Die Erde in sieben Karten So haben Sie die Welt noch nicht gesehen

In Kartogrammen zeigen wir die Erde in neuen Maßstäben: Wo sind die meisten Menschen geimpft? Welche Länder stoßen am meisten CO₂ aus? Wo leben die meisten HIV-Infizierten?
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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»Wer eine Weltkarte zeichnet, stellt die Welt nicht dar, wie sie ist. Der Zeichner, die Zeichnerin erschafft eine Welt.«

Das Zitat stammt von Jerry Brotton, einem Historiker aus Großbritannien. Er hat vor einigen Jahren ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben mit dem Titel: »Eine Geschichte der Welt in 12 Karten«. Darin zeigt er, dass, obwohl sich Menschen schon immer auf Karten verlassen haben und verlassen mussten – beim Navigieren, in Kriegen, auf Handelsrouten, bei der Google-Maps-Suche nach der nächsten U-Bahn –, keine Karte die pure Wirklichkeit abbildet.

Das eine Problem: Wie lässt sich eine Erdkugel zweidimensional abbilden? Viele schlaue Leute haben sich darüber den Kopf zerbrochen. Kein Entwurf hat es bisher ohne eine Verzerrung hinbekommen.

Dazu kommt aber auch die Perspektive des Kartografen, der Kartografin: Sie blicken von einem bestimmten Standpunkt, einem Auftrag auf die Welt. Jede Karte lässt etwas weg, überbetont etwas anderes. Zum Beispiel, dass Europa im Zentrum der Erde liegt, über Afrika thronend, größenmäßig verzerrt. Europa, der Mittelpunkt der Welt, das ist, was wir sehen, wenn wir auf eine Weltkarte blicken.

Aber hatten Sie schon mal eine Weltkarte in der Hand, die in chinesischen Buchläden verkauft wird? Da passt Europa, ganz oben links am Rand, gerade noch so drauf auf die Karte. In der Mitte der Karte liegt, Sie ahnen es: China.

Die Grafiken, die in diesem Text zu sehen sind, sind keine Karten, sondern Kartogramme. Sie wählen eine andere Perspektive. Länder werden nicht nach ihrer Größe abgebildet, sondern nach bestimmten Parametern – der Zahl von Covid-19-Impfungen, von Flüchtenden, des CO₂-Ausstoßes, der Bevölkerungszahl, nach HIV-Infizierten. Es handelt sich jeweils um absolute Zahlen. Manche Länder blähen sich übermäßig auf, andere schrumpfen oder verschwinden fast. Kartogramme irritieren den Blick, den wir von der Welt haben. In den sechs Grafiken dieses Textes rühren sie an Themen, die Menschen rund um den Globus betreffen und beschäftigen: die Klimakrise, die Pandemie, Krieg, Flucht.

Die Pandemie

Grafik Nummer eins zeigt ein sogenanntes Weltbevölkerungskartogramm: In welchen Ländern leben die meisten Menschen? Indien (1,3 Milliarden Menschen) und China (1,4 Milliarden) sehen darin aus wie die beiden mächtigen linken und rechten Lungenflügel der Erde. Die übrigen etwa fünf Milliarden Menschen verteilen sich auf den Rest der Welt. Nord- und Südamerika wirken, als hätte man einmal die Luft rausgelassen. Und huch, hat jemand Russland gesehen?

Nun könnte man sagen, dort, wo die meisten Menschen leben, wird der meiste Covid-19-Impfstoff gebraucht. Doch beim Blick auf die zweite Grafik sieht man: Die USA haben bereits fast so viele Dosen verabreicht wie Indien und China zusammen, nämlich mehr als 150 Millionen Dosen. In Europa sticht Großbritannien heraus, mit etwa dreimal so vielen Impfungen wie Frankreich oder Deutschland. Der afrikanische Kontinent existiert auf der Grafik praktisch nicht. In den meisten afrikanischen Ländern haben die Impfkampagnen, wenn überhaupt, gerade erst begonnen.

Das Coronavirus macht nicht an nationalen Grenzen halt. Aber die Pandemie trifft, auf lange Sicht, manche Regionen weitaus härter als andere. Der britische »Economist« hat vor Kurzem ausgerechnet, 85 Länder mit niedrigem Einkommen könnten womöglich erst 2023 damit beginnen, ihre Bevölkerung zu impfen .

Vor einigen Jahrzehnten gab es eine andere Krankheit, vor der sich die Welt fürchtete: Aids. Auch diese Krankheit konnte durch Medikamente in den Griff bekommen werden, in Europa fielen dadurch rasch die Todeszahlen – während in ärmeren Ländern die Menschen weiter an Aids starben, weil Medikamente dort unerschwinglich blieben. Das änderte sich zwar, nachdem sich Südafrika über Patentrechte hinwegsetzte, Generika auf den Markt brachte und in der Folge die Preise für Tabletten fielen.

Die Grafik Nummer drei zeigt jedoch: Die meisten Menschen, die mit dem HI-Virus infiziert sind, leben auf dem afrikanischen Kontinent. Krankheiten machen doch Halt an bestimmten Grenzen. Sie bleiben dort, wo Medikamente fehlen.

Klimakrise, Flucht, Hunger

»Die Regionen, die von der Klimakrise am meisten betroffen sind, sind nicht verantwortlich für die Verschmutzung der Atmosphäre. Dafür sind die Staaten im Norden verantwortlich. Die wollen aber nicht für die Schäden aufkommen, die sie verursachen.« Das Zitat stammt aus einem SPIEGEL-Interview der ehemaligen Premierministerin des Senegal, Aminata Touré. Durch die Klimakrise, sagt Touré, steigen Meeresspiegel an den Küsten, Landstriche werden überschwemmt. Menschen müssen ihre Heimat verlassen.

Ihre Beobachtung deckt sich mit dem Kartogramm Nummer vier. Es zeigt, wo weltweit wie viel CO₂ ausgestoßen wird.

Überproportional groß fallen die USA, China und Europa als Emissionäre ins Gewicht. Lateinamerika und Afrika wirken auf der Grafik unbedeutend.

Das nächste Kartogramm zeigt, aus welchen Ländern auf der Welt die meisten Menschen geflohen sind. Nach Fluchtgründen wird darin nicht unterschieden. Kriege und Konflikte, Gewalt, Armut, Verfolgung zählen genauso dazu wie die Folgen des Klimawandels.

Migrationsexperten  gehen aber davon aus, dass gerade Klimakatastrophen, Überschwemmungen und Dürren, angeheizt durch den weltweiten CO₂-Ausstoß, zunehmen werden. Dass dies Millionen Menschen in die Flucht treiben wird. Syrien, dieses kleine Land, wirkt nach zehn Jahren Bürgerkrieg  auf dem Kartogramm wie der alles überlagernde Alarmknopf der Welt. 6,6 Millionen Syrerinnen und Syrer waren Ende 2020 auf der Flucht.

Und in der Sahelzone schrumpfen schon jetzt die Lebensräume der Bevölkerung , viele Landstriche sind unbewohnbar und unbrauchbar geworden für die Landwirtschaft; nichts wächst mehr auf den Böden. Die Folgen: Hunger, Mangelernährung. Menschen sind gezwungen zu gehen.

Und, das zeigt Kartogramm Nummer sechs: Auch die Zahl mangelernährter Kinder weltweit konzentriert sich vor allem im Globalen Süden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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