Dänemark hebt Coronaregeln auf Durch die Wand

Masken, Quarantäne, Abstand: weg. Dänemark hat alle Coronabeschränkungen aufgehoben. Auch wenn viele dafür sind, bleibt die Feierstimmung aus – und Kindergärten stehen kurz vor dem Kollaps.
Aus Kopenhagen berichtet Jan Petter
Leiterin Tina Engelbrekt Nielsen mit weinendem Kind in der Kindertagesstätte Vogelnest in einem Vorort von Kopenhagen

Leiterin Tina Engelbrekt Nielsen mit weinendem Kind in der Kindertagesstätte Vogelnest in einem Vorort von Kopenhagen

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Die neue Zeit, sie beginnt mit Nieselregen. Fast pünktlich um 23 Uhr platschen am Rådhuspladsen in Kopenhagen ein paar Tropfen vom Himmel, der Wind pfeift. Ansonsten ist es still, während die große Leuchtreklame alle paar Sekunden ihre Farbe wechselt. Fünf, sechs Menschen huschen über den zentralsten Platz der dänischen Hauptstadt. Keiner jubelt, niemand reißt sich die Maske vom Kopf.

Bis zum Vortag hätten die Wirte um diese Zeit spätestens ihre Lokale schließen müssen. Ab Mitternacht am ersten Februar hätten dann alle Coronabeschränkungen fallen sollen. Damit sie nicht für eine Stunde schließen mussten, zog die Regierung die Öffnung schließlich kurzfristig auf 23 Uhr am Montagabend vor. Doch jetzt: Stille, mitten in Kopenhagen.

Vielleicht liegt es am Wochentag oder am Wetter. Vielleicht aber auch daran, dass die Verunsicherung doch größer ist als gedacht. In den kommenden 24 Stunden nach der Öffnung werden überraschend viele Menschen mit Maske zu sehen sein. Kindergärtnerinnen und Taxifahrer von ihren Sorgen berichten.

Kopenhagen am Montag, kurz vor dem Ende der Beschränkungen

Kopenhagen am Montag, kurz vor dem Ende der Beschränkungen

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Neben Großbritannien ist Dänemark das erste Land in Europa, das in der Omikron-Welle alle Pandemieregeln aufhebt. Bereits zum zweiten Mal fällt nun die Maskenpflicht im Bus ebenso weg wie Abstandsregeln in Theatern und Kinos. Der dänische »Coronapas« hat über Nacht seine Bedeutung verloren, sogar die Quarantäne für Infizierte ist rechtlich gesehen nur noch freiwillig.

Als die Regierung im September zum ersten Mal diesen Schritt ging, wurde das im ganzen Land bejubelt. Auf dem Rathausplatz feierten Jugendliche bei einer spontanen Blockparty, in den Klubs wurde getrunken und getanzt.

Die dänische Regierung begründet ihren Kurs damals wie heute vor allem mit Zahlen. 95 Prozent der über 60-Jährigen sind geboostert, 21 Prozentpunkte mehr als in Deutschland. Insgesamt sind mittlerweile 81 Prozent der Dänen vollständig geimpft, die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 liegt deutlich unter der des Vorjahres. Die Impfungen seien Dänemarks »Superwaffe«, erklärte Premierministerin Mette Frederiksen kürzlich.

Fragt man Troels Marcher, wie er sich mit den neuen Regeln fühle, presst er die Lippen in seinem üppigen Bart zusammen und runzelt die Stirn: »Mulmig?« Marcher kennt die deutsch-dänische Stimmung, als Zugbegleiter fährt er fast täglich im IC auf der Strecke Kopenhagen-Hamburg bis zur deutschen Grenze. Jetzt, am letzten Tag mit alten Regeln, eilt er mit einem durchsichtigen Plastikvisier durch die grauen Waggons.

Zugbegleiter Troels Marcher: »Wenn ich mich anstecke, kann ich leider nicht ins Homeoffice«

Zugbegleiter Troels Marcher: »Wenn ich mich anstecke, kann ich leider nicht ins Homeoffice«

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Seit 6.11 Uhr ist er im Dienst, kontrolliert auf Dänisch, Deutsch und Englisch die noch geltende Maskenpflicht, verkauft Kaffee und überprüft hundertfach Tickets ebenso wie den »Coronapas«. Künftig wolle er das Visier nicht mehr tragen, sagt Marcher. Ob die Öffnung der richtige Schritt ist? Er ist sich unsicher. »Wenn ich mich anstecke, kann ich leider nicht ins Homeoffice.«

Auch Andreos Spiratos geht es so. Der Taxifahrer ist einer der wenigen, die in der dänischen Hauptstadt trotz Aufhebung der Maskenpflicht noch freiwillig ihr Gesicht bedecken.

Er habe keine Angst, sagt Taxifahrer Andreos Spiratos, aber gerade sei Fashion Week, da dürfe er nicht ausfallen

Er habe keine Angst, sagt Taxifahrer Andreos Spiratos, aber gerade sei Fashion Week, da dürfe er nicht ausfallen

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Er habe keine Angst, sagt der 57-jährige Spiratos, aber gerade sei Fashion Week. »Wenn ich jetzt ausfalle, fehlen mir fünf Tage Umsatz.«

Sorgen ums Geschäft macht sich auch Jens Hillingsø, Chefarzt am Rigshospitalet, Kopenhagens größter Universitätsklinik, und Spezialist für Lebertransplantationen. Man könnte vermuten, dass er sich über die Lockerungen seiner Regierung ärgere, von verschobenen OPs und neuen Ängsten berichtet. Doch wenn Hillingsø aus seinem Büro im zwölften Stock des Klinikhochhauses über die Hauptstadt blickt, beschäftigen ihn andere Fragen. »Waren diese Regeln bis zuletzt wirklich alle nötig?«, fragt er und antwortet gleich selbst: »Ich glaube nicht. Weil die Intensivstationen nicht wie befürchtet mit Covid-Patienten überlastet sind.«

Leberspezialist Jens Hillingsø: »Jeder Lockdown verhindert vielleicht mehr Untersuchungen«

Leberspezialist Jens Hillingsø: »Jeder Lockdown verhindert vielleicht mehr Untersuchungen«

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Er sorgt sich um den Alltag, kleine und mittlere Unternehmen, weniger um seine Patienten. »Wir werden jetzt mehr zu tun haben, ja. Es wird jetzt wieder mehr Covid-Fälle geben, ja«, sagt Hillingsø, der auch Sprecher der dänischen Chirurgen ist. »Aber das passiert bei Grippewellen sonst auch. Die Gesellschaft können wir bei den aktuell milden Krankheitsverläufen nicht länger so einschränken.«

Spricht man mit ihm über den Alltag in der Klinik, führt Hillingsø zu einer weißen Wand im Krankenhausflur. Dort hängt auf Zetteln die Bilanz seiner Station. Hillingsøs Zeigefinger huscht über die Daten. Lebertransplantationen 2020: so viele wie noch nie, trotz Pandemie. Eingriffe am Magen: gleichbleibend. Entfernungen der Bauchspeicheldrüse: nicht wesentlich weniger.

»Ich war an einer Studie zu den Auswirkungen der Pandemie in den nordischen Hauptstädten beteiligt«, sagt Hillingsø. »In Oslo gab es die härtesten Regeln und den höchsten Rückgang von Eingriffen. Das heißt: Jeder Lockdown verhindert vielleicht mehr Untersuchungen als unser Weg.« Seine Patienten, viele mit Krebs und schweren Erkrankungen, seien ohnehin oft isoliert. Wer auf eine Transplantation warte, schirme sich auch ohne Pandemie besser ab.

Die dänische Pandemie-Politik beruht auf Zahlen – der hohen Digitalisierung des Landes und der im internationalen Vergleich sehr guten Datenlage, wer krank, gefährdet, geimpft oder getestet ist. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch das dänische Selbstverständnis, der Verweis auf Solidarität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Tatsächlich, so zeigen Umfragen, fühlen sich viele Dänen gut geschützt. Auch die Älteren, wie Michael Bang Petersen betont. Im Hope Project begleiten der Sozialwissenschaftler und sein Team seit fast zwei Jahren die Stimmung im Land, zudem berät er die Regierung.

Anders als in Deutschland trugen alle maßgeblichen Parteien den Kurs der Regierung von Beginn an konsequent mit. Größter Streitpunkt war in dieser Zeit die Tötung von Zehntausenden Nerzen, ansonsten versicherten sich Regierung und Opposition, Medien und Gesellschaft immer wieder der gemeinsamen Verantwortung.

Friseur mit Kunde am ersten Tag ohne Maskenpflicht

Friseur mit Kunde am ersten Tag ohne Maskenpflicht

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Impfen und Testen waren und sind für viele Dänen dementsprechend keine Gefühlssache, sondern auch ein Statement für den Gemeinsinn – allein in der vergangenen Woche wurde pro Einwohner achtmal mehr getestet als in Deutschland.

»Die Menschen haben die Lage sehr gut verstanden«, sagt Michael Bang Petersen. »Mit Omikron hat sich die Situation jetzt verändert. Die Annahme, dass alles schlimmer wird, war falsch. Deshalb ist es richtig, dass die Beschränkungen wieder aufgehoben werden, um das Vertrauen der Menschen nicht zu verlieren.«

Maske auf dem Gehweg in Kopenhagen: Am Bahnhof gibt es inzwischen eigene Mülltonnen für den Gesichtsschutz

Maske auf dem Gehweg in Kopenhagen: Am Bahnhof gibt es inzwischen eigene Mülltonnen für den Gesichtsschutz

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Allerdings wuchs zuletzt auch der Druck auf die Regierung, schnell wieder zu öffnen. Linke und Liberale warnten vor einem Ende der Kulturszene. Konservative vor dem des Unternehmertums. Das erklärt vielleicht, warum die Öffnung dieses Mal nicht schrittweise kam, sondern im Eiltempo. »Die Regierung wollte zeigen, dass sie handlungsfähig ist«, meint Chefarzt Hillingsø.

Die Omikron-Wand, vor der heftig gewarnt wurde, ist bislang niedriger als gedacht. Doch heißt das auch, dass es keine Gefahr mehr gibt? Oder waren es erst die neuen Einschränkungen, die Schlimmeres verhinderten? Bisweilen wirkt es so, als wolle die dänische Regierung nun nicht länger vor dieser Wand bremsen, sondern möglichst schnell durch. Bang Petersen spricht von Herdenimmunität, wenn er die aktuellen Überlegungen skizziert.

Die Frage ist vielleicht weniger, ob Öffnungen richtig sind, sondern eher, ob das Tempo stimmt. Und den Preis für die Hauruckaktion zahlen womöglich diejenigen, die selten in Talkshows zu sehen sind.

In Husum, einem gutbürgerlichen Vorort von Kopenhagen, ist Tine Nielsen verantwortlich für 115 Kindergartenkinder und 19 Erzieherinnen. Etwa die Hälfte ihres Personals sei in den vergangenen zwei Wochen krank oder in Isolation gewesen, sagt sie. Die Kinder spielen jetzt auf dem Flur, damit die verbliebenen Erzieher sie noch betreuen können.

Nielsen erzählt, dass mehrere Mitarbeiter sich innerhalb von vier Wochen gleich zweimal mit Covid infiziert hätten. Erst mit der Delta-Variante, danach mit Omikron – alle seien geboostert gewesen.

Die Kita Fuglereden, zu Deutsch Vogelnest, ist zu einem kleinen Infektionsherd am Stadtrand geworden – einem von vermutlich Hunderten im Land. Überall stiegen zuletzt die Krankenstände. Seniorenheime berichten Ähnliches. Mit der Aufhebung der Beschränkungen gibt es nun keine Quarantänepflicht mehr, nach einem positiven Test wird nur noch eine viertägige Selbstisolation empfohlen, die bei Symptomen eigenverantwortlich umgesetzt werden soll.

Bekleidungsgeschäft in der Kopenhagener Innenstadt: Auch Shopping ist wieder ohne Maske und Coronapass möglich

Bekleidungsgeschäft in der Kopenhagener Innenstadt: Auch Shopping ist wieder ohne Maske und Coronapass möglich

Foto: Lars Just / DER SPIEGEL

Nielsen versteht ihren Beruf als Lebensaufgabe, bei der Arbeit tragen sie und ihre geimpften Kolleginnen bewusst keine Masken. In der Pandemie, die seit zwei Jahren alles bestimmt, wollen sie den Kindern wenigstens ein Lächeln bieten können. Schutz sei in einer Einrichtung mit mehr als hundert Kindern und Öffnungszeiten von 6.30 Uhr bis 19 Uhr ohnehin eine Illusion.

In der aktuellen Diskussion gehe es oft um die Arbeit der Eltern und um Schulkinder, klagt die Leiterin. »Die Jüngeren werden nicht getestet und nicht geimpft. Wir sehen nur an den Krankmeldungen der Eltern, in wie vielen Familien das Virus umhergeht.«

Immer wieder, sagt Nielsen, habe sie um Hilfe gebeten. »Immer wieder hieß es, wir sollen einfach weitermachen.« Inzwischen habe ihr die Stadt Sachbearbeiter als Notbetreuer angeboten. Gekommen ist bislang niemand.

»Wir zahlen den Preis, damit die Wirtschaft weitermachen kann«, meint Nielsen. Sie spricht ruhig, sie schimpft nicht über Politiker. Stattdessen sagt sie, die seit zwei Jahren Hunderte Kinder betreut, etwas Ungeheuerliches: »Wir haben versagt.« Sie meint die Gesellschaft, aber auch sich selbst. Ohne zu wissen, wie es besser hätte laufen können.

Die Kinder hätten Waschzwänge entwickelt, Angst vor Nähe, der Umgang mit Erwachsenen sei gestört. Jetzt, wo es so viel um den Zusammenhalt ginge, habe sie sich zumindest Beachtung gewünscht, sagt Nielsen. »Es heißt immer, Kinder seien das Wichtigste. Warum kommt die Premierministerin nicht mal? Auch ein paar Freiwillige könnten uns schon viel helfen.«

Nun setzt sie, fast schon hilflos, darauf, dass möglichst viele Menschen noch länger zu Hause und in der Vorstadt bleiben, anstatt gleich wieder in Restaurants und Bars zu stürmen. Vielleicht, sagt sie, helfe dabei ja ungemütliches Wetter. Sie hofft auf Regen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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