Vermessung der globalen Psyche nach zwei Jahren Pandemie So geht es uns

Psychische Krankheiten haben sich weltweit nahezu verdoppelt, auch Suizide haben zugenommen, vor allem unter jungen Menschen: Was die Pandemie in aller Welt mit uns gemacht hat – und was jetzt hilft.
Von Nicola Abé, Lena Greiner, Heiner Hoffmann, Jan Petter und Maria Stöhr, São Paulo, Hamburg, Nairobi und Bangkok
Junge am Fenster einer Schule in Kenias Hauptstadt Nairobi

Junge am Fenster einer Schule in Kenias Hauptstadt Nairobi

Foto: Donwilson Odhiambo / SOPA / LightRocket / Getty Images
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Charlies Finger zupfen an den etwas zu langen Ärmeln ihres olivgrünen Pullovers. Über ihren Schultern hängen rote Kopfhörer, bereit zum Einsatz. Musik ist Ad-hoc-Therapie für die 28-Jährige, die geräuschreduzierenden Ohrstöpsel versetzen sie bei Bedarf in eine andere Welt, immer wenn die Angst kommt.

Charlie Khisa aus Kenias Hauptstadt Nairobi litt unter einer schweren Depression, jetzt kämpft sie noch mit Angststörungen. »In der Pandemie wurden die Angstzustände stärker, denn ich wusste nicht mal, ob es am nächsten Tag meinen Job noch geben würde«, erzählt sie. Dicht neben ihr auf dem belebten Gehweg steht ihre Schwester, sie ist seit Beginn der Erkrankung stets an Charlies Seite. Doch Charlie ist nicht nur Patientin, sie ist auch ein »Champion«. So nennen sich die Teilnehmer eines Programms der NGO Basic Needs Kenia.

Charlie Khisa: »In der Pandemie wurden die Angstzustände stärker«

Charlie Khisa: »In der Pandemie wurden die Angstzustände stärker«

Foto: privat

Die Champions gehen auf öffentliche Plätze, laufen Straßen ab, sprechen in Turnhallen. Indem sie über ihre eigenen psychischen Probleme reden, wollen sie andere Betroffene ermutigen, sich auch Hilfe zu suchen. »Seit Beginn der Pandemie kommen viel mehr Leute auf uns zu und erzählen von ihren Symptomen«, sagt Charlie. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leidet in Kenia mindestens jede zehnte Einwohnerin und jeder zehnte Einwohner an einer psychischen Erkrankung. Präsident Uhuru Kenyatta warnte im Parlament vor einem »unglaublichen Anstieg der Fälle« aufgrund der Coronapandemie. Eine von der Regierung eingesetzte Taskforce fordert gar, den Gesundheitsnotstand auszurufen.

Zwei Jahre Pandemie. Zwei Jahre Angst, Verlust, Verzicht. Was hat diese Zeit mit den Menschen gemacht, überall auf der Welt? Wie kommen sie klar? Wie gehen Gesellschaften mit dem Coronatrauma um?

Charlie Khisa (r.): Ihre Schwester (M.) ist ständig an ihrer Seite, seitdem ihre Angstzustände in der Pandemie schlimmer wurden

Charlie Khisa (r.): Ihre Schwester (M.) ist ständig an ihrer Seite, seitdem ihre Angstzustände in der Pandemie schlimmer wurden

Foto: Heiner Hofmann / DER SPIEGEL

»Metaanalysen zeigen, dass sich Symptome der Depression, Angst- und Schlafstörung sowie der posttraumatischen Belastungsstörung in der Pandemie weltweit durchschnittlich mehr als verdoppelt haben«, sagt Meryam Schouler-Ocak, Professorin für Interkulturelle Psychiatrie und Leitende Oberärztin in der Psychiatrischen Uniklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus.

Auch suizidales Verhalten habe sich während der Pandemie weltweit deutlich erhöht, unter anderem auch bei Studierenden. Schouler-Ocak führt das auf die Isolation und Vereinsamung zurück, insbesondere bei jungen Menschen, die fürs Studium ins Ausland oder eine andere Stadt gegangen sind. »Menschen brauchen Beziehungen, Kontakte, Berührungen. Wenn das alles wegfällt, leiden sie.« Auch Zukunftsangst trägt zur Verzweiflung bei; so ist Selbstmord etwa unter jungen Männern in Spanien  zur häufigsten Todesursache geworden. Andere wiederum litten unter der neuen Enge zu Hause: Auch unter Kindern und Jugendlichen stiegen Suizidgedanken, -versuche und Selbstverletzungen.

Mit Laptop und Maske auf dem Bett, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im TV: Junge Frau während der Pandemie

Mit Laptop und Maske auf dem Bett, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im TV: Junge Frau während der Pandemie

Foto: Stephane Ferrer / Hans Lucas / IMAGO

Um sich zu erholen, neue Kraft zu schöpfen und Krisen gut zu überstehen, braucht es Resilienz. Doch auch die habe durch die On-off-Maßnahmen Schaden genommen, so Schouler-Ocak: »Ungewissheit macht krank, Menschen brauchen eine Zukunftsperspektive. Das kennen wir von Geflüchteten, die schlimmste Dinge erlebt haben, aber weiterhin funktionieren, wenn sie hier ankommen. Nur wenn sie dann auf engstem Raum in vollen Erstunterkünften zum Nichtstun verdammt werden und das noch auf unbestimmte Zeit, klappen sie zusammen.«

Auch Bhramar Mukherjee, eine indisch-amerikanische Biostatistikerin an der Universität Michigan, beschäftigt sich mit den Folgen der Pandemie für die mentale Gesundheit. Sie sagt: »Die Pandemie hat ein Generationentrauma verursacht.«

In stark traumatisierten Gesellschaften ist die Impfbereitschaft höher

Es macht dabei allerdings einen großen Unterschied, in welchem Land und unter welchen Umständen jemand die Pandemie erlebt hat. Je schlimmer das Virus gewütet hat, die Krankenhäuser überlastet und je härter die Lockdowns waren, desto stärker können die psychischen Nachwirkungen sein.

In der indischen Gesellschaft sitze das Trauma aus dem vergangenen Mai tief. »Für viele war das eine Zeit, geprägt von Verlust und Trauer«, so Mukherjee. Jetzt, während der steigenden Omikron-Kurve, würden Erinnerungen wach an das vergangene Frühjahr, als nichts mehr im Gesundheitswesen funktionierte – als Todkranke nicht versorgt geschweige denn in ein Krankenhaus gelassen wurden.

Indien im Frühjahr 2021: Eine Covid-Patientin wird in einem Auto mit Sauerstoff versorgt

Indien im Frühjahr 2021: Eine Covid-Patientin wird in einem Auto mit Sauerstoff versorgt

Foto: Altaf Qadri / dpa

»Gerade die zweite Welle hat unauslöschliche Spuren im Leben und im Bewusstsein der Menschen hinterlassen«, sagt sie. »Jeder von uns hat jemanden verloren, der uns nahestand. Die meisten hatten keine Gelegenheit, sich von ihren Liebsten zu verabschieden.« Viele in Indien, so die Wissenschaftlerin, hätten in der Coronakrise bereits so viel ertragen müssen, dass alles, was nun noch obendrauf komme, schwer auszuhalten sei: Jobverlust, Abrutschen in Armut, Depression, Hunger.

»Gleichzeitig beobachten wir, dass in Gesellschaften mit hohen traumatischen Erfahrungen zu Pandemiebeginn die Impfbereitschaft höher ist; der gesellschaftliche Zusammenhalt wirkt stärker«, sagt die Berliner Psychiaterin Meryam Schouler-Ocak.

Im schicken Viertel Palermo von Buenos Aires öffnet Aida Niborski, 68, die Tür zu ihrer kleinen Praxis. Die Psychoanalytikerin mit den welligen Haaren fällt den Gästen um den Hals: »Weil Umarmungen elementar sind«, sagt sie und lächelt. In Argentinien hat die klassische Psychoanalyse eine lange Tradition. Zum Therapeuten zu gehen, gilt als völlig normal. Das Land und vor allem die Hauptstadt hat mit die höchste Therapeutendichte pro Kopf weltweit.

Niborski setzt sich auf ein rotes Sofa, normalerweise nehmen dort ihre Patientinnen und Patienten Platz. Doch seit der Pandemie arbeitet die Therapeutin fast nur noch online. Zu den allermeisten ihrer Patienten konnte sie trotzdem den Kontakt halten. Es sind auch neue hinzugekommen – schließlich sind psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst-, Schlaf- oder Essstörungen auch in Argentinien während der Coronakrise stark angestiegen . Das Land verhängte einen der längsten und härtesten Lockdowns weltweit – und konnte dennoch heftige Krankheitswellen mit vielen Todesfällen nicht verhindern.

Aida Niborski: »Die Probleme, die schon da waren, haben sich während der Pandemie verstärkt«

Aida Niborski: »Die Probleme, die schon da waren, haben sich während der Pandemie verstärkt«

Foto: Anita Pouchard Serra / DER SPIEGEL

»Die Probleme, die schon da waren, haben sich während der Pandemie verstärkt«, sagt Niborski. Bei ihrer Arbeit als Analytikerin gehe es oft darum, dass Patienten lernten, Grenzen zu setzen und ihren Raum zu verteidigen. In der Situation des Lockdowns sei das besonders für Jugendliche sehr schwierig gewesen. »Sie konnten ihre Privatsphäre nicht erhalten«, sagt Niborski, »durch die physische Nähe zu den Erwachsenen, die sich praktisch immer zur selben Zeit im selben Raum befanden, sind die äußeren Grenzen weggefallen.« Es gehe dann darum, den fehlenden äußeren Abstand nicht mit dem inneren zu verwechseln – und sich innerlich abzugrenzen.

»Auch für Paare war es eine harte Zeit«, sagt Niborski. Viele Konflikte seien geradezu eskaliert in der Situation der permanenten Nähe. Viele hätten sich getrennt. Häusliche Gewalt nahm weltweit massiv zu.

Doch Niborski sieht auch das Positive, wie in diesem Fall: »Ein Paar in meiner Behandlung hatte wirklich keine gute Beziehung und ständig Streit«, erzählt sie. Für die beiden sei die Pandemie eine Chance gewesen. Durch die viele gemeinsam verbrachte Zeit und das Fehlen von Ablenkung seien sie sich wieder nähergekommen, hätten Verständnis füreinander aufbauen können und es geschafft, alte Konflikte zu lösen. »Sie sind noch immer zusammen«, sagt Niborski und sieht ein wenig stolz aus.

Kinder in Buenos Aires: Der harte Lockdown war besonders für Jugendliche schwierig, monatelang fand kein Präsenzunterricht statt – und die Eltern waren ständig zu Hause

Kinder in Buenos Aires: Der harte Lockdown war besonders für Jugendliche schwierig, monatelang fand kein Präsenzunterricht statt – und die Eltern waren ständig zu Hause

Foto: Anita Pouchard Serra / DER SPIEGEL

Auch in Frankreich haben psychische Probleme seit der Pandemie zugenommen. Jeder Zehnte dachte laut einer Umfrage der Gesundheitsagentur Santé publique im vergangenen Jahr an Suizid. »Die Menschen stehen unter Strom«, sagt die klinische Psychologin Emily Chevry aus dem ostfranzösischen Belfort. »Sie müssen sich ständig anpassen und um sich selbst sorgen.« Die Pandemie habe viele individualistischer gemacht, auch Kinder. »Die Patienten wissen schon in jungen Jahren nicht mehr, wie man in einer Gesellschaft lebt«, berichtet Chevry aus ihrem Alltag.

Als Reaktion auf die Probleme, insbesondere bei Kindern, kündigte Präsident Emmanuel Macron im vergangenen Jahr an, Psychotherapien künftig allen Bürgern ab drei Jahren kostenlos zugänglich zu machen, 800 zusätzliche Stellen zu schaffen. Bei leichten und mittleren Problemen sollen Krankenkassen künftig acht Sitzungen à 40 Minuten erstatten. Eine weltweit beachtete Ankündigung – auch wenn sich Psychologenverbände noch über die geringe Stundenanzahl und finanzielle Erstattung sorgen.

Für die Public-Health-Expertin Mukherjee ist es essenziell, dass auch ein Schwellenland wie Indien in der Post-Covid-Ära viel mehr in die mentale Gesundheit der Menschen investiert. Wo so viele Menschen von Krankheit und Tod betroffen waren und auch mit Langzeitfolgen der Infektion zu kämpfen haben, müsse es dringend Unterstützung geben. Nur so könne eine Gesellschaft über das kollektive Gefühl des Ausgeliefertseins hinwegkommen. Im Grunde, sagt sie, gelte das für alle Länder auf der Welt.

Wie in den meisten Ländern Subsahara-Afrikas herrscht auch in Kenia ein akuter Mangel an Therapieangeboten. Inzwischen hat das Land einen Aktionsplan erarbeitet, will Therapieplätze schaffen und die Behandlung einfacher als Kassenleistung abrechnen lassen. Doch von einer adäquaten Versorgung bleibt das Land noch weit entfernt. In der Zwischenzeit übernehmen Freiwillige wie Charlie Khisa einen Großteil der Arbeit.

Mädchen im Slum Kibera in Kenias Hauptstadt Nairobi

Mädchen im Slum Kibera in Kenias Hauptstadt Nairobi

Foto: Donwilson Odhiambo / SOPA / LightRocket / Getty Images

Gemeinsam sitzt sie jetzt mit den anderen Champions der NGO Basic Needs an einem großen Tisch zusammen, sie reden über ihre Begegnungen mit Hilfe suchenden Menschen. Die Geschichten klingen schockierend: Ein Paar habe erzählt, dass es sich nur noch mit geladener Waffe im Haus bewegen würde – aus Angst vor einem Angriff des jeweils anderen.

Und doch berge die Pandemie auch Chancen, sagt Programmleiter Eugene Wanekeya: »Früher wurden psychische Erkrankungen hierzulande oft als Fluch abgetan, den ein missgünstiger Verwandter ausgesprochen habe. Inzwischen ist das Thema so präsent, dass offener darüber gesprochen wird.«

»Unsere Gesellschaften haben sich als widerstandsfähig und stark erwiesen, trotz allem.«

Public-Health-Expertin Bhramar Mukherjee

Einen großen Sprung nach vorn hat auch die digitale Medizin gemacht, unter anderem mit Onlinetherapien zur Depressionsbehandlung. So haben sich in Nordafrika in der Pandemie mehr als 180 Psychotherapeuten und -therapeutinnen zusammengeschlossen , um weltweit auf Arabisch Onlinetherapiestunden anzubieten.

Wie können Menschen sonst tun, um klarzukommen? Was hilft?

»Wir müssen uns um unsere Psyche kümmern«, sagt Bhramar Mukherjee. »Dinge tun, die uns Spaß machen, uns guttun. Vor allem dann, wenn sich die Infektionskurve gerade in einem Tal befindet.« Ob Omikron wirklich das Endspiel der Pandemie sei, könne niemand wissen. Fest steht für die Public-Health-Expertin: »Die Auswirkungen der Pandemie werden noch sehr lange zu spüren sein. Die Menschheit hat vor Augen geführt bekommen, wie zerbrechlich sie ist.«

»Die Menschheit hat vor Augen geführt bekommen, wie zerbrechlich sie ist.«

»Die Menschheit hat vor Augen geführt bekommen, wie zerbrechlich sie ist.«

Foto: Stephane Cardinale / Corbis / Getty Images

Doch es gebe auch eine gute Nachricht: »Unsere Gesellschaften haben sich als widerstandsfähig und stark erwiesen, trotz allem; das ist der Grund, warum wir durchgehalten haben.«

Nun gelte es, nicht einfach weiterzuhetzen, sondern innezuhalten, um die globale Tragödie zu verarbeiten. Die vergangenen zwei Jahre seien fast wie Science-Fiction gewesen, es sei viel über Wissenschaft gesprochen worden, sagt Mukherjee.

Aber jetzt, um zu heilen, sollten wir auch Kraft aus der Kunst, der Musik, dem Kino, der Poesie, der Malerei ziehen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.