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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Roland Nelles

Die Lage: USA 2020 Der US-Präsident braucht frisches Geld

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit dem Loch in der Wahlkampfkasse des US-Präsidenten, mit Joe Bidens einigermaßen stabilen Umfragezahlen - und mit den Reiseplänen der Kandidaten.

Der Mythos, dass Donald Trump ein super Geschäftsmann ist, der gut mit Geld umgehen kann, ist schon mehrfach widerlegt worden. Sein Immobilienimperium hat er mit Millionen am Leben gehalten, die er von seinem Vater bekam. Später fuhr er diverse Unternehmungen vor die Wand. Immer wieder war Trump im Laufe seiner Karriere knapp bei Kasse.

Auch jetzt, im Wahlkampf, bekommt Trump möglicherweise ein Problem mit dem Cashflow. Eigentlich galt seine Wahlkampfkasse stets als prall gefüllt mit Spendengeldern, nun aber stellt sich heraus, dass sein Team in den vergangenen Monaten schon gut 800 Millionen Dollar verprasst hat. Das Geld ging unter anderem für TV-Werbung, Mitarbeiterreisen und die Parteitagsplanung drauf.

Brad Parscale, der frühere Wahlkampfchef des Präsidenten, habe das Geld durchgebracht wie ein "betrunkener Seemann", schreibt die "New York Times" . In der Partei seien Verbündete des Präsidenten alarmiert. Trump soll nach US-Medienberichten darüber nachdenken, gut 100 Millionen Dollar aus seinem persönlichen Vermögen zuzuschießen.

Früherer Trump-Wahlkampfchef Brad Parscale: Hat er Geld verprasst wie ein "betrunkener Seemann"?

Früherer Trump-Wahlkampfchef Brad Parscale: Hat er Geld verprasst wie ein "betrunkener Seemann"?

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Paul Sancya/ AP

Trumps Herausforderer Joe Biden bricht derweil bei den Spendeneinnahmen Rekorde. Allein im August nahm er gut 365 Millionen Dollar ein, mehr als jeder andere US-Präsidentschaftskandidat vor ihm.

Im Trump-Team werden mögliche Geldprobleme dementiert. Trump selbst sagte, man habe in den vergangenen Monaten eine Menge Geld für Werbung ausgeben müssen, um den "Fake News" etwas entgegenzusetzen. Er sei auch bereit, Geld aus seiner eigenen Tasche zuzuschießen. Aber es sei immer noch eine Menge Geld übrig, so Trump. "Viel mehr als 2016."

Wirklich? Die Bettel-E-Mails, die Trumps Team derzeit massenhaft an potenzielle Spender versendet, klingen nicht gerade, als sei mit der Kasse alles in bester Ordnung. "Bitte zahlt einen Beitrag", schreibt Trump da an seine Anhänger fast schon flehend. "Lasst mich nicht im Stich!"

Hit The Road, Joe

Der US-Wahlkampf tritt in eine neue Phase: Trotz Coronakrise fahren sowohl Donald Trump als auch Biden nun mehr hinaus ins Land, gehen unter Leute.

Die Kontrahenten wählen unterschiedliche Ansätze. Trump versucht, seine alten Massenveranstaltungen wiederzubeleben. Dazu versammelt er meist einige Hundert Fans auf Flugplätzen. Joe Biden macht eher kleinere Treffen, mit höchstens einigen Dutzend Anhängern. Der Demokrat hält Mindestabstände ein und nimmt seinen Mund-Nasen-Schutz nur selten ab.

Wahlkämpfer Joe Biden: In der Öffentlichkeit meist mit Maske unterwegs

Wahlkämpfer Joe Biden: In der Öffentlichkeit meist mit Maske unterwegs

Foto: KEVIN LAMARQUE / REUTERS

Vor allem für Biden ist die verstärkte Reisetätigkeit ein großer Schritt, ja, sogar ein Strategiewechsel. Während Trump auch in den vergangenen Monaten nie ganz auf Kurztrips ins Land verzichtete, blieb der Herausforderer die meiste Zeit zu Hause.

Mit der Außenwelt kommunizierte er nur per Videocall, auch um die Ansteckungsgefahr für sich selbst zu minimieren. Biden musste auch nicht viel machen: Es reichte für ihn, dabei zuzusehen, wie Trump bei der Bekämpfung der Pandemie einen Fehler nach dem anderen machte.

Wettkampf um Wählerstimmen

Offenkundig haben sie im Biden-Lager erkannt, dass diese Zurückhaltung nun, in der Schlussphase des Wahlkampfs, nicht mehr ausreichend sein könnte. Biden zeigt derzeit in genau jenen "Battleground States" Präsenz, die er möglichst gewinnen muss, wenn er Trump schlagen will: Michigan, Pennsylvania, Wisconsin. Er trifft Gewerkschafter, gibt lokalen Medien Interviews und hält vor Ort Reden.

Zur gleichen Zeit ist genau dort aber auch Trump unterwegs. Es ist ein geradezu kurioser Wettlauf zu beobachten. Wenn Trump in Pennsylvania auftritt, kommt am nächsten Tag Biden. Reist Biden nach Michigan, taucht bald darauf Trump auf. Ist Bidens Vizekandidatin Kamala Harris in Wisconsin, schaut dort sofort auch Trumps Vize Mike Pence vorbei.

Das angestrengte Schaulaufen im Norden und Mittleren Westen von heute geht auf den Wahlkampf 2016 zurück: Hillary Clinton hatte damals die alten Demokraten-Hochburgen Wisconsin und Michigan vernachlässigt. Sie ließ sich dort praktisch nicht blicken. Trump hingegen war häufig vor Ort. So konnte er dann dort gewinnen. Diesen Fehler will Biden diesmal offenkundig nicht wiederholen.

Das sagen die Umfragen

Donald Trump konnte nach dem Parteitag der Republikaner den Abstand zu Joe Biden in den Umfragen verkürzen. Seine Zugewinne sind - zumindest bislang - jedoch nicht stark genug, um Biden einzuholen.

Es gibt seit dem Parteitag ein gutes Dutzend Umfragen, die allesamt Biden weiterhin vor Trump sehen. Im Juni betrug der Vorsprung von Biden zehn Prozentpunkte, nun liegt er im Durchschnitt aller landesweiten Erhebungen bei RealClearPolitics  noch 7,1 Prozentpunkte vor dem Amtsinhaber. Biden kommt demnach auf 49,9 Prozent, Trump auf 42,8 Prozent.

Zum Vergleich: Hillary Clinton lag 2016 um die gleiche Zeit nur noch mit 2,1 Prozentpunkten vor Trump.

Auch in den besonders umkämpften Staaten behauptet Biden weiterhin die Führung. Allerdings ist der Abstand zu Trump hier teilweise gering. In Wisconsin und Arizona liegt Biden 5 Prozentpunkte vor Trump, in Michigan sind es noch 2,6 Prozentpunkte und in Pennsylvania 3,9 Prozentpunkte. In Florida beträgt der Vorsprung von Biden nur noch 1,2 Prozentpunkte, in North Carolina 0,6 Prozentpunkte.

Einen interessanten Trend gibt es im Bundesstaat Ohio, der ebenfalls zum "Rustbelt" im Norden zählt. Dort liegt Biden durchschnittlich jetzt 4 Prozentpunkte vor Trump. Hier konnte sich der Demokrat verbessern. Sehr zu Trumps Ärger: Lange waren die Strategen im Lager des Präsidenten davon ausgegangen, dass Ohio für sie eine sichere Bank sein würde. Jetzt müssen sie darum kämpfen, die bisherige Hochburg zu halten.

Das ist wichtig: Der Staat liefert 18 der insgesamt 270 Wahlleute-Stimmen, die es für den Gesamtsieg braucht. Das sind mehr als Wisconsin (10) und Michigan (16) und fast so viele wie Pennsylvania (20 Stimmen).

 Die Wahlkampfpleite der Woche…

…ist die Bootsparade für Donald Trump in Texas, bei der am vergangenen Wochenende fünf Schiffchen kenterten. Seither müssen sich die Fans des Präsidenten, deren Boote auf dem Grund eines Sees landeten, reichlich Spott gefallen lassen. Der Untergang sei sinnbildlich für den Zustand von Trumps gesamter Wahlkampagne, heißt es bei den Demokraten.

Tatsache ist: Die Boote der Trump-Flotte gingen nicht etwa unter, weil ein Sturm aufkam, sondern es waren einfach zu viele unerfahrene Hobby-Kapitäne unterwegs. Durch falsche Manöver entstanden gefährliche Wellen, die kleinere Boote zum Kentern brachten. Die Trump-Fans versenkten sich also quasi selbst. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Pro-Trump-Flotte in Texas: Fünf Boote selbst versenkt

Pro-Trump-Flotte in Texas: Fünf Boote selbst versenkt

Foto: Bob Daemmrich / imago images/ZUMA Wire

Eine anderer Aspekt geriet bei der Aufregung in den Hintergrund: Donald Trump lässt sich gern als Held des kleinen Mannes feiern. Bei den diversen Bootsparaden für den Präsidenten, die man in diesem Wahlkampf in Texas, Florida oder auf den Great Lakes im Norden der USA sieht, ist vom Charme der Arbeiterklasse allerdings nicht so viel zu spüren.

Hier ist eher das wohlhabende, weiße Amerika für den Präsidenten unterwegs: Etliche der Sportboote oder Jachten sind erkennbar mit teuren Motoren, Ledersitzen und Hightech ausgestattet. So lässt sich erahnen, wo Teile von Trumps Steuergeschenken hingeflossen sind.

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich,

Ihr

Roland Nelles

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