ihr Essen zu bezahlen. Ersparnisse hat sie keine. "Wir haben kaum mehr Geld für Seife, um uns zu Hause zu schützen", sagt sie. Ein Stück Seife kostet 40 Taka, gut 40 Cent.

Das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat Unternehmen aufgefordert, "ihrer Verantwortung für die Beschäftigten in den Zulieferbetrieben und entlang der gesamten Lieferkette auch während der Krise nachzukommen". Firmen wie Otto und Tchibo hätten sich schon dazu bekannt, sich an einem Textil-Hilfsfonds der Bundesregierung zu beteiligen, erklärt ein Sprecher auf Anfrage. Man wolle Fabriken dabei unterstützen, die Produktion auf Schutzmasken umzustellen. Außerdem stimme man aktuell mit der Regierung von Bangladesch eine Beteiligung am nationalen Hilfsprogramm ab, das eine Lohnfortzahlung für Beschäftigte im Textilsektor vorsieht. Die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina hatte bereits Ende März Fabrikbesitzern fast 590 Millionen Dollar an staatlichen Hilfen zugesagt, um damit die Löhne der Arbeiter zu bezahlen. Der gewünschte Erfolg blieb aus: Laut einer Umfrage der BRAC Universität in Dhaka hatten fast die Hälfte der Arbeiter in den ersten beiden Aprilwochen keinen Lohn erhalten. 

Menschen hungern, Krankheiten nehmen zu

Die Textilbranche hat Bangladesch schon früher großes Leid beschert. Vor fast genau sieben Jahren stürzte das Rana Plaza-Gebäude ein, mehr als tausend Menschen starben, die meisten davon Näherinnen. Aber die Fabriken haben Bangladesch auch neuen Wohlstand gebracht. Viele der sozialen Fortschritte im Land gehen auch auf die Textilindustrie zurück, in der vor allem Frauen Arbeit gefunden und damit auch immer ein Stück weit Macht gewonnen haben: Heute arbeiten Frauen in Bangladesch ähnlich häufig wie Männer. Die Kinderrate ist innerhalb der vergangenen 40 Jahre von sechs auf fast zwei gesunken, die durchschnittliche Lebenserwartung stieg derweil von 53 auf 72 Jahre. Bangladesch ist eins der wenigen Entwicklungsländer, in dem mehr Mädchen zur Schule gehen als Jungs. "In der Textilindustrie haben auch Alleinerziehende und Hausfrauen Arbeit gefunden. Der Job hat unser Leben verändert", sagt Akhter. "Wenn die Fabriken schließen, werden alle diese Frauen ohne Essen sterben."   

Bangladeschs Textilindustrie ist heute nach China die zweitgrößte der Welt. Die Branche setzte zuletzt rund 40 Milliarden Dollar um, sie macht 84 Prozent der Gesamtexporte des Landes und 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, sie ist der Motor der Wirtschaft. Diese wuchs zuletzt jährlich um acht Prozent; laut einer Prognose der Weltbank könnten es jedoch dieses Jahr lediglich zwei Prozent sein. Der Lockdown, den sich das Land aus Angst vor Covid-19 verordnet hat, verschärft die Lage im Land weiter: Hunger und Arbeitslosigkeit haben zugenommen; eigentlich leicht zu behandelnde Krankheiten befinden sich auf dem Vormarsch.

Der Ökonom Moazzem hält es für möglich, "dass die Textilindustrie sich in einem halben oder einem Jahr wieder erholt". So sei es auch während der Finanzkrise gewesen. Damals sei die Nachfrage nach günstigen Textilien binnen kurzer Zeit wieder gestiegen – und Bangladesch sei das Land, das günstig produzieren könne.

Aber dafür muss Bangladesch auch genau das tun: wieder produzieren. Um die Ausbreitung des neuen Coronavirus zu unterbinden, mussten alle Fabriken zeitweise schließen. Auch wenn die Nachfrage niedrig ist, glauben viele Besitzer, können sie es sich nicht erlauben, ihre Fabriken weiter geschlossen zu halten. Textilhersteller in Ländern wie Vietnam und China, die für den Moment das Schlimmste der Pandemie überstanden zu haben scheinen, locken Kunden. Ban­g­la­de­schische Unternehmer machen sich über das Sorgen, was Fair-Wear-Leiter Kohnstamm als "Wanderzirkus" bezeichnet: Konzerne, die mit ihren Aufträgen von Land zu Land ziehen, immer dem günstigsten Preis hinterher.  

"Brutales Dilemma": Jetzt sollen die Fabriken wieder öffnen

Die Behörden haben die mehr als 4000 Fabriken im Land bereits aufgefordert, baldmöglichst wieder zu öffnen. Die Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) hat Richtlinien herausgegeben, die die Sicherheit der Arbeiter während der Pandemie garantieren sollen: So sollen die Näherinnen Abstand voneinander halten, einen Mundschutz tragen und sich regelmäßig die Hände waschen. Die Frage sei jedoch, sagt Kohnstamm: "Werden die neuen Standards auch befolgt?"

Unternehmer, die unter finanziellem Druck stehen, könnten entscheiden, dass Sicherheit etwas ist, das sie sich nicht leisten können – oder wollen. Viel zu befürchten hätten sie nicht: Kontrollen müssen sie keine erwarten, weil diese derzeit verboten sind. Die Behörden fürchten, dass ein womöglich infizierter Prüfer das Virus von Fabrik zu Fabrik trägt.

Rubana Huq, die Präsidentin des BGMEA nannte die Lage ein "brutales Dilemma": Bleiben die Fabriken geschlossen, könnten Menschen buchstäblich verhungern. Öffnen die Fabriken, drohen ebenso Menschen zu sterben. Seit ein paar Wochen steigen in Bangladesch die Zahlen neuer Corona-Infektionen rapide an und anscheinend vor allem in den Slums rund um die Fabriken.

Aber mehr als das Virus fürchten Arbeiter wie Akhter eine Zukunft ohne Arbeit. Dabei ist der Hinterhofkomplex, den sie mit acht Familien teilt, ein idealer Ausbreitungsort für eine Infektion.

Sie und etwa 30 Menschen teilen sich dort zwei Küchen und zwei Toiletten. Im Innenhof trocknen bunte Tücher und T-Shirts der Nachbarn. Seit ungefähr ihrem 16. Lebensjahr arbeitet die 24-Jährige in der Textilindustrie. Eigentlich sei es auch für geübte und erfahrene Arbeiterinnen wie sie nicht schwer, eine neue Stelle zu finden, sagt sie. "Doch wer stellt jetzt noch Leute ein?"

Jetzt, wo die Fabriken wieder geöffnet haben, will sie es trotzdem versuchen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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