US-Auslieferungsgesuch an Berlin Der russische DJ und ein Millionenverdacht

Denis Kaznatschejew sitzt in Berlin in U-Haft. Die USA werfen dem Musiker vor, im Darknet Hunderte Millionen Dollar gewaschen zu haben - und fordern seine Überstellung. Seine Freunde glauben an eine Verwechslung.
Denis Kaznatschejew, DJ aus Tobolsk, einer Kleinstadt östlich des Urals in Sibirien

Denis Kaznatschejew, DJ aus Tobolsk, einer Kleinstadt östlich des Urals in Sibirien

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Rotate/ Denise Gluck

Als sie am 27. Mai telefonierten, lachten sie noch miteinander. Kirill Golikow und Denis Kaznatschejew sind DJs, der eine lebt in Moskau, der andere, Kaznatschejew, in Berlin. Beide hatten wegen des Coronavirus keine Auftritte mehr. "Geld gibt es nicht. Wir müssen irgendetwas dagegen tun", scherzten sie am Telefon. Irgendwie werde schon alles gut werden. So erinnert sich Golikow an das Gespräch mit seinem Freund.

Zwei Tage später wurde Kaznatschejew festgenommen, inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Moabit. Die US-Behörden werfen dem Russen Betrug und Geldwäsche vor, es geht dabei nach SPIEGEL-Informationen um Hunderte Millionen Dollar.

Die USA fordern von Deutschland, Kaznatschejew auszuliefern. Moskau warnte Berlin bereits vor einem solchen Schritt: "Inakzeptabel" wäre der, man werde entschieden versuchen, dies zu verhindern, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums.

Die Justizvollzugsanstalt Moabit in Berlin

Die Justizvollzugsanstalt Moabit in Berlin

Foto: Joko/ imago images

Den Haftbefehl gegen Kaznatschejew hat das Bundesbezirksgericht in Maryland am 9. Dezember 2019 ausgestellt, er liegt dem SPIEGEL vor. Kaznatschejew wird vorgeworfen, seit 2010 seine Dienste als Geldwäscher im Darknet angeboten zu haben. Für russische Cyberkriminelle soll er allein im Zeitraum von zwei Jahren über eine der Seiten dort 310 Millionen Dollar gewaschen haben, heißt es in den US-Dokumenten, die Kaznatschejews Anwalt, Jonathan Burmeister, vorliegen.

Das Geld stamme aus Hackerangriffen, Diebstahl von Kreditkarten, Personendaten und Identitäten, schreiben die amerikanischen Behörden. Der Russe soll das "schmutzige" digitale Geld im Darknet in legale Mittel umgewandelt und seinen Auftraggebern bar oder per Überweisung auf Digital- und Bankkonten übermittelt haben. Als Provision habe Kaznatschejew 3,1 bis 15,5 Millionen Dollar erhalten. Und das sei nur ein Bruchteil der Summen, die im Raum stünden. Denn der Russe soll auch über andere Darknet-Seiten Geld gewaschen haben.

Das zuständige Berliner Kammergericht ordnete wegen Fluchtgefahr Auslieferungshaft für Kaznatschejew an.

"Der wusste nicht einmal, wovon er zuletzt seine Miete bezahlen sollte"

Anwalt Burmeister weist im Namen seines Mandanten alle Vorwürfe zurück, Kaznatschejew sei unschuldig. Dass die Straftaten begangen wurden, hält der Jurist für wahrscheinlich - allerdings nicht durch den DJ. "Der wusste nicht einmal, wovon er zuletzt seine Miete bezahlen sollte", sagt Burmeister. "Und dann soll er Betrug in diesem Millionen-Umfang betrieben haben?" Das passe nicht zusammen. Wurden Kaznatschejews Daten und Fotos benutzt, um die Straftaten zu begehen? Sein Anwalt glaubt das.

Kaznatschejew habe vor Jahren auf Bitten eines russischen Freundes in dessen Namen ein Bankkonto eröffnet, dann nie wieder etwas davon gehört, schildert Burmeister die Angaben seines Mandanten. Ist dieses Konto mit Grund für die Festnahme?

Die US-Behörden äußern sich nicht zu dem Fall: Das US-Justizministerium lehnte auf SPIEGEL-Anfrage eine Stellungnahme ab; das Gericht in Maryland wollte das Bestehen eines Verfahrens gegen Kaznatschejew "weder bestätigen noch dementieren". Ein Sprecher der Berliner Generalstaatsanwaltschaft bestätigte lediglich, dass der Russe am 29. Mai "für die US-Justizbehörden" festgenommen wurde; wegen weiterer Angaben verwies er auf das US-Justizministerium.

Polizisten beschlagnahmten zwei Computer des DJ, einen Router, sein Handy und den Reisepass. Mit dabei in der Wohnung des Russen in Lichtenberg waren auch Beamte des Secret Service, sie befragten den Russen später. Kaznatschejew gab ihnen seinem Anwalt zufolge die Zugänge zu seinen Computern und Telefon, machte Angaben zu dem Freund mit dem Konto. Er habe nichts zu verbergen, hofft, dass er nicht ausgeliefert wird.

"Ein Pechvogel"

Kaznatschejews Freunde und Bekannte beschreiben ihn als gutmütig und als Person, die mit dem Kopf stets woanders sei: bei seiner Musik. Vor einigen Monaten hatte Kaznatschejew seinen Pass in Vietnam verloren. "Er ist einfach ein Pechvogel", sagt Denise Gluck. Sie ist Agentin beim Label Rotate, bei dem der DJ seit fünf Jahren unter Vertrag steht. Sie glaubt, dass eine Verwechslung vorliegt.

"Denis lebt für seine Musik, seine Auftritte, das ist sein Leben", sagt Gluck. Er trete in kleinen Klubs und auf Festivals in Südafrika auf, in Europa, Russland und Asien. In den USA sei er nicht so häufig gewesen, zuletzt 2017. Im Monat habe er um die 2000 Dollar verdient.

Auch mit seinem Freund Golikow war er unterwegs, etwa auf Bali. Sie hatten sich in Moskau kennengelernt, wo Kaznatschejew damals lebte. Geld habe er nie viel gehabt, erinnert sich der 32-jährige Golikow. Manchmal, wenn es mau lief, habe er sich ein paar tausend Rubel geliehen, für Essen oder um mit seinem Sohn Zeit zu verbringen, der bei der Mutter in Italien lebt. Kaznatschejew - ein Cyberkrimineller? Das sei für ihn und viele andere kaum zu glauben, sagt Golikow.

Seit etwa einem Jahr lebte Kaznatschejew fest in Berlin, vorher pendelte er zwischen Moskau und Deutschland. Deutsch spricht er bisher kaum. Geboren ist er in Tobolsk, einer Kleinstadt östlich des Urals in Sibirien. Anastasija Selyanina, eine Freundin aus Moskau, derzeit bei Kaznatschejew zu Besuch und wegen der Coronakrise nicht nach Russland zurückgekommen, war bei der Festnahme dabei. "Denis war schockiert, als ihm auf Englisch erklärt wurde, was ihm vorgeworfen wird. Er verstand die Welt nicht mehr", sagt die 24-Jährige.

Techno-Protest

Gemeinsam sammeln Unterstützer im Internet  Geld für den Verhafteten, um seine Anwaltskosten und Miete bezahlen zu können. Mehr als 9500 Euro sind zusammengekommen. Am Wochenende demonstrierten Unterstützer vor dem Gefängnis. Sie spielten Techno; "Befreit Denis", stand auf einem Banner.

Mehr als 21.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, in der von einem "schrecklichen Fehler" die Rede ist und der Stopp von Kaznatschejews Auslieferung in die USA gefordert wird. Der DJ will nun auch die russische Botschaft einschalten.

Kirill Golikow hofft, dass sich alles sehr bald aufklärt, sein Freund schnell freikommt. Doch ganz so zügig wird das nicht gehen. Bis zu 60 Tage haben die US-Behörden nach der Festnahme Zeit, das Auslieferungsersuchen für Kaznatschejew formell zu übergeben.