Ikone der brasilianischen Frauenbewegung »Twitter ist in Brasilien das toxischste aller sozialen Medien«

Die Philosophin Djamila Ribeiro ist das Gesicht der schwarzen brasilianischen Frauenbewegung. Wie sie trotz aller Widerstände Karriere gemacht hat und warum sie jetzt Twitter verklagt.
Ein Interview von Nicola Abé, Sao Paulo
Djamila Ribeiro

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Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Frau Ribeiro, Ihre Großmutter arbeitete als Hausmädchen. Ihre Mutter ebenso. Sie sind Dozentin an einer Universität. Sind Sie nicht das beste Beispiel dafür, dass man es in Brasilien schaffen kann?

Ribeiro: Die Idee, dass man alles schaffen kann, wenn man nur genug kämpft, ist sehr verbreitet in Brasilien. Ich glaube nicht daran. Es geht nicht nur um persönlichen Einsatz. Möglichkeiten verändern Leben. Möglichkeiten entstehen durch Politik. Dass der Kreislauf der Hausarbeiterinnen in meiner Generation gebrochen wurde, hat mit der Politik von Präsident Lula da Silva zu tun, der den Zugang zur Bildung verbesserte. Ich hatte als Erste in meiner Familie die Chance zu studieren. Wenn es keine Veränderungen auf politischer Ebene gibt, dann geht die Unterdrückung weiter, dann werden Menschen weiter dehumanisiert und als Nichtbürger behandelt.

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Djamila Ribeiro, geboren 1980 in Santos, ist eine Ikone der schwarzen, brasilianischen Frauenbewegung. Ihre Vorfahren waren Sklaven, ihre Mutter arbeitete als Reinigungskraft. Ribeiro unterrichtet Philosophie an der Universität von São Paulo. Ihr »Kleines Handbuch des Antirassismus« war 2021 in Brasilien das meistverkaufte Buch auf Amazon. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über ihr Leben in einer rassistischen Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie schreiben in einem Ihrer Bücher, Sie fühlten sich als Fremde im eigenen Land. Wie entstand dieses Gefühl?

Ribeiro: Das begann in der Schule, als es im Lehrplan nichts über unsere Geschichte gab oder über den afrikanischen Kontinent. Wir waren Sklaven, mehr erfuhren wir nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es etwas Gutes war, schwarz zu sein. Mein Gefühl war es, nirgendwo dazuzugehören und gehasst zu werden. Mein Vater war Hafenarbeiter, wir waren alles andere als reich. Aber er war auch Aktivist. So hatte ich die Chance, die Ideen, dass wir Schwarze minderwertig seien oder hässlich, zumindest zu Hause anzusprechen und zu widerlegen. Die meisten hatten das nicht.

SPIEGEL: Sie waren schon 28, als Sie anfingen, Philosophie zu studieren.

Ribeiro: Weiße Brasilianer beginnen ihr Studium normalerweise mit 17 oder 18. Ich hatte schon eine Tochter und musste zur Universität in eine andere Stadt pendeln. Ich war die einzige Schwarze im Studium. Es gab keine Kinderbetreuung. Der Sexismus, der mir damals entgegenschlug, war krass – auch vonseiten meines eigenen Mannes – deswegen ist er heute ein Ex-Mann (lacht). Mir wurde vorgeworfen, meine Tochter im Stich zu lassen. Ohne die Unterstützung meiner Freundinnen und meiner Schwester hätte ich es nicht geschafft. Es waren andere Frauen, die mir geholfen haben.

SPIEGEL: Der brasilianische Feminismus erlebte vor der Coronakrise einen regelrechten Frühling. Gefährdet die Pandemie Ihre Erfolge?

Ribeiro: Die Lage ist schwierig für soziale Bewegungen. Wir können keine Demonstrationen mehr organisieren. Wir leben in einem Land, in dem viele Menschen keinen Zugang zum Internet haben. Wie können wir sie erreichen? Viele Frauenrechtsorganisationen haben deutlich weniger Geld zur Verfügung – Bolsonaro hat die Budgets gekürzt – und das zu einer Zeit, in der die häusliche Gewalt rasant ansteigt.

SPIEGEL: Gemeinsam mit anderen Frauen verklagen Sie nun Twitter, warum?

Ribeiro: Twitter ist in Brasilien das toxischste aller sozialen Medien, besonders für schwarze Frauen. Es ist gewalttätig. Ich habe keinen Account, aber meine Tochter wurde auf Twitter bedroht, deshalb bin ich zum ersten Mal in meinem Leben zur Polizei gegangen. Dann beschloss ich, Twitter zu verklagen, weil sie Rassismus und Frauenhass finanziell ausnutzen. Die sozialen Medien verdienen sehr viel Geld mit »Trending Topics«, und was hier sehr gut läuft, sind sexistische, rassistische Beiträge. Twitter macht daraus Geld. Doch was sie tun, hat Auswirkungen, die psychologischen Schäden sind groß, und viele Frauen haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und aufgegeben. Für mich ist es wichtig, Twitter zur Verantwortung zu ziehen und nicht eine Einzelperson, die Twitter nutzt. Twitter muss seine Regeln und Maßnahmen verändern, um solche Dinge zu verhindern. In diesem Jahr soll es eine Anhörung mit Vertretern von Twitter geben.

»Bolsonaro ist nicht gesperrt. Er verbreitet ständig Fake News, hetzt und attackiert.«

Djamila Ribeiro

SPIEGEL: Zwei Wochen vor Ende der Amtszeit von Donald Trump sperrte Twitter dessen Account – ein Grund zum Feiern?

Ribeiro: Bolsonaro ist nicht gesperrt. Er verbreitet ständig Fake News, hetzt und attackiert. Ebenso seine Unterstützer. Vor einigen Monaten gab es hier den Fall eines Mädchens. Sie war erst zehn Jahre alt, von ihrem Onkel missbraucht worden und schwanger. In Brasilien ist Abtreibung im Falle einer Vergewaltigung erlaubt. Die Familie beschloss, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Bolsonaros Unterstützer starteten eine Kampagne gegen das Mädchen – auf Twitter. Ihr Name, der Name eines minderjährigen Gewaltopfers, wurde auf Twitter veröffentlicht. Eine Masse an Menschen versammelte sich vor dem Krankenhaus, um sie von der Abtreibung abzuhalten, zu bedrohen und zu beschimpfen. Das alles lief über Twitter. Das Unternehmen unternahm rein gar nichts dagegen. Sie haben die Situation ausgenutzt und zu Geld gemacht. Wie viel von diesem Geld, das Twitter an diesem Wochenende machte, indem es dieses Mädchen bloßstellte, wie viel davon werden sie der Familie wohl spenden?

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen im Dezember 2019 in Brasília

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen im Dezember 2019 in Brasília

Foto: UESLEI MARCELINO / REUTERS

SPIEGEL: Präsident Jair Bolsonaro erfreut sich gerade großer Beliebtheit. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ribeiro: Wir haben nicht an Stärke und Zuspruch verloren. Aber seit Bolsonaro regiert, sind wir noch mehr Angriffen ausgesetzt. In kaum einem anderen Land der Welt werden so viele Frauenrechtsaktivistinnen ermordet wie hier. Wir müssen mit einer extremen Rechten umgehen, die das Coronavirus ebenso leugnet wie die Existenz von Rassismus oder Sexismus. Wir müssen Vorurteile und Fake News widerlegen. Auch die evangelikalen Kirchen sind dafür verantwortlich, die in den ärmeren Gesellschaften aktiv sind, Bolsonaro unterstützen und zum Beispiel verbreiten, Homosexualität sei eine Idee des Teufels.

SPIEGEL: Sie bezeichnen den Rassismus in Brasilien als »Projekt«. Was meinen Sie damit?

Ribeiro: Die Leute verbinden mit Brasilien Karneval und Strand. Alle sind fröhlich und leben in Harmonie. Das ist das Bild, das nach außen verkauft wird. Dieses Bild bekämpfen wir – weil es nicht stimmt. Brasilien war das Land, das die Sklaverei als letztes abgeschafft hat. Danach gab es keinerlei Programme zur Inklusion der schwarzen Bevölkerung. Damals entstanden die Favelas, wo die meisten bis heute leben. Schwarze Frauen fingen an, als Haushaltshilfen zu arbeiten, wie sie es bis heute tun.

SPIEGEL: Ist das nicht eher ein Erbe als ein Projekt?

Ribeiro: Rassismus ist ein Projekt, weil täglich schwarze junge Männer von der Polizei getötet werden, weil etwa 2016 alle 23 Minuten ein schwarzer Mensch in diesem Land ermordet wurde und weil nur 13 von 500 Abgeordneten im Kongress schwarze Frauen sind – obwohl wir Schwarzen die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Es gibt diese Idee, dass Hautfarben hier nicht so wichtig seien, dass wir alle ein Mix seien. Doch die Polizei weiß immer, wer schwarz ist. Das Fernsehen weiß immer, wer schwarz ist.

SPIEGEL: Zeigt sich in der Pandemie der Rassismus der Gesellschaft besonders deutlich?

Ribeiro: Rassismus ist ein strukturelles Problem, das sich durch alle Lebensbereiche zieht. Es ist daher wenig überraschend, dass deutlich mehr Schwarze an Covid-19 sterben. Sie haben weniger Zugang zu Bildung, die Hygienebedingungen sind dort, wo sie leben, schlechter. Außerdem sind sie auf die öffentliche Gesundheitsversorgung angewiesen.

Black-Lives-Matter-Proteste in Porto Alegre im November 2020

Black-Lives-Matter-Proteste in Porto Alegre im November 2020

Foto: DIEGO VARA / REUTERS

SPIEGEL: Befürchten Sie, dass die schwarze und indigene Bevölkerung nun auch bei den Impfungen benachteiligt wird?

Ribeiro: Es gibt hier teure Privatkliniken, die schon erklärt haben, dass sie Impfungen kaufen werden. Progressive Politiker in den Bundesstaaten wollen das verhindern und die Impfungen nur über das öffentliche Gesundheitssystem verteilen. Aber wir haben es mit einer Regierung unter Jair Bolsonaro zu tun, daher habe ich Zweifel.

SPIEGEL: Sie erwarten, Privatkliniken könnten das Gesundheitssystem umgehen und die Reichen schneller impfen?

Ribeiro: Es fällt mir wirklich schwer zu glauben, dass das nicht passieren wird. Wir leben in einem Land, in dem wir den Institutionen nicht vertrauen können. Es gibt eine Hierarchie der Werte von Leben. Es wird für die Ärmeren länger dauern, an eine Impfung zu kommen. Und das sind in Brasilien die Schwarzen und Indigenen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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