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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Das Unfassbare wird immer normaler

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
"Das ist der Tiefpunkt." Als Reporter, der Donald Trumps Aufstieg in der Politik vom ersten Tag an als Korrespondent in Washington begleitet hat, habe ich diesen Satz schon viel zu oft gesagt.
aus DER SPIEGEL 37/2020
Foto:

Brendan Smialowski / AFP

Der Satz hängt mir zum Hals raus. Aber leider gibt es ständig neue Anlässe. Manchmal täglich, wenn's gut läuft, nur wöchentlich. Die Präsidentschaft von Donald Trump ist eine Abfolge immer neuer Tiefpunkte. Ein Pfad in den moralischen Abgrund.

Vor vier Jahren dachte ich mal, verstörender könne es nicht mehr werden. Als herauskam, wie jener Mann, der im Begriff war, US-Präsident zu werden, einst damit geprahlt hatte, dass man als Star mit Frauen alles machen könne: "Du kannst ihnen an die Pussy fassen. Du kannst alles machen." Aber verglichen mit den gefühlt 1933 Tiefpunkten, die folgten, war die Pussy-Episode beinahe harmlos. Dass Trump den Diktator Kim Jong Un mal als "tollen Anführer" pries, "der sein Volk liebt", oder den Amerikanern die Einnahme von Desinfektionsmitteln zum Schutz vor Corona nahelegte, ist ja fast schon vergessen. Selbst bei Ungeheuerlichkeiten setzt irgendwann ein Gewöhnungseffekt ein. Das Unfassbare wird immer normaler.

Vor zwei Wochen dachte ich wieder, gefährlicher könne es nicht mehr werden. Da hatte Trump gerade erklärt, er könne die Wahl im November nur verlieren, wenn sie manipuliert sei. Dass Amtsinhaber bereit sind, ihre Wahlniederlage anzuerkennen, hat Demokratien bislang von Diktaturen unterschieden. Trump aber lässt bewusst offen, ob er dazu bereit ist.

Selbst bei Ungeheuer-lichkeiten setzt irgendwann ein Gewöhnungs-effekt ein.

Doch immer, wenn man denkt, alles über Trump zu wissen, offenbart er eine neue Facette seiner Ruchlosigkeit. Wie er dieser Tage berechtigte Proteste gegen rassistisch motivierte Gewalt der Polizei zum inländischen Terrorismus erklärt, während er selbst rechtsextreme Gruppen zum Handeln aufstachelt, ist der jüngste Tiefpunkt. Trump ignoriert schwarze Opfer wie Jacob Blake, der in Wisconsin von einem weißen Polizisten niedergeschossen wurde, und nimmt zugleich einen Weißen in Schutz, der bei Protesten zwei Demonstranten getötet haben soll. Er behauptet, dass die Stadt Portland "komplett in Flammen" stehe, obwohl das Blödsinn ist. Er eskaliert einen Konflikt von oben, schürt Ängste und vertieft bewusst die Spaltung der Gesellschaft. Er redet bürgerkriegsähnliche Verhältnisse herbei, um seine Anhängerschaft wenige Wochen vor der Wahl maximal zu mobilisieren.

Ich weiß, abgebrühte Menschen finden diese Empörung über Trumps immer neue Tiefpunkte langweilig. Das wisse man doch. Sei nichts Neues, nicht originell. Aber wenn es um Menschenwürde, Demokratie und den Frieden einer Gesellschaft geht, möchte ich gar nicht originell sein. Wer die Fähigkeit verliert, sich aufzuregen, kapituliert vor Menschen wie Donald Trump, der den Aufstand der Anständigen auch mit der Macht der Gewohnheit zu unterdrücken versucht. Zu den Komplizen der Radikalen zählt nämlich auch die Ermüdung.

Nach diesem Festival an Tiefpunkten hätten die Vereinigten Staaten jedenfalls eine Erholung verdient. Das sage ich nicht als Antiamerikaner, sondern weil ich dieses Land liebe.

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