Trumps Corona-Koordinatorin Der schwerste Job in Washington

Die Ärztin Deborah Birx koordiniert den Corona-Kampf des Weißen Hauses. Gleichzeitig muss sie vermeiden, Donald Trump zu verärgern - der Druck auf sie wächst von allen Seiten.
Medizinerin Deborah Birx: Manöver statt Konfrontation

Medizinerin Deborah Birx: Manöver statt Konfrontation

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JONATHAN ERNST/ REUTERS

Es kommt in Washington nicht oft vor, dass man einem hochrangigen Offiziellen im Weißen Haus live im Fernsehen bei einem Zirkustrick zuschauen kann. Im Fall von Deborah Birx war das ein Drahtseilakt. Birx koordiniert die Corona-Taskforce der Trump-Regierung. Vorige Woche saß sie mit gequälter Miene auf einem Stuhl an der Seite des Presseraums im Weißen Haus, Unterlagen auf dem Schoß, die Hände gefaltet, den Blick um 45 Grad gesenkt. Es wirkte, als sei der Stuhl sehr unbequem. Wenige Meter entfernt, am Rednerpult, sinnierte der Präsident über Möglichkeiten, Coronaviren im Körper von Patienten abzutöten.

Ein Beamter des Heimatschutzministeriums hatte die Journalisten, die dem Pressebriefing beiwohnten, soeben über Tests der Behörde unterrichtet. Diese hätten ergeben, dass Sonnenlicht und Desinfektionsmittel das Virus auf Oberflächen sehr schnell töten könnten. Donald Trump fragte nun, ob man UV-Licht oder Desinfektionsmittel nicht auch im menschlichen Körper einsetzen könnte.

DER SPIEGEL

Dann wandte sich der Präsident seiner Koordinatorin zu: "Deborah, haben Sie je davon gehört?" Die Hitze und das Licht? "Nicht als Behandlungsmethode", antwortete die Ärztin kaum hörbar. "Wenn man Fieber hat, hilft es dem Körper bei seiner Reaktion. Aber nicht als ..., ich habe nicht gesehen, dass Hitze oder ..." – der Rest ihrer Antwort ging unter.

Deborah Birx hat derzeit den wohl schwersten Job in der US-Hauptstadt. Einerseits muss sie sicherstellen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage für Trumps politische Entscheidungen bilden – oder zumindest in dessen Erwägungen einfließen. Andererseits muss sie den Präsidenten bei Laune halten, wenn dieser empfänglich für ihren Input bleiben soll. Im Fall Trumps bedeutet das: offenen Widerspruch vermeiden – selbst dann, wenn der Präsident vor laufender Kamera mit medizinisch Hanebüchenem wie dem Schlucken oder Spritzen von Desinfektionsmitteln liebäugelt.

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Als Koordinatorin der Corona-Taskforce des Weißen Hauses nimmt Birx regelmäßig an den erratischen Pressebriefings des Präsidenten teil. Die Termine lassen bisweilen erahnen, dass es für Birx im Umgang mit Trump vor allem um eins geht: die Balance zu halten.

"Sie läuft auf einem politischen Drahtseil", sagt Paul Zeitz dem SPIEGEL. Der Epidemiologe arbeitete im US-Außenministerium mit Birx zusammen. Birx dürfe das Vertrauen von Präsident Trump und Vizepräsident Mike Pence und damit ihren Einfluss auf Entscheidungen in der Coronakrise nicht verlieren. Zugleich, so Zeitz, müsse sie ihre "Integrität als datenorientierte Wissenschaftlerin" bewahren.

"Sie läuft auf einem politischen Drahtseil"

Paul Zeitz, Epidemiologe und Ex-Kollege von Deborah Birx

Ihr Posten verlangt Birx medizinischen Sachverstand ebenso ab wie diplomatisches Geschick. Da ist es von Vorteil, dass sie sowohl Ärztin als auch Diplomatin ist.

Birx, 1956 in Pennsylvania geboren, studierte zunächst Chemie und dann Medizin. Anfang der Achtzigerjahre trat sie in den Dienst der US-Armee, wo sie es bis zum Oberst brachte. Vor allem ein Thema prägte ihre Laufbahn: der Kampf gegen Aids. Zunächst suchte sie als Wissenschaftlerin nach einem Impfstoff. Dabei wurde ein Mann zu ihrem Mentor, an dessen Seite sie heute gegen das Coronavirus kämpft: Anthony Fauci, der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten.

Deborah Birx und Anthony Fauci: Einst kämpften sie gemeinsam gegen Aids, nun gegen Corona

Deborah Birx und Anthony Fauci: Einst kämpften sie gemeinsam gegen Aids, nun gegen Corona

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Auf eine Karriere als führende Aidsforscherin folgte eine Laufbahn im Außenministerium. Barack Obama ernannte Birx 2014 zur Sondergesandten und Leiterin der US-Initiative für den weltweiten Kampf gegen Aids. Laut Paul Zeitz erwies sie sich in dieser Rolle als tough, intelligent und fähig, Entscheidungen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Zugleich habe sie stets geschickt manövriert, sowohl im Umgang mit Vertretern beider Parteien als auch im Labyrinth der zahlreichen Ministerien und Behörden.

Manövrieren statt konfrontieren

In ihrer aktuellen Rolle setzt Birx ganz offenbar eher auf Geschick als auf Konfrontation. Zeitz glaubt, dass sie in der Coronakrise alles dem Ziel unterordne, so viele Leben wie möglich zu retten. Und diesem Ziel, so das offenkundige Kalkül der Corona-Koordinatorin, ist am besten gedient, wenn sie den dünnhäutigen, entlassungsfreudigen Präsidenten nicht oder nur verblümt korrigiert.

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Der Nachteil dieser Strategie ist, dass Birx immer mehr unter Druck gerät. Er sei nicht in allem mit ihr einverstanden gewesen, sagt auch ihr ehemaliger Kollege Zeitz. Der Epidemiologe verweist auf zwei Episoden, wegen derer die 64-Jährige zuletzt auch in der breiteren Öffentlichkeit Kritik einstecken musste.

Die erste betrifft ihre Reaktion auf Trumps Aussagen zu Desinfektionsmitteln. Während mehrere Behörden und der Hersteller des Mittels Lysol bald nach dem Pressebriefing entschieden vor jeder Form von Einnahme warnten, konnte sich Birx nicht zu einem ähnlich deutlichen Statement durchringen. Entsprechende Nachfragen im Sonntagsinterview mit CNN  wies sie brüsk zurück; sie habe schon während des Briefings deutlich gemacht, dass weder Licht noch Desinfektionsmittel als Behandlungsmethoden infrage kämen. Sie störe sich eher daran, dass das Ganze noch immer Thema in den Nachrichten sei.

Schon Ende März hatte Birx Unmut auf sich gezogen, als sie ein Interview mit dem Sender Christian Broadcasting Network für einen regelrechten Lobgesang auf den Umgang des Präsidenten mit "der wissenschaftlichen Literatur, den Details und den Daten" nutzte. Manch ein Kritiker wies auf Trumps Verachtung für Expertise und Wissenschaftlichkeit hin, auf sein Desinteresse an Details und Daten.

Birx hat weiter einen Platz am Tisch

Trotz aller Kritik: Die Frau mit dem Faible für Seidenhalstücher gestaltet den Kampf der US-Regierung gegen die Pandemie nach wie vor mit - auch wenn ihr Einfluss teils mit Schmeicheleien erkauft sein mag. Der Präsident soll ihre Kompetenz ebenso schätzen wie ihr Auftreten.

Gemeinsam mit ihrem früheren Mentor Anthony Fauci brachte Birx den Präsidenten Ende März von seinem ursprünglichen Ansinnen ab, die Wirtschaft schon zu Ostern wieder hochzufahren. Zuletzt soll die Medizinerin auch eine treibende Kraft hinter Trumps Entscheidung gewesen sein, den republikanischen Gouverneur des Bundesstaats Georgia wegen dessen Lockerung der Corona-Maßnahmen zu kritisieren.

Unterm Strich, sagt Birx' Ex-Kollege Zeitz, sei es ihm deutlich lieber, dass sie einen Platz am Tisch habe.

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