Die Bewohnerinnen des Hexencamps von Gambaga hängen fest – in ihre Heimatorte können sie in der Regel nicht zurück

Die Bewohnerinnen des Hexencamps von Gambaga hängen fest – in ihre Heimatorte können sie in der Regel nicht zurück

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Traditioneller Glaube in Ghana Die vergesslichen Hexen

Ghanas Bevölkerung wird immer älter, mit Begleiterscheinungen wie Alzheimer und Demenz. Doch in Dörfern werden diese Krankheiten oft für schwarze Magie gehalten – und die Alten in Hexencamps abgeschoben.
Aus Gambaga, Ghana, berichten Heiner Hoffmann und Lee-Ann Olwage (Fotos)
Globale Gesellschaft

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Die Ankunft

Issaku Shaibus Schicksal ist besiegelt, das Urteil gesprochen: Der 71-Jährige ist ein Hexer, verstoßen von seiner eigenen Familie. Er sitzt auf einer schmalen Bank aus Holz, um ihn herum reges Treiben, doch Shaibu starrt ins Leere. Er rückt seine Mütze zurecht, sie sitzt nun kerzengerade über seinen Augenbrauen, immerhin ein Stück Ordnung. Doch seine Welt ist aus den Fugen, über Nacht ist alles verloren gegangen. Shaibu wohnt jetzt wider Willen im Hexencamp von Gambaga.

Issaku Shaibu ist gerade im Hexencamp angekommen, er wirkt recht verloren

Issaku Shaibu ist gerade im Hexencamp angekommen, er wirkt recht verloren

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Es begann, wie so oft, mit einer unerklärlichen Krankheit. Seiner Enkelin, mit der Shaibu so gern Zeit verbrachte, ging es immer schlechter. »Ihr Geist war nicht mehr in Ordnung«, sagt der Großvater. Die Eltern des Kindes suchten verzweifelt nach einer Erklärung, etwas, an dem sie sich festhalten konnten. Dieses Etwas kam schließlich in der Nacht, erfuhr Shaibu später. Das Mädchen habe von ihm geträumt. Im Norden Ghanas ist das kein gutes Zeichen. Wenn jemand im Traum erscheint, dann hat er magische Kräfte. Die Familie war sich sicher: Der Großvater hat seine Enkelin verhext.

So fand sich der Shaibu plötzlich in Gambaga wieder, einem Ort, den in Ghana jeder kennt. Denn hier werden Hexenprozesse abgehalten, dem traditionellen Chief des Ortes wird nachgesagt, dass er schwarze Magie erspüren – und bezwingen – könne. Seine Neffen brachten Shaibu hierher, sie wollten keinen mutmaßlichen Hexer in ihrer Familie. Der alte Mann kratzt sich am Bart, seine Schultern hängen nach unten: »Ich verstehe das alles nicht. Ich glaube nicht, dass ich jemanden verhext habe.« Ganz sicher ist er sich nicht.

Der Sohn des Chiefs wird beim Thema Hexenprozesse einsilbig, obwohl er die Verantwortung dafür inzwischen von seinem Vater übernommen hat. Wir treffen ihn auf dem Gelände einer Berufsschule, wo er frühmorgens als Wachmann arbeitet. Ein einfacher Job, doch die Kolleginnen und Kollegen respektieren ihn, Vorbeilaufende grüßen mit einer leichten Verbeugung. Denn nach Feierabend ist Prinz Amidu ein mächtiger Mann, er kann über die Schicksale von Menschen entscheiden. Oder vielmehr: Er lässt die Hühner entscheiden.

Die Tiere sind der wichtigste Bestandteil der traditionellen Hexenprozesse: Ihnen wird der Kopf abgeschlagen, dann irren sie noch eine Weile umher, bis sie schließlich umfallen. Landen sie dabei auf Rücken, Brust nach oben, gilt: unschuldig, keine Hexe. Landen sie auf dem Bauch, steht fest: Es war Hexerei im Spiel. Für die Hühner endet das Verfahren im Kochtopf, für die Verurteilten wie Shaibu im Hexencamp direkt hinter dem Haus des Chiefs. Denn sein Huhn landete auf dem Bauch, erzählt er.

Und dann war da noch die Sache mit der Hose. Als Shaibu ankam, wies ihn der Sohn des Chiefs an, durchs Camp zu laufen. »Wir machen das, um ein Zeichen von den Geistern heraufzubeschwören«, sagt Prinz Amidu. »Ich hatte große Angst«, sagt Shaibu. Dann passierte es: Er nässte sich ein. »Das war ein sehr deutliches Zeichen«, lacht der Sohn des Chiefs, »die Geister haben gesprochen.« Nun wohnt Shaibu in einer kleinen Rundhütte aus Lehm, die er sich mit einem anderen Bewohner teilt, in einem Umfeld, das ihm völlig fremd ist.

Die Morgenandacht

Am nächsten Morgen sind pünktlich um 8.30 Uhr alle da, wie immer donnerstags, der Termin gibt ihrem Leben Struktur. Die Stühle reichen nicht aus, zu viele Bewohnerinnen und Bewohner sind es inzwischen im Camp. Die Frauen und Männer schauen sich ratlos an, manche gehen wieder nach draußen, andere stehen teilnahmslos in der Mitte des Raums, viele irren ziellos umher. Einige werden laut, sie keifen sich an, eine Frau geht dazwischen. Eine Bewohnerin begrüßt das SPIEGEL-Team und stellt sich vor, zum zweiten Mal bereits. Das erste Mal war am Vortag, sie hat es vergessen. Fast alle sind über 70 Jahre alt, ihre Hände zittern, ihre Blicke gehen ins Leere. Das Camp für Hexen und Hexer wirkt eher wie ein Altersheim.

Morgenandacht im Hexencamp von Gambaga

Morgenandacht im Hexencamp von Gambaga

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Die Frauen beten und singen gemeinsam

Die Frauen beten und singen gemeinsam

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Die Andacht gibt ihrem Leben Struktur und Routine

Die Andacht gibt ihrem Leben Struktur und Routine

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Als die Morgenandacht vorbei ist, bleibt der stellvertretende Camp-Manager Obed Yobe auf seinem Stuhl sitzen, bis alle den Raum verlassen haben. Er atmet tief durch, dann sagt er: »Schaut euch doch um, die meisten hier haben irgendwelche Gebrechen. Viele sind verwirrt, vergessen alles. Sie haben Symptome von Alzheimer und Demenz, doch die Leute halten das für Hexerei.«

Und so kommt es, dass das Camp aus allen Nähten platzt, 89 Menschen leben derzeit hier, oft zu zweit oder zu dritt in winzigen Hütten. Und es werden immer mehr, erzählt Yobe, denn die Bevölkerung in Ghana werde ja auch immer älter. Im Jahr 1960 wurden Ghanaerinnen und Ghanaer im Schnitt gerade einmal 45 Jahre alt, heute sind es 64, Tendenz steigend.

Sie betreuen die Bewohnerinnen und Bewohner im Camp: Thompson Chatin und Obed Yobe

Sie betreuen die Bewohnerinnen und Bewohner im Camp: Thompson Chatin und Obed Yobe

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Yobe ist angestellt bei der Presbyterianischen Kirche, er betreut die Bewohnerinnen und Bewohner, vieles hier sieht er selbst kritisch. Mit der Familie des traditionellen Chiefs gerät er, der Kirchenmann, immer wieder in Konflikt. Doch Yobe sieht die Sache pragmatisch: »Ohne die Camps ginge es den Leuten noch schlechter.«

Mindestens sechs Hexencamps gibt es mittlerweile im Land. Sie bieten den beschuldigten Hexen einen Zufluchtsort, Schutz vor Gewalt in ihren Heimatdörfern. Doch sie sind auch hochumstritten in Ghana: Die Chiefs verdienen ordentlich an den Ritualen, ihnen wird Ausbeutung der hilflosen Bewohner vorgeworfen.

Auch ein hohes Alter gilt im Norden Ghanas oft als Zeichen von übernatürlichen Kräften. Wer über 70 oder gar 80 wird, steht schnell im Verdacht, eine Hexe zu sein. Wenn dann im Ort ein Krankheitsfall auftritt, werden zuerst die Alten beschuldigt dahinterzustecken.

Die Verstoßenen

Zwei alte Damen sitzen auf Holzhockern, unter ihnen vertrocknete und verschimmelte Maiskörner. Es sind die Abfälle vom Markt in der Stadt, die beiden haben sie unter den Ständen aufgelesen, jetzt sortieren sie die halbwegs essbaren Körner heraus, um sie zu Maismehl zu verarbeiten. Mehr haben sie nicht, es ist ihre einzige Mahlzeit.

Obed Yobe steht neben ihnen, schaut eine Weile zu, dann sagt er: »Wir haben keine Spenden, keine Geldgeber mehr, also sind die Bewohnerinnen auf sich allein gestellt.« Wer noch halbwegs fit ist, muss auf den Feldern des Chiefs arbeiten – manchmal gibt es dafür einen Hungerlohn, manchmal Getreide im Gegenzug.

Kombian Tonjong ist genervt. Sie will sich auf das Sortieren der Maiskörner konzentrieren und dabei über die Welt schimpfen. Tonjong schimpft gern und viel, ihre Mitbewohnerinnen bezeichnen sie als »garstig«, doch sie meinen es nicht böse. Denn die über 80-Jährige – ihr genaues Alter weiß sie nicht – zeigt typische Symptome von Demenz. Die anderen Frauen hier im Camp verstehen das, sie wissen es einzuordnen, Tonjongs Dorfgemeinschaft konnte es nicht.

Kombian Tonjong (l.) wird von den anderen Frauen im Hexencamp betreut

Kombian Tonjong (l.) wird von den anderen Frauen im Hexencamp betreut

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

»Sie haben uns Alte sowieso auf dem Kieker gehabt, weil wir uns manchmal nicht so benehmen, wie sie es wollen«, erzählt Tonjong. Dann wird sie ungehalten, regt sich auf. Die Frau neben ihr legt die Hand auf Tonjongs Arm, redet mit ruhiger Stimme auf ihre Mitbewohnerin ein. Die Tröstende ist Anführerin der Bimoba im Camp, einer ethnischen Gruppe in Ghana. Jede Volksgruppe im Hexenlager hat so eine Anführerin, sie kümmern sich um die täglichen Angelegenheiten, sind gleichzeitig Pflegerinnen wider Willen.

Das System funktioniert, wenn auch unter unwürdigen Lebensbedingungen. Die Bewohnerinnen finden durch die festen Bezugspersonen eine Art Alltag, einen sozialen Zusammenhalt. Sie sitzen in den kleinen Höfen zwischen den Hütten zusammen, kochen gemeinsam, erzählen Geschichten aus ihren Dörfern oder dösen vor sich hin. Sie teilen ihr Essen, die Solidarität unter den Verstoßenen ist groß.

Die Menschen aus dem Ort Gambaga verkaufen Snacks im Camp, sie fühlen sich von den mutmaßlichen Hexen nicht bedroht

Die Menschen aus dem Ort Gambaga verkaufen Snacks im Camp, sie fühlen sich von den mutmaßlichen Hexen nicht bedroht

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
In der Mittagshitze halten viele Bewohnerinnen und Bewohner ein Schläfchen

In der Mittagshitze halten viele Bewohnerinnen und Bewohner ein Schläfchen

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Viele Bewohnerinnen verlieren zunehmend ihre Erinnerung, einige wissen nicht, wie lange sie bereits hier leben

Viele Bewohnerinnen verlieren zunehmend ihre Erinnerung, einige wissen nicht, wie lange sie bereits hier leben

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Kinderzeichnungen an einer Wand im Hexencamp

Kinderzeichnungen an einer Wand im Hexencamp

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Eine Bewohnerin legt Getreide zum Trocknen aus, später wird es zu Mehl verarbeitet

Eine Bewohnerin legt Getreide zum Trocknen aus, später wird es zu Mehl verarbeitet

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Für manche ist Gambaga buchstäblich die letzte Rettung. Memune Jadan besitzt nichts, außer die Klamotten, die sie am eigenen Leib trägt. Ihr Blick ist fester als der vieler anderer Bewohnerinnen und Bewohner, sie ist trotz ihres hohen Alters noch gut bei Kräften. Jadan ist nicht auf den Mund gefallen, vielleicht wurde ihr das zum Verhängnis. »Bei mir im Dorf wurde sich oft über alte Leute lustig gemacht, sie wurden manchmal sogar geschlagen«, erzählt sie.

Es gibt inzwischen ganze Forschungsarbeiten zu den Hexenprozessen und der Frage, warum vor allem alte Frauen beschuldigt werden. Eine Erklärung lautet: Vor der Kolonialzeit hatten sie wichtige Rollen in der Gemeinschaft inne, sie waren respektiert und geehrt. Doch als mit der Ankunft der Missionare und englischen Truppen das soziale System implodierte, verloren die Rentnerinnen ihre Stellung im Dorf. Junge Männer wurden immer mächtiger, und Frauen vor allem nach dem Tod ihrer Partner zur leichten Beute.

Memune Jadans Schicksal nahm in der Kirche ihren Lauf. Eine dieser lauten Freikirchen, in denen der Teufel ausgetrieben wird und Pastoren in Mikrofone schreien. Nichts für Jadan, sie blieb diesem Treiben lieber fern. Doch ein paar Hundert Meter von ihrem Haus entfernt rollte sich eines Sonntags eine Frau vor dem Altar auf dem Boden, sie sei von bösen Geistern besessen, und dann nannte sie den Namen der mutmaßlichen Täterin: Memune Jadan. Es dauert nicht lange, da zog ein Mob mit Macheten zur Hütte der Seniorin.

»Sie schrien, dass sie mich abschlachten wollen. Ich hielt das erst für einen Witz, doch dann kamen sie durchs Tor und wollten in mein Haus eindringen«, erinnert sich Jadan. Über eine Mauer im Garten konnte sie in letzter Minute fliehen. In diesem Moment war ihr klar: Gambaga war ihre einzige Option. Acht Tage lang sei sie gelaufen, habe am Wegesrand geschlafen, unterwegs so gut wie nichts gegessen. Als sie im Camp ankam, brach sie zusammen. Drei Wochen ist das her, inzwischen ist sie zu Kräften gekommen, sie lacht wieder häufiger. Vielleicht ist Gambaga die letzte Station in ihrem Leben: »Ich kann nicht mehr zurück. Das würde meine Kinder in Gefahr bringen«, sagt Jadan.

Die Zurückgekehrte

Es hat sich vieles verändert in den zwölf Jahren, doch Konduuk Labik hat ihren Stuhl exakt an dieselbe Stelle geschoben, wo er immer stand: direkt neben der Tür, mit Blick auf den Innenhof. So kann sie alles genau beobachten: Wer hereinkommt, wo die Hühner hinlaufen, was ihre Enkel treiben. Jahrelang saß sie nicht mehr auf diesem Platz, nachdem sie als mutmaßliche Hexe aus ihrem Dorf vertrieben worden war. Nun ist sie zurück in ihrem Dorf, »reintegriert«, wie Camp-Manager Obed Yobe sagt.

Konduuk Labik ist wieder in ihrer vertrauten Umgebung

Konduuk Labik ist wieder in ihrer vertrauten Umgebung

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL
Zwölf Jahre lang hat sie im Hexencamp gelebt, nun durfte sie nach Hause zurückkehren

Zwölf Jahre lang hat sie im Hexencamp gelebt, nun durfte sie nach Hause zurückkehren

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

»Sie isst so unglaublich viel, selbst wenn wir viermal am Tag für sie kochen würden, wäre der Teller jedes Mal leer«, lacht Labiks Sohn Patrick. Er sitzt neben seiner Mutter, wenn sie aufstehen will, reicht er ihr den Gehstock. Im Camp hatte die 82-Jährige einen Schlaganfall, ist seither halbseitig gelähmt. Das war der Moment, als ihre Söhne sagten: So geht es nicht mehr.

Gemeinsam mit Obed Yobe und seinem Team haben sie alle Hebel in Bewegung gesetzt. Es ist sehr kompliziert, eine Hexe wieder nach Hause zu bringen. Zunächst muss der Chief des Heimatdorfes zustimmen und die Familie der beschuldigten Hexe mit dem angeblichen Hexenopfer an einen Tisch bringen. Alle müssen zustimmen. Bei Konduuk Labik ist das geglückt, die Beteiligten hatten wohl Mitleid mit der gesundheitlich schwer angeschlagenen Frau. »Ich bin so glücklich. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, eines Tages wieder bei meiner Familie zu sein«, sagt sie selbst.

Einige ihrer Symptome hätten sich schon gebessert, seit sie wieder in der vertrauten Umgebung lebt, berichten die Söhne. Sie vergesse weniger, sie sei seltener verwirrt und erkenne die Enkel wieder. Sogar ein Spaziergang sei manchmal wieder drin, wenn auch sehr langsam. Doch um dauerhaft bleiben zu dürfen, fehlt noch ein Schritt: die spirituelle Reinigung.

Kein angenehmes Thema für Obed Yobe. Er, der Kirchenmann, würde auf diesen Prozess lieber verzichten, doch kaum eine Dorfgemeinschaft akzeptiert die Rückkehr einer Hexe ohne dieses Ritual, durchgeführt vom Sohn des Chiefs in Gambaga, dem Hexenbezwinger. Der Beschuldigten werden oft die Haare geschoren, sie muss aus einer Kalebasse spirituell behandeltes Wasser trinken. Das Problem ist der Preis: Die Familie des Chiefs lässt sich die »Purifikation« teuer bezahlen, bis zu 70 Euro kann das Ritual kosten. Die Angehörigen der meisten Frauen im Camp können sich das schlicht nicht leisten. Auch Labiks Söhne sparen noch, immerhin darf ihre Mutter vorerst bei ihnen bleiben.

Dorfszene in Gambaga

Dorfszene in Gambaga

Foto: Lee-Ann Olwage / DER SPIEGEL

Ghanas Regierung wollte die Hexencamps im Land schon einige Male schließen, sie betrachtet das Treiben der Chiefs mit Misstrauen, kritisiert die schlechten Lebensbedingungen. Doch nie wurde das Vorhaben umgesetzt, denn wo sollen die Beschuldigten sonst hin?

Obed Yobe ist sich sicher: Nur Aufklärung in den Dörfern hilft. Früher haben sie das oft gemacht, sind zusammen mit einem Krankenpfleger umhergezogen, haben über die Symptome des Älterwerdens gesprochen und erklärt, dass vermeintliche Magie oft medizinisch zu erklären ist – sowohl die Krankheiten der vermeintlichen Hexenopfer als auch das Verhalten der vermeintlichen Hexen. »Danach ging die Zahl der Hexenprozess in diesen Dörfern zurück, es war ein großer Erfolg«, erinnert sich Yobe.

Doch inzwischen fehlt dafür das Geld. Viele kirchliche Organisationen haben sich zurückgezogen, sie wollten nicht mit schwarzer Magie in Verbindung gebracht werden. Auch andere Hilfsorganisationen lassen lieber die Finger von dem heiklen Thema. »Aber ohne unsere Aufklärungskampagnen in den Dörfern werden wir die Camps nie schließen können«, fürchtet Yobe.

Dann muss er weiter, es ist gerade wieder jemand angekommen. Die Hühner werden schon vorbereitet.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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