Covid-19 in Neuseeland Ein Leben ohne Corona

Neuseeland will Corona eliminiert haben. Jetzt will das Land mit Australien eine "Covid-freie-Reisezone" einrichten. Für Touristen aus dem Rest der Welt werden aber strikte Regeln gelten müssen - womöglich jahrelang.
Spaziergänger am Strand der Hauptstadt Wellington: insgesamt weniger als 1500 Erkrankte

Spaziergänger am Strand der Hauptstadt Wellington: insgesamt weniger als 1500 Erkrankte

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Guo Lei/ imago images/Xinhua

Während sich große Teile der Welt auf ein Leben mit Corona einstellen, auf Maskenpflicht und Distanzgebote, macht sich ein Staat im Pazifischen Ozean gerade Hoffnungen auf eine Covid-freie Zukunft: Laut Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hat ihr Land das neue Coronavirus eliminiert.

Seit ein paar Tagen wurden keine Neuinfektionen mit Covid-19 verzeichnet, in der Woche zuvor waren es ein bis drei am Tag. Die Zahl aktiver Infektionen liegt bei 49. Insgesamt erkrankten 1498 Menschen an der Seuche, 21 starben. Das ist wenig, selbst für ein Land mit nur fünf Millionen Einwohnern.

Covid-freie Zone

"Wir könnten eins der wenigen Länder auf der Welt sein, das nach dem Lockdown wieder normal weitermacht", sagt Siouxsie Wiles, Professorin für Mikrobiologie an der Universität Auckland. Aber sie warnte diese Woche auch vor Übermut. "Es ist kein Geheimnis, dass ich es bevorzugt hätte, wenn wir noch ein kleines bisschen länger abgewartet hätten, bis wir die Einschränkungen lockern."

Seit Donnerstag gilt in Neuseeland ein Lockdown der sogenannten Stufe 2: Bürgern ist es wieder erlaubt, zur Arbeit zu gehen. Restaurants, Läden, Kinos, Spielplätze und Büchereien dürfen öffnen, ab nächster Woche auch Schulen und Bars. Was verboten bleibt, sind Zusammenkünfte von mehr als zehn Personen, darunter fallen auch Beerdigungen und Hochzeiten. Eine Maskenpflicht gibt es nicht.

"Wir könnten eins der wenigen Länder sein, das nach dem Lockdown wieder normal weitermacht"

Siouxsie Wiles, Professorin für Mikrobiologie an der Universität Auckland

Der Nachbar Australien scheint die Ausbreitung des Virus ähnlich gut in den Griff bekommen zu haben. Die Premierminister der beiden Länder haben sich formal auf gemeinsame Regeln verständigt: Neuseeländer dürften dann ohne Quarantänepflicht nach Australien reisen – und umgekehrt. Eine Art "Covid-freie-Reisezone".

Seinen Erfolg im Kampf gegen das Virus verdankt Neuseeland dabei einer ganzen Reihe von Faktoren. Manche davon sind hart erkämpft und mit großen Opfern verbunden. Andere wiederum basieren auf schierem Glück.

Neuseeland liegt – zumindest von Deutschland aus gesehen – buchstäblich am anderen Ende der Welt. Die Bevölkerungsdichte ist gering. Es ist eine Insel, wohlhabend noch dazu. Das Land schloss seine Grenzen früh für Ausländer. Rückkehrer mussten sich zwei Wochen lang in Quarantäne begeben. 

Premierministerin Jacinda Ardern versteht es, sich in Szene zu setzen

Premierministerin Jacinda Ardern versteht es, sich in Szene zu setzen

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Pool/ Getty Images

Das Virus wurde erst am 28. Februar eingeschleppt, vergleichsweise spät. Die Regierung nahm die Warnungen aus anderen Ländern ernst. Sie begann, großflächig zu testen. Weniger als einen Monat nach dem ersten Fall verkündete sie einen Lockdown der Höchststufe 4. "Wir haben derzeit 102 Fälle, aber das war in Italien auch einmal so", begründete Ardern damals ihre Entscheidung.

Während der Krise profitierte die Premierministerin vom Vertrauen ihrer Bürger. Ardern erklärte klar und regelmäßig, was ihre Regierung vorhabe. Sie gab Pressekonferenzen, aber sie nutzte auch "Facebook Live". Dort konnte man die Premierministerin dabei beobachten, wie sie von zu Hause aus in ihr Handy sprach und die neuen Regeln erklärte.

Ardern versteht es, sich zu inszenieren. Aber sie vermag es eben auch, den richtigen Ton zu treffen, gerade in Krisenzeiten. In einer Live-Schalte erklärte sie mit Blick auf ihren Schlabberpullover, dass es nun mal eine chaotische Angelegenheit sei, ein Kleinkind zu Bett zu bringen.

Aber Arderns Kurs brachte ihr auch Kritik ein – gerade von Ökonomen. Neuseeland verfolgte lange Zeit einen deutlich strengeren Anti-Corona-Kurs als etwa Deutschland. Die Menschen sollten möglichst nur zum Einkaufen und für medizinische Notfälle ihre Häuser verlassen. Sport und Spaziergänge waren erlaubt, aber nur im eigenen Viertel. Supermärkte, Essenstafeln und Apotheken blieben geöffnet. Metzger, Bäckereien und Lieferdienste hingegen mussten schließen.

Laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds könnte die Wirtschaft Neuseelands dieses Jahr um rund sieben Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit könnte von rund vier Prozent auf über zehn Prozent steigen. Nun sollen staatliche Rekordinvestitionen in Höhe von umgerechnet 27 Milliarden Euro die Konjunktur ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen.

Michael Baker, Epidemiologe an der Universität Otago, argumentierte, dass ein Inselstaat wie Neuseeland das Virus eher wie die Masern statt wie die Grippe begreifen sollte : Eine Krankheit, die man nicht managen, sondern ausmerzen muss. Das würde es dem Land erlauben, früher als andere zu einer "neuen Normalität" zurückzukehren.

Solange das Virus in der Welt zirkuliert, besteht trotzdem die Gefahr, dass es auch wieder ins Land hineingetragen wird und – wegen der hohen Zahl an asymptomatischen Infektionen – zu spät bemerkt wird. Um das zu verhindern, müsste Neuseeland seine Grenzen streng kontrollieren, und das monate-, womöglich sogar jahrelang. Reisenden aus Ländern mit einer hohen Zahl an Infizierten könnte erst nach einer Quarantäne oder einem negativen Test die Einreise erlaubt sein.

Besonders für den Fremdenverkehr, der immerhin sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hätte das schmerzhafte Folgen. Jeder achte Neuseeländer arbeitet in der Tourismusindustrie. Die Branche schätzt, dass die Hälfte von ihnen ihre Jobs verlieren könnten. Auch deshalb ist die Reisezone mit Australien für die Regierung, die sich im September Wahlen stellen muss, so wichtig: Australier bilden die größte Besuchergruppe im Land.

Die Regierung hat von Anfang an betont, dass Eliminierung nicht bedeute, dass nicht wieder neue Infektionen auftreten könnten. Ardern ermahnte ihr Volk, "wachsam" zu bleiben. Auch Neuseeland hat den Kampf gegen Covid-19 nicht gewonnen. Es kämpft ihn lediglich auf eine andere Art und Weise.