Digitale Gewalt gegen Politikerinnen weltweit »Es ist ein organisierter Online-Lynchmob«

Sexuelle Gewalt, Erpressungen und Morddrohungen: Politikerinnen weltweit werden zunehmend attackiert. Die digitalen Hetzkampagnen sind besser organisiert als je zuvor – und drängen Frauen teils aus ihrem Beruf.
Von Nicola Abé, Heiner Hoffmann und Sonja Peteranderl, São Paulo, Nairobi und Berlin
Brasilianische Politikerin Manuela d'Ávila: Unzählige Mord- und Vergewaltigungsdrohungen

Brasilianische Politikerin Manuela d'Ávila: Unzählige Mord- und Vergewaltigungsdrohungen

Foto: Joédson Alves / EPA-EFE
Globale Gesellschaft

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»Women!«, ruft Editar Ochieng in den Raum. »Power!«, schallt es zurück. Die versammelten Frauen recken die Fäuste in die Höhe. An den Wänden prangen Graffiti wie »Black Women«, »Sisterhood« oder »Queer Lives«. Die Hütte, in der sie sich treffen, ist Begegnungszentrum und Wahlkampfzentrale zugleich – denn Editar Ochieng möchte in die Politik.

Vor knapp einem Jahr hat sie es schon einmal versucht. Ihr Wahlbezirk: der Slum Kibera in Kenias Hauptstadt Nairobi, berüchtigt in ganz Afrika. Die meisten Einwohner hier haben nur einen Grundschulabschluss, sind streng religiös und traditionell aufgewachsen.

Editar Ochieng will in die Politik – obwohl sie deswegen bedroht wird

Editar Ochieng will in die Politik – obwohl sie deswegen bedroht wird

Foto: Heiner Hoffmann

Kindererziehung, kochen, Wäsche waschen: Das ist die Rolle der Frau in Kibera. In diesem Umfeld wollte Ochieng Parlamentsabgeordnete werden. Ochieng: die Feministin, LGBTQI-Aktivistin, Atheistin und Religionskritikerin. Sie kandidierte für eine kleine, unabhängige Partei.

Die Drohungen und Beleidigungen kamen schnell: »Es waren die Klassiker: Heirate erst mal. Die Frau gehört an den Herd«, erzählt Ochieng. Doch dann eskalierte es. Der Sohn des Ex-Premierministers wurde auf ihre Kandidatur aufmerksam. Er verunglimpfte sie auf Twitter als »Nullnummer« – und drohte, er werde sie »nicht in Frieden kandidieren lassen«.

In sozialen Netzwerken erhielt Ochieng daraufhin vermehrt Drohungen und Hassnachrichten, die sich gegen ihr Geschlecht oder gegen ihre arme Herkunft richteten. »Klar, hatte ich Angst«, erinnert sich die 32-Jährige. »Ich habe Kinder, die zur Schule laufen. Ihre Sicherheit war meine größte Sorge.«

Digitale Gewalt als politische Waffe

Die Kenianerin ist mit ihrer Angst nicht allein: Auf der ganzen Welt sind Politikerinnen Hass, Drohungen und Gewalt ausgesetzt – offline und online.

Der Frauenanteil in Parlamenten  und anderen politischen Institutionen ist in vielen Ländern zwar gestiegen, doch Politik wird bis heute weltweit mehrheitlich von Männern gestaltet. Wer in diese Domäne vordringen will, zahlt oft einen hohen Preis: In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Einschüchterungen und Übergriffe gegen Politikerinnen bekannt .

Auch die digitale Gewalt gegen Frauen steigt – und der Onlinehetze folgt oft Gewalt im echten Leben (lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory »Feindbild Frau«).

Angreifer nutzen vermehrt das Handy oder Internet, um ihre Opfer gezielt zu beleidigen, zu bedrohen, zu erpressen, zu isolieren oder fertigzumachen. Social Media ist einer Studie  zufolge heute Hauptschauplatz von psychologischer Gewalt gegen Politikerinnen, Attacken verbreiten sich dort exponentiell.

Für die aktuelle Titelgeschichte hat der SPIEGEL alle 222 weiblichen Mitglieder des Bundestags gefragt, ob und wie sie Frauenfeindlichkeit erleben. 69 Prozent der Politikerinnen sagten, sie erlebten »frauenfeindlichen Hass als Bundestagsabgeordnete«. 64 Prozent erhielten bereits Hassnachrichten, meist online – und 22 Prozent der Frauen erlebten Angriffe auf sich, ihre Büros, ihre Wohnung oder ihr Haus.

Aus: DER SPIEGEL 7/2021

Tödlicher Hass

Frauenfeindlichkeit im Internet nimmt zu. In offene und geschlossenen Foren fantasieren Männer davon, Frauen zu quälen, zu demütigen und zu vergewaltigen. Immer öfter überträgt sich die Gewalt in die Realität. Mörder und Terroristen töten, weil sie Frauen hassen. In einer SPIEGEL-Umfrage fordern Bundestagsabgeordnete schärfere Gesetze und berichten, wie Hass und Hetze gegen sie selbst dramatisch zugenommen hat.

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Auch international machen politisch aktive Frauen solche Erfahrungen: Bei Befragungen der Interparlamentarischen Union (IPU) berichteten 58 Prozent der interviewten europäischen  Politikerinnen und mehr als 40 Prozent der internationalen Abgeordneten von negativen Erfahrungen in sozialen Medien. »Amnesty International India« hat die an 95 indische Politikerinnen gerichteten Tweets analysiert – jede siebte Botschaft war problematisch oder beleidigend. »Je sichtbarer eine Politikerin ist, desto stärker wird sie belästigt«, heißt es in der Studie .

Teils werden online auch private Fotos von Politikerinnen mit Nacktaufnahmen und Pornos zusammenmontiert, manchmal veröffentlichen Angreifer beim sogenannten Doxing persönliche Daten wie Privatadresse, Handynummer oder Details zum Privatleben im Netz, die die Frauen und ihre Familien auch offline gefährden können.

»Desinformationskampagnen nehmen zu, die speziell darauf abzielen, Politikerinnen zu belästigen und zum Schweigen zu bringen«, beobachtet die pakistanische Digitalexpertin Nighat Dad. »Die Angreifer spielen mit frauenfeindlichen Vorurteilen und machen das Geschlecht der Politikerinnen zum Gegenstand der Angriffe – mit dem Ziel, ihre Politik zu beeinflussen.« Sobald Politikerinnen etwa starke Positionen beziehen oder kontroverse Themen aufgreifen, würden Kampagnen gegen sie gestartet.

Digitalexpertin Nighat Dad kämpft in Pakistan gegen digitale Gewalt

Digitalexpertin Nighat Dad kämpft in Pakistan gegen digitale Gewalt

Foto: Photo handout by the Digital Rights Foundation

Im Vorfeld der pakistanischen Wahlen 2018 hat Dads Organisation »Digital Rights Foundation« Hunderttausende Facebook-Kommentare ausgewertet : Während sich Angriffe gegen männliche Kandidaten meist auf deren politische Integrität anstatt auf ihr Aussehen bezogen, wurden Politikerinnen eher mit persönlichen oder sexualisierten Aussagen belästigt.

Sexualisierte Attacken gegen Frauen sind ein mächtiges politisches Instrument – mittlerweile schlagen Angreifer wie Social-Media-Teams von Parteien, Anhänger politischer Bewegungen oder Influencer dabei zunehmend koordinierter und professioneller zu. »Kampagnen werden teilweise in WhatsApp-Gruppen organisiert«, beobachtet Dad. »Dort entscheiden sie, wie sie vorgehen, entwerfen Tweet-Vorlagen, Facebook-Posts, Social-Media-Flyer, Videos und anderes Material.«

Veröffentlicht werden die Gerüchte über eine »ausgeklügelte Maschinerie koordinierter Social-Media-Accounts«, auch Bots kommen teils zum Einsatz, die Inhalte automatisiert weiterverbreiten. Die Botschaften wirken häufig authentisch, sodass sie manchmal sogar von traditionellen Medien aufgegriffen werden. »Es ist ein organisierter Online-Lynchmob«, warnt Dad.

Ayesha Gulalai galt als politisches Nachwuchstalent – heute ist ihre politische Karriere zerstört

Ayesha Gulalai galt als politisches Nachwuchstalent – heute ist ihre politische Karriere zerstört

Foto: PPI / ZUMA Press / imago

In Pakistan hat die landesweite Diffamierungskampagne gegen Ayesha Gulalai ihren Ruf regelrecht zerstört. Sie war eine der jüngsten Abgeordneten im pakistanischen Parlament, wurde als Nachwuchshoffnung gefeiert. Doch seit sie 2017 öffentlich machte, dass der PTI-Parteivorsitzende Imran Khan sie mit obszönen Textnachrichten belästigt habe, wird sie von Hasstiraden und Vergewaltigungsdrohungen verfolgt.

Anhänger von Khan riefen online dazu auf, sie mit Säure zu überschütten oder auszupeitschen. Bei den Wahlen 2018 gewann Gulalais eigene Partei keinen einzigen Sitz im Parlament, heute hat sie keinen politischen Einfluss mehr – Imran Khan dagegen ist Premierminister.

Auch in Brasilien ist der Hass gegen politische Gegnerinnen in der Bolsonaro-Ära besser organisiert und weiter verbreitet als je zuvor. Die täglichen Attacken auf Manuela d'Ávila sind so zahlreich, dass ihr Team sie nicht mehr bewältigen kann. »Sie versuchen die gewalttätigsten Dinge von mir abzuschirmen«, sagt die 39-Jährige, die für die kommunistische Partei im Stadtrat von Porto Alegre sitzt.

Teils würden die Inhalte gleich an einen Anwalt und die Polizei weitergegeben. »Aber ein Gerichtsprozess, in dem extrem brutale Drohungen gegen mich verhandelt werden, ist für mich auch kräftezehrend«, sagt d'Ávila – daher entscheide sie sich oft gegen diesen Weg.

Vor fünf Jahren wurde d'Ávila zum ersten Mal körperlich angegriffen, als sie mit ihrem Baby bei einem Konzert war

D'Ávila gehört zu den Politikerinnen, die in den brasilianischen Netzwerken am häufigsten zur Zielscheibe von Hass und Drohungen werden. Bei den Kommunalwahlen Ende 2020 richteten sich 90 Prozent der Twitter-Attacken  gegen sie. Seit rund 15 Jahren erlebt sie virtuelle Angriffe, sie ist Opfer von unzähligen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sowie von Desinformationskampagnen.

Die Liste der Gerüchte und Verleumdungen über d'Ávila ist lang: Angeblich habe sie wegen Korruption eine Gefängnisstrafe absitzen müssen, hätte als Teenager einen viel älteren Freund gehabt und sei eine »Hure«, die nicht an Gott glaubt. Als sie einmal in der Kirche saß, griffen Gläubige sogar den Pfarrer an – sie begriffen nicht, wie er die angebliche Atheistin in die Kirche lassen konnte.

Im Visier der Rechten: Manuela d'Ávila ist eine der am häufigsten attackierten Politikerinnen Brasiliens

Im Visier der Rechten: Manuela d'Ávila ist eine der am häufigsten attackierten Politikerinnen Brasiliens

Foto: ADRIANO MACHADO / REUTERS

Attacken auf sie würden d'Ávila zufolge zunehmend zielgerichtet und unter anderem von Bots ausgeführt, dahinter stünden rechte Netzwerke, die den Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützten. Bereits im Wahlkampf 2018 spielten Fake News unter anderem in WhatsApp-Gruppen eine zentrale Rolle  – d’Avila trat damals für den Bolsonaro-Herausforderer Fernando Haddad als Vizepräsidentschaftskandidatin an. Auch Haddad wurde auf Social Media angegangen, der Politiker wurde allerdings weniger genderspezifisch attackiert.

»Die Angriffe sollen so aussehen, als seien sie persönlich, das ist die Strategie«, sagt Manuela d'Ávila. »Aber sie sind organisiert und politisch.« In ihrem neuen Buch hat sie Fälle von 50 brasilianischen Frauen zusammengetragen, die von Gewalt betroffenen sind.

Wissenschaftler warnen davor, dass die Gewalt die politische Beteiligung  von Frauen einschränkt und die demokratische Vielfalt  gefährde. Attackierte Frauen ziehen sich teils aus sozialen Netzwerken zurück, zensieren sich oder verabschieden sich ganz aus der Politik.

»Bei jeder Person, die mir begegnet, überlege ich, ob ich einen größeren Abstand einhalten sollte«

Auch Manuela d'Ávila erlebt immer wieder Phasen der Angst und der Selbstzensur. Es fühle sich an »wie ein großes schwarzes Loch, in das mich diese Leute jeden Tag werfen«, sagt sie. Sich aus den sozialen Medien zurückzuziehen, ist für sie als Politikerin jedoch keine Option, da dort ein Teil des öffentlichen Lebens stattfindet. In der Pandemie sind politische Onlineaktivitäten zudem wichtiger als zuvor.

Viele ihrer Kolleginnen und Mitstreiter hätten inzwischen ihre politische Karriere beendet oder seien ausgewandert, weil ihnen die Angriffe zu gefährlich wurden. Vor fünf Jahren wurde d'Ávila zum ersten Mal körperlich angegriffen, als sie mit ihrem Baby bei einem Konzert war – zuvor war online berichtet worden, dass sie sich als Kommunistin inszeniere, aber teure Kindersachen in Miami kaufe.

Inzwischen hat d'Ávila jedes Mal Angst vor verbalen oder physischen Angriffen, wenn sie das Haus verlässt. Bei Flugreisen, aber auch am Strand wird sie häufig beschimpft, geschubst oder geschlagen – ein Flug von Rio de Janeiro nach Porto Alegre konnte nach einem Angriff auf sie erst verspätet starten. »Social Distancing begleitet mich schon lange«, erzählt sie. »Bei jeder Person, die mir begegnet, überlege ich, ob ich einen größeren Abstand einhalten sollte.«

Die Politikerin steht weiter in der Öffentlichkeit. Ohne ihre Familie, sagt sie, würde sie all das nicht schaffen – »aber seit Bolsonaro an der Macht ist, denke ich oft darüber nach, Brasilien mit meiner Familie zu verlassen«. Noch schlimmer, sagt sie, ginge es schwarzen Frauen – »sie werden nicht nur sexistisch, sondern auch noch rassistisch attackiert«.

Politikerinnen sind bisher bei Offline- und Online-Angriffen oft auf sich allein gestellt. Digitalexpertin Nighat Dad zufolge würden sich Parteien selten geschlossen hinter attackierte Politikerinnen stellen, Sicherheitsprotokolle zum Schutz vor digitaler Gewalt sind kaum verbreitet.

Dad beobachtet zwar, dass soziale Netzwerke seit etwa zwei Jahren stärker gegen Falschaussagen vorgehen und Algorithmen einsetzen, die Fake-Konten und Bots besser erkennen. Doch sie liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Angreifern. Diese gestalten Kampagnen unauffälliger, um den Filtern zu entkommen – und nutzen etwa in Pakistan Hindu-Hashtags, die die Algorithmen der westlichen Konzerne nicht aufspüren.

Der Expertin zufolge bräuchte es mehr menschliche Moderatoren und lokale Factchecking-Partner, doch: »Bisher investieren die Netzwerke im Vergleich zu ihrem Umsatz nur Peanuts.« Oft sind es Nichtregierungsorganisationen, die einspringen, wenn Politikerinnen bedroht werden. So hat Dads »Digital Rights Foundation« in Pakistan die »Cyber Harassment Helpline« eingerichtet, die Betroffene digitaler Gewalt berät, darunter auch Politikerinnen.

Editar Ochieng aus Kenia lässt sich nicht einschüchtern

Editar Ochieng aus Kenia lässt sich nicht einschüchtern

Foto: Heiner Hoffmann

Als Editar Ochieng aus Kenia bedroht wurde, bot ihr eine Stiftung, die sich für Frauenrechte einsetzt, Schutz an – sie finanzieren ihr jetzt Bodyguards. »Ich habe nur Frauen genommen, am Ende hat ein fast 20-köpfiges All-Women-Team meine Kinder und mich beschützt«, sagt Ochieng. »Das hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben.«

Sie glaubt, dass Frauen Gewalt aushalten müssen, wenn sie in die Politik wollen. Sie wurde bereits von Männern mit Steinen beworfen, weil sie sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Sie wurde von maskierten Männern zu Hause besucht, die ihr »nahelegten«, Täter von sexuellen Übergriffen in Ruhe zu lassen. Sie wurde bei Demonstrationen verhaftet, ist Überlebende sexueller Gewalt.

All das habe sie am Ende nur stärker gemacht, sagt sie. »Frauen haben in diesem Teil der Stadt kein Geld, keinen Besitz, damit haben wir auch keinen Zugang zu politischer Macht«, sagt die Aktivistin. »Aber wir haben unseren Mund.« Im kommenden Jahr will sie wieder kandidieren – allerdings nur noch für das Regionalparlament.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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