Wahlen in Frankreich Der neue Präsident ist der alte

Am Ende ist sein Vorsprung doch deutlich: Laut ersten Hochrechnungen hat Emmanuel Macron die französische Präsidentschaftswahl mit 58 Prozent der Stimmen gewonnen. Die Zahl der Enthaltungen ist historisch hoch.
Aus Paris berichten Britta Sandberg und Leo Klimm
Kandidat Macron bei seinem letzten Wahlkampfauftritt diese Woche in Figeac, Südfrankreich

Kandidat Macron bei seinem letzten Wahlkampfauftritt diese Woche in Figeac, Südfrankreich

Foto: GUILLAUME HORCAJUELO / EPA

Es ist kurz nach 20 Uhr, als auf den Großbildleinwänden auf dem Champ de Mars in Paris, wo sich die Anhänger Emmanuel Macrons für diesen Wahlabend versammelt haben, zwei Säulen mit einer ersten Hochrechnung der Wählerstimmen gezeigt werden. In den Großstädten Frankreichs haben die Wahllokale gerade erst geschlossen. Die Säule, die zu Emmanuel Macron gehört, zeigt 58,2 Prozent, jene von Marine Le Pen 41,8 Prozent. Es ist ein so eindeutiges Ergebnis, dass sich trotz der noch zu erwartenden, leichten Verschiebungen schon jetzt sagen lässt: Entgegen aller Befürchtungen, die nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen aufkamen, als die beiden Finalisten nur vier Prozentpunkte voneinander trennte, haben die Franzosen sich erneut und überraschend klar für Macron entschieden.

Damit ist nach dieser Wahl, die auch ein Schicksalsvotum für Europa war, der alte Präsident auch der neue: Emmanuel Macron, der Überraschungskandidat der Wahlen 2017, mittlerweile 44 Jahre alt, wird eine weitere Amtszeit aus dem Élysée heraus das Land führen. Die Gefahr einer Präsidentin Le Pen ist gebannt, auch für das EU-Partnerland Deutschland, wenngleich die rechtsextreme Kandidatin ihre Stimmen ausbauen und sich als zweite politische Kraft Frankreichs etablieren konnte.

Bleibt es bei diesem Ergebnis, dann waren die jüngsten Umfragen nah dran am letztendlichen Wahlergebnis. Die Erhebung, die das renommierte Ipsos-Institut mit über 12.000 Befragten am Freitag durchführte, ergab 56,5 Prozent der Wählerstimmen für Macron und 43,5 Prozent für Le Pen. In den letzten Wahlkampftagen schien sich das Kräfteverhältnis zwischen beiden Kandidaten eindeutig zugunsten Macrons zu festigen. Trotzdem, beziehungsweise gerade deswegen, warnte der Kandidat bis zum Schluss davor zu glauben, diese Wahl sei schon gelaufen, und rief dazu auf, zur Wahl zu gehen.

Präsident Emmanuel Macron mit seiner Frau Brigitte bei der Stimmabgabe in Le Touquet

Präsident Emmanuel Macron mit seiner Frau Brigitte bei der Stimmabgabe in Le Touquet

Foto: Gonzalo Fuentes / dpa

»Millionen von Menschen haben sich wenige Stunden vor dem Brexit-Votum auch gesagt, warum soll ich da eigentlich hingehen«, erklärte Macron in einem seiner letzten TV-Interviews vor dem, per Gesetz festgelegten »republikanischen Schweigen« bis zur Wahl. Aber diese Wahl, sagte Macron, sei nicht nur ein Referendum über die Zukunft Frankreichs, sondern auch eine Entscheidung über die Frage, welches Europa man haben wolle.

Minister der Regierung verbreiteten vor dem Wochenende ein Video von Ex-Präsident Jacques Chirac auf Twitter. In ihm hatte der Konservative vor genau 20 Jahren mit dramatischem Unterton an alle Wähler appelliert, sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu wenden mit ihrer Stimme. Damals stand Chirac in der Stichwahl gegen Jean-Marie Le Pen, den Vater Marine Le Pens. 82 Prozent der Franzosen stimmten 2002 für Chirac und damit vor allem gegen den Rechtsextremisten. Linke, die in ihrem Leben noch nie einen Konservativen gewählt hatten, gingen in Scharen zur Wahl; Le-Pen-Gegner demonstrierten in den Straßen von Paris. Das ist seit Langem vorbei.

Kandidatin Marine Le Pen bei der Stimmabgabe heute in Henin-Beaumont

Kandidatin Marine Le Pen bei der Stimmabgabe heute in Henin-Beaumont

Foto: Ian Langsdon / EPA

Wie sehr diese »Republikanische Front« gegen ganz Rechts bröckelt, wie wenig Angst Marine Le Pen und ihre Partei »Rassemblement National« (RN) den Franzosen noch machen, auch dafür steht das Wahlergebnis heute. Le Pen konnte ihren Stimmenanteil gegenüber 2017 um acht Prozent ausbauen und hat mit dem Ergebnis heute in Prozent achtmal so viel erreicht wie Valérie Pécresse, die Kandidatin der konservativen Republikaner, im ersten Wahlgang.

Insofern ist ihre Niederlage heute insgeheim auch ein Sieg für Le Pen. Sie gilt heute ungeachtet ihrer rechtsradikalen Positionen in Frankreich als Politikerin wie jede andere. Sie hat sich und ihren RN in der Parteienlandschaft fest etablieren können, sie hat den Konkurrenten und Rechtsaußen-Politiker Éric Zemmour hinter sich gelassen und ist Macron zwischenzeitlich gefährlich nah gekommen. Die so oft totgesagte Kandidatin ist noch ziemlich lebendig.

Zwei andere Zahlen zeigen, wie sehr das Beben der Wahl von 2017 noch nachwirkt und wie wenig sich viele Franzosen mit den beiden Kandidaten in diesem zweiten Wahlgang identifizieren konnten: 28 Prozent von ihnen haben sich laut ersten Hochrechnungen enthalten. Das wäre der höchste Stand seit 1969. Unbekannt ist noch, wie viele Franzosen ein »vote blanc« abgaben, einen bewusst ungültig gemachten Stimmzettel, der ein Zeichen des Protests sein soll. Sehr viele Anhänger des linksradikalen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, der im ersten Wahlgang auf 22 Prozent kam, hatten angekündigt, aus Protest ein »vote blanc« abzugeben.

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