Covid-19 in Entwicklungsländern "Egal was sie tun, Menschen werden sterben"

Maßnahmen wie Lockdowns und Abstandhalten bringen in Ländern wie Bangladesch wenig, warnt der Yale-Ökonom Mushfiq Mobarak. Nicht nur das: Sie seien im schlimmsten Fall lebensgefährlich.
Ein Interview von Laura Höflinger
Bangladesch lockert den Lockdown: Seit Anfang der Woche können erste Näherinnen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren

Bangladesch lockert den Lockdown: Seit Anfang der Woche können erste Näherinnen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren

Foto: MOHAMMAD PONIR HOSSAIN/ REUTERS

SPIEGEL: Ein Lockdown in Deutschland könnte die Sterberate durch Covid-19 um fast eine halbe Million Tote senken. In Pakistan ist der Effekt dagegen viel kleiner, wie sie in einem Computermodell ausgerechnet haben: Dort wären es weniger als 200.000. Dabei hat das Land mehr als zweieinhalbmal so viele Einwohner. Wie kann das sein?

Mobarak: Die beiden Gesellschaften unterscheiden sich voneinander. Die pakistanische Bevölkerung ist im Durchschnitt viel jünger als die deutsche, und wir wissen, dass die Erkrankung bei jüngeren Menschen oft weniger gefährlich abläuft. Außerdem müssen Sie miteinbeziehen, wie viele Leben sich mit einer Maßnahme wie Abstandhalten tatsächlich retten lassen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang darüber, "die Kurve abzuflachen", damit wir zu keinem Zeitpunkt mehr Patienten haben, als unsere Krankenhäuser behandeln können. Aber in manchen ländlichen Regionen Südasiens gibt es keine Beatmungsgeräte. Man kann die Ausbreitung des Virus mit einem Lockdown daher verlangsamen, aber es wird wenig bringen: Denn man kann deswegen kaum mehr Menschenleben retten.

Zur Person
Foto: Mara Lavitt

Ahmed Mushfiq Mobarak ist in Bangladesch aufgewachsen, heute arbeitet er als Professor für Entwicklungsökonomie an der Yale-Universität in den USA. Er erforscht, mit welchen Mitteln sich Armut in Entwicklungsländern am besten bekämpfen lässt. Seine Arbeit führt ihn häufig zurück nach Südasien und auch nach Afrika. Er twittert unter @mushfiq_econ .

SPIEGEL: Aber wir wissen zum Beispiel aus Indien, dass ein Drittel der Verstorbenen zwischen 45 und 60 Jahre alt war. Vorerkrankungen wie Tuberkulose, Diabetes oder die Luftverschmutzung könnten beim Verlauf der Krankheit eine Rolle spielen.

Mobarak: Das stimmt, und das macht mir Sorgen. Aber wir können derzeit nur rätseln, wie sich solche Faktoren auswirken. Wir sind alle im Blindflug unterwegs. Ich plädiere auch nicht dafür, dass jeder machen darf, was er will. Religiöse Zusammenkünfte sollten verboten sein. Das Tragen von Atemschutzmasken in der Öffentlichkeit muss Pflicht werden. Mir geht es darum, dass arme Länder nicht blind kopieren, was reiche Länder vorgemacht haben, wie es gerade am Anfang passiert ist. Nur weil etwas in Deutschland funktioniert, funktioniert es nicht automatisch auch in meiner Heimat Bangladesch. Wir müssen unseren eigenen Weg finden, und wir müssen Kosten und Nutzen dabei genau abwägen. Der Lockdown darf nicht mehr Leben ruinieren, als er rettet.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Mobarak: Wir haben Bauern in Nepal angerufen, die wir aus früheren Befragungen kannten. Die Erntezeit steht an, eigentlich sollten die Menschen alle Hände voll zu tun haben. Aber was wir sehen, ähnelt der "hungrigen Jahreszeit": Jener Zeit vor der Ernte, wenn die Ersparnisse und die Vorräte aus dem Vorjahr zur Neige gehen und es wenig Arbeit gibt. Wenn Kinder jetzt hungern, dann hat das langfristige Folgen für ihre Entwicklung. Und das ist nicht das Einzige, was der Lockdown durcheinanderbringt: In Indien und Pakistan ist die Zahl der Entbindungen im Krankenhaus zurückgegangen. Es wird seltener gegen die Masern geimpft. Wenn wir nicht aufpassen, dann erleben wir die Rückkehr einer Krankheit, die viel ansteckender ist als Covid-19.

SPIEGEL: Was können Entwicklungsländer, die über wenig Ressourcen verfügen, tun, um ihre Bürger zu schützen?  

Mobarak: Aus Westafrika kennen wir zum Beispiel den "Veronica-Eimer" , benannt nach der Frau, die ihn erfunden hat. Der Eimer wird mit Wasser und Bleiche gefüllt und auf einen Hocker gestellt. Am unteren Ende ist ein Wasserhahn befestigt. Vor vielen Gebäuden in der Hauptstadt Sierra Leonas steht jetzt während der Epidemie ein solcher Eimer. So kann sich jeder beim Hinein- und Hinausgehen die Hände waschen – auch dort, wo es kein fließendes Wasser gibt. Wir haben viel über ausgefallene Lösungen aus Taiwan oder Südkorea gehört. Was wir brauchen, sind mehr Geschichten aus Sierra Leone.

SPIEGEL: Aber wie löst man das Problem der sozialen Distanzierung? Viele Menschen in Südasien wohnen in Großfamilien zusammen, oft leben mehrere Generationen unter einem Dach. Gehen die Jungen arbeiten, tragen sie das Virus womöglich nach Hause.

Mobarak: Wir müssen Familien erklären, wer von ihnen besonders gefährdet ist. Damit sie selbst entscheiden können, wie sie – abhängig von der eigenen Wohnsituation - die Schwächsten unter sich schützen. Diese Entscheidung wird ihnen kein Staat und keine Hilfsorganisation abnehmen können. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Dazu müssen wir unverzüglich anfangen, Geld an Hilfsbedürftige zu schicken. Sie und ich können von zu Hause arbeiten, ein Tagelöhner in Dhaka kann das nicht. Wenn wir wollen, dass er daheim bleibt, müssen wir ihn dafür bezahlen.

SPIEGEL: Die Hilfen laufen nur schleppend an. Viele Bangladescher haben keine Bankkonten, der Staat verfügt über keine verlässlichen Informationen darüber, wer auf Unterstützung angewiesen ist und wer nicht.

Mobarak: Wir hoffen, schon bald eine Lösung zu haben. Fast jeder in Bangladesch besitzt ein Handy. Wir haben unsere Daten aus früherer Forschung mit Informationen großer Telekommunikationsanbieter zusammengeführt: Wie oft telefoniert jemand? Wie oft verschickt eine Person SMS oder lädt neues Guthaben auf? Wir konnten zeigen, dass ärmere Menschen ihre Handys anders benutzen als solche, die mehr Geld haben. Damit füttern wir einen Algorithmus. Dieser kann anhand des Verhaltens eines Nutzers ableiten, ob dieser womöglich Unterstützung braucht. Natürlich können wir uns nicht vollständig auf Maschinen verlassen. Aber es ist ein erster Schritt.

SPIEGEL: Bangladesch ist gerade dabei, den Lockdown zu lockern, wenn auch nur vorsichtig. Sollten die Zahlen wieder hochgehen, stünde die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina unter Druck, die Maßnahmen wieder zu verschärfen.

Mobarak: Es ist durchaus richtig, Vorsicht walten zu lassen. Die Menschen in den armen Ländern haben in den Nachrichten gesehen, was Covid-19 in reichen Ländern wie Italien oder Großbritannien angerichtet hat. Vor allem die Oberschicht wünscht sich, dass der Staat sie gleichermaßen schützt. Das ist verständlich. Aber die Wünsche einer Elite dürfen nicht die Politik vor sich hertreiben. Die politischen Entscheider müssen den Bürgern stattdessen klarmachen, dass wir es mit einem Problem zu tun haben, das über die Gefahr des Virus hinaus geht. Wir müssen uns um unsere Gesundheit genauso kümmern wie um unsere Wirtschaft. Aber wir müssen auch verhindern, dass Menschen hungern oder Lieferketten zusammenbrechen. Staatschefs in Entwicklungsländern befinden sich in einem Dilemma. Jede Entscheidung ist eine Abwägung, bei der es nur schlechte Optionen geben kann: Egal was sie tun, Menschen werden sterben. 

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